„Sind Sie schon mal Motorrad gefahren?“, fragt der Guide bei der Einweisung. „Vergessen Sie alles!“ Foto: Kitty Kleist-Heinrich
p

Offroad-Touren in Lichterfeld Mit Allradantrieb durch den Tagebau

6 Kommentare

Eine Brandenburger Agentur bietet Offroad-Touren auf Jeep und Quad durch frühere Tagebaue und Truppenübungsplätze. Unser Autor ist mitgefahren.

Das fängt ja gut an: Festgefahren! Gerade noch rollte der Wagen gemächlich dahin, in Schräglage zwar, aber unbeirrt vom weichen Sand. 4WD eben, four-wheel drive, was irgendwie cooler klingt als Allradantrieb. Zur Linken Büsche, Strauchwerk, kleine Bäume, wie es hier überall mal aussah, ehe die Bagger kamen. Zur Rechten der nicht gerade sanft abfallende, aber auch nicht bedrohlich wirkende Strand, dann der Bergheider See, ein vollgelaufener Tagebau, der so heißt, weil hier mal das Dörfchen Bergheide stand.

Vor uns ist Tourguide Uwe Fankhänel scharf nach rechts abgebogen, dem Wasser entgegen. Die Reifen seines Jeep Cherokee haben tiefe Spuren in den Sand gezeichnet, mahlen sich unnachgiebig hindurch, und da er uns geraten hatte, ihm einfach alles nachzumachen, fahren wir eben hinterher. Aber irgendetwas muss dabei schiefgelaufen sein, jedenfalls geht es nicht weiter, die Reifen drehen sich, aber sie befördern leider nicht mehr vorwärts.

Die Kiste hängt auch noch ziemlich schräg am Hang. Rückwärtsgang also, vorsichtig zurücksetzen für den zweiten Versuch – aber da meldet sich schon Fankhänel, der alles im Blick hat, und gibt übers Funkgerät Tipps, wie jetzt das Lenkrad einzuschlagen sei. Und tatsächlich, der Wagen kommt frei, gräbt sich langsam durch den tückischen Untergrund, es ruckt, und es geht hinunter zum Wasser.

Aussteigen, Landschaft bewundern

Jetzt erst mal aussteigen, die Landschaft bewundern. Vor uns der See mit dem sich zum ursprünglichen Plateauniveau hochziehenden Strand, einem breiten, von Planierraupen glattgeschobenen Streifen, bei dessen Anblick man sich sofort fragt, wie viel davon wohl übrigbleiben wird. Eine Frage, die fast jeder seiner Besucher stelle, sagt Fankhähnel, aber der See habe seine größte Ausdehnung bereits im Mai 2014 erreicht, der Strand bleibe so, wie er ist.

Sieht alles etwas fremdartig aus, besonders an den steileren Stellen, wo der Regen kleine Canyons in den Sand gewaschen hat. Erinnert ein wenig an Death Valley oder Grand Canyon drüben im Wilden Westen, und tatsächlich ist hier vor zwei Jahren mal ein Western gedreht worden, „Brimestone“, in dem ursprünglich sogar Robert Pattinson, der Vampir vom Dienst in der „Twilight“-Filmreihe, mitspielen sollte. Wurde leider nichts draus.

Zurück zu den Autos, deswegen sind wir ja hier. In der Offroad-Agentur, die Uwe Fankhänel mit seiner Lebensgefährtin seit 2010 direkt am Besucherbergwerk F60 bei Lichterfeld im Landkreis Elbe-Elster betreibt, hat er einige davon, allesamt Jeep Cherokee, einen sogar im Zebra-Look, als ginge es in die Serengeti. Es sind robuste Transportmittel mit rustikaler Technik, jeweils 175 PS aus vier Litern Hubraum, die über ein Automatikgetriebe auf die Räder übertragen werden. Die Sorge, am sandigen Abhang im Getriebe herumrühren zu müssen, können sich Offroad-Anfänger also sparen.

Das eigene Auto dreckig machen?

Und das sind hier viele, Männer wie Frauen, die sich im Schatten der riesigen, nunmehr musealen Braunkohle-Förderanlage F60 zum 4WD-Abenteuer einfinden. Selbst wenn sie in dicken SUVs anrollen, haben sie mit Gelände doch oft keine Erfahrung – und steigen ohnehin lieber auf einen der bereitstehenden Jeeps um.

Das eigene Auto dreckig machen, an Dornensträuchern zerkratzen? Gütiger! Fankhänel hat damit keine Probleme. Der Rundfunk- und Fernsehtechniker besitzt in Lauchhammer einen Elektromarkt, aber an den Wochenenden der warmen Jahreshälfte lebt er seine Leidenschaft aus: beim motorisierten Geschaukel durch die kargen Weiten der ehemaligen Lausitzer Tagebaulandschaft.

Vor 28 Jahren hatte sie ihn und seine Lebensgefährtin gepackt, als Mitglieder eines von ihnen gegründeten Offroad-Clubs. Gelegentlich gab es schon damals Veranstaltungen in Tagebauen, und von Schaulustigen, die sich bei solchen Gelegenheiten gern einfinden, kam immer öfter die Frage, ob man nicht mal mitfahren dürfe: Die Idee zur professionellen Agentur war geboren.

Seit 2010 hat sie ihren Standort am Besucherbergwerk F60, das gern als „liegender Eiffelturm der Lausitz“ bezeichnet wird, obwohl es mit 502 Metern sogar deutlich länger ist als das Pariser Wahrzeichen. Die Abraumförderbrücke ist eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt, war 1991/92 nur gut ein Jahr im Einsatz, wurde dann aber nicht verschrottet, sondern nach einigem Hin und Her zum touristischen Anziehungspunkt umgewandelt, samt 74 Meter hoher Aussichtsplattform, Restaurant, Veranstaltungsprogramm, dem nahen See, Konzerten und Festivals.

Zur Startseite