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Auf Hilfe angewiesen. Sanitäreinrichtungen für Obdachlose gibt es in Berlin nur vereinzelt. Ein neues Busangebot soll das ändern. Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki
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Öffentliche Hilfen für Obdachlose Neue Beratungsbusse rollen ab Mai durch Berlin

Ab 3. Mai sollen zwei neue Beratungsbusse durch die Stadt fahren. Daneben gibt es dank der Initiative einer Privatperson erstmalig auch eine Dusche auf Rädern.

Neben der Armut prägen häufig auch Süchte und Missbrauch das Leben von Obdachlosen, die ihren Schlafplatz auf der Straße finden. Dazu kommt in der Regel der Mangel an öffentlichen Sanitäreinrichtungen. Ab Mai soll es nun Menschen ohne Wohnung einfacher gemacht werden, zu duschen oder auf der Toilette etwas Privatsphäre zu haben. Erstmalig sollen dann drei mobile Dusch- und Beratungsbusse durch Berlin fahren.

„Für die Menschenwürde gehört auch körperliche Pflege dazu“, sagt Fatos Topac, Sprecherin für Sozial- und Pflegepolitik der Grünen im Abgeordnetenhaus. Sie setzt sich seit rund zwei Jahren für das Projekt eines Duschbusses für Obdachlose ein, welches nun dank der Initiative einer Privatperson realisiert wurde. Am 3. Mai um 10 Uhr sollen am Mariannenplatz vor der St.-Thomas-Kirche zwei neue Busse der Karuna Sozialgenossenschaft in Betrieb genommen werden. Der dritte Bus, ein Duschmobil, soll Mitte Mai starten.

„Die Busse werden bunt und unverwechselbar“, sagt Jörg Richert, Vorstandsvorsitzender von Karuna. „ Wir helfen denjenigen Obdachlosen, die ihre Mobilität eingebüßt haben. Bei uns heißt es: Einsteigen bitte, um an die Orte zu kommen, wo es etwas zu essen gibt, einen Schlafplatz, eine Ärztin oder eine Dusche. So kommt nicht die Dusche zu denen, die keine eigene Wohnung haben, sondern wir bringen sie zur Dusche.“

Die Busse heißen „Sub“ angelehnt an das englische Wort Submarine (U-Boot). Und die Bemalung der Fahrzeuge erinnert mit ihrem bunten Pop-Art-Look an den Beatles-Trickfilm „Yellow Submarine“ von 1968. „Wir wollen überall dort in der Stadt auftauchen, wo wir gebraucht werden. Wir holen Menschen, die aus der Mitte der Gesellschaft abgetaucht sind, wieder an Bord, um gemeinsam mit uns aufzutauchen“, sagt Jörg Richert. Der eine Linienbus folgt einer bestimmten Route, der zweite, Flex-Bus genannt, sei für Akutfälle einsetzbar. Die flexiblen Haltestellen seien Orte, an denen sich obdachlose Menschen aufhalten und sammeln. „Der Bus wird sie finden“, erklärt Fatos Topac. Neben der Fahrt zu Toiletten und Duschen soll es auch ein Angebot zur Beratung geben. Der Bus wird von Sozialarbeitern begleitet, die dahin fahren, wo sich obdachlose Menschen aufhalten, um ins Gespräch zu kommen.

Offizielle Statistiken gibt es nicht

250 000 Euro stellt das Land für das Projekt zur Verfügung, das hatte das Abgeordnetenhaus 2017 beschlossen. Lange hat Fatos Topac für die Umsetzung ihrer Idee eines Duschbusses nach Trägern gesucht. Doch dies erwies sich als schwierig. Ein mobiler Duschbus sei auf den Zugang zu Wasser sowie Infektions- und Hygieneschutz angewiesen. Alles Hindernisse, die für die Umsetzung unüberwindbar schienen. „Viele Träger in Berlin, die sich für die Obdachlosenhilfe einsetzen, konnten dies nicht umsetzen“, sagt Topac. Im Frühjahr 2018 nahm sie dann Kontakt mit der Sozialgenossenschaft auf, die das Angebot eines Busses mit Beratung und Transport zu Duschmöglichkeiten unterstützten wollte.

Schätzungen zufolge leben bis zu 10 000 Menschen in Berlin, die von Obdachlosigkeit betroffen sind. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Auch weiß man nicht, wie viele Hilfsangebote, Dusch- und Toilettenräume in Berlin für Obdachlose zur Verfügung stehen, wie die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales bestätigte. Aber dafür wisse jeder: Sanitäranlagen sind meist sehr ausgelastet und zu wenige vorhanden. „Wir wollen die Menschen dort erreichen, wo sie sind. Dadurch bauen wir die Angebote für Obdachlose aus, aber die Busse ersetzen nicht eine gesamtstädtische Strategie für das Thema Obdachlosigkeit“, sagt Fatos Topac. „Einige Träger in Berlin machen Duschangebote, aber ein großes zentrales Angebot gibt es nicht. Da sind die Amerikaner schon weiter.“

Der erste Duschbus fährt durch Berlin

Doch nun sei Berlin immerhin Vorreiter in Deutschland. Und das auch dank eines Mannes, der in Eigeninitiative beschloss, einen kleinen Bus umzubauen, um für Frauen einen „Ort der Oase zu schaffen“ wie es Matthias Müller nennt. Matthias Müller, Leiter des Unternehmens Workerfashion, war mit seiner Lebensgefährtin in Paris, als er die Wohnmobile „Mobil’douche“ sah, die durch die Stadt fahren, in denen Männer und Frauen duschen können. Diese Idee wollte er auch in Berlin umsetzen.

Ende August 2018 kaufte er einen großen Wagen und baute ihn als gelernter Maschinenbauingenieur zu einem mobilen Duschbus um. „Ich hätte am Anfang nicht gedacht, dass das so ein Herzensprojekt für mich wird. Ich arbeite Tag und Nacht an dem Duschbus. Ostern 2019 fiel für mich aus, dafür hieß es: Spachteln, Schleifen, Lackieren, Schleifen“, sagt Müller. Er meisterte die Herausforderungen, die für die Umsetzung eines Duschbusses benötigt werden. „Wir haben für fünf Duschvorgänge an einem Tag genug Wasser an Bord. Mit der Stadt und den Wasserbetrieben habe ich entsprechende Stellen abgemacht, wo wir das Abwasser entsorgen können“, erklärt er. Nachhaltigkeit sei ihm wichtig. „Als ich einem Solarunternehmen von meiner Idee erzählte, waren sie sofort begeistert, und unterstützen das Projekt mit Solaranlagen für das Dach des Kleinbusses.“

Der Sozialdienst katholischer Frauen wird Sozialarbeiterinnen zur Verfügung stellen, die mit dem Bus fahren und obdachlose Frauen ansteuern. „Das soll einfach ein Ort sein, wo Frauen ihrer Pflege nachgehen können und sich wohlfühlen“, wie er sagt. Dabei übernimmt der Unternehmer alle laufenden Kosten des Busses, aber im Bus mitfahren, das möchte er nicht. Ihm reiche das Gefühl, etwas Sinnvolles geschaffen zu haben.

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