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Der Sozialpsychiatrische Dienst kümmert sich um Wohnungslose mit seelischen Erkrankungen. Foto: imago images/Thomas Frey
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Obdachlosenhilfe in Berlin Der Sozialpsychiatrische Dienst in Neukölln hat kein Personal

In Neukölln ist der Sozialpsychiatrische Dienst nicht voll einsatzfähig. Ein großes Problem für psychisch Kranke, die auf der Straße leben.

„Er liegt da und schreit und schreit und schreit.“ Eine Anwohnerin in Berlin-Neukölln macht sich Sorgen um einen obdachlosen Mann. Er wohnt in ihrem Kiez, schläft dort auf seiner Matratze. Seit über fünf Monaten hört die Anwohnerin ihn häufig schreien, auch nachts. In den letzten Wochen öfter und heftiger als zuvor. Also wandte sie sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpD) des Bezirks – doch selbst der kann dem Wohnungslosen nicht helfen.

Anrufe der Anwohnerin bei dem Notdienst liefen ins Leere. Telefonisch ist die Stelle seit mehreren Monaten nicht erreichbar. Wegen Personalmangel ist er seit Juli 2019 nicht voll einsatzfähig. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) spricht von einer „Ausnahmesituation“.

Auf eine E-Mail der Anwohnerin antwortete der Sozialpsychiatrische Dienst, der Mann sei den Ärzten bekannt. Eingreifen könne man aber lediglich in akuten Situationen; die Anwohnerin solle also am besten die Polizei rufen. Bei der Polizei teilte ein Beamter ihr mit: Sie solle sich an den SpD wenden, der sei zuständig. Und während die Zuständigkeit ungeklärt bleibt, schreit der Obdachlose sich weiter die Seele aus dem Leib.

Spricht man den obdachlosen Mann an, sagt er, er fühle sich in dieser Einfahrt, in der seine Matratze liegt, vergleichsweise wohl. Er sagt, seine Schreie sollten Menschen vertreiben, die ihn bedrohen würden. „Hier in dieser Ecke habe ich aber weniger Angst als anderswo“, sagt er – und erzählt von Freunden und Cafébetreibern, die ihm helfen.

Neben seinem Lager liegen eine Portion Nudeln und Müsliriegel, die Anwohner vorbeigebracht haben. Alleingelassen fühle er sich nicht: „Der Kältebus kommt regelmäßig vorbei, außerdem habe ich gute Kontakte zu Sozialarbeitern.“ Wenn Anwohner die Polizei rufen würden – was er verstehe –, seien die Beamten nett und respektvoll zu ihm. Was ist also zu tun? Und: Ist überhaupt etwas zu tun?

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Eigentlich sollen die Experten vor Ort einschätzen, ob die Person sich selbst oder andere gefährdet und in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen ist. Wenn das nicht der Fall ist, soll der Notdienst mit den Menschen reden, Hilfe anbieten und deeskalieren. Dieses Angebot fehlt Neukölln seit Juli 2019. Seitdem können Psychologen des SpD nicht mehr hinzukommen, wenn zum Beispiel Polizei oder Feuerwehr eine oder mehrere psychisch auffällige Personen antreffen.

Für eine Arztstelle gab es keine geeigneten Bewerber

Auf Anfrage sagt Gesundheitsstadtrat Liecke: „Das Bezirksamt Neukölln strebt die Rückkehr zum Regelangebot an.“ Die Stellen, die fehlten, seien noch nicht besetzt worden. Ein Sozialpädagoge werde zwar gerade eingearbeitet. Eine ausgeschriebene Arztstelle hingegen musste kürzlich „aus Mangel an geeigneten Bewerbern ergebnislos geschlossen werden“.

Deshalb sei, sagt Liecke, aktuell „nicht absehbar, wann die sozialpsychiatrische Regelversorgung wieder in vollem Umfang angeboten werden kann“. In Krisenfällen seien bis dahin Polizei und Feuerwehr auf sich gestellt, sagte Liecke.

Caritas-Referent spricht von Systemversagen

Kai Venske ist Fachreferent für Wohnungslosenhilfe bei der Caritas. Für ihn ist der Fall des obdachlosen Mannes aus Nord-Neukölln exemplarisch für einen Grenzfall, bei dem man nicht weiß, was genau zu tun ist. Psychiater vom Sozialpsychiatrischen Dienst können Betroffene nämlich nur dann gegen ihren Willen in eine Klinik einweisen, wenn sie sich selbst oder andere gefährden.

In anderen Fällen empfiehlt Venske, mit den Menschen zu reden. Und da sieht er den SpD in der Verantwortung: „Auch wenn er unterbesetzt ist, sollte jemand zu dem Menschen hingehen und mit ihm sprechen, um sich ein Bild zu machen.“ Auch wenn es keine einfache Lösung gebe, sei es ein Skandal, dass weder Bezirk noch andere öffentliche Stellen hülfen.

Oft sei in solchen Grenzfällen keine Stelle bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Venskes Fazit ist ernüchternd: „Was die Hilfe für psychisch kranke Menschen auf der Straße angeht, haben wir gerade ein Systemversagen.“ Jörg Richert, der Geschäftsführer der Sozialgenossenschaft Karuna, kritisiert anhand des Falls, dass es an geeigneten Auffangnetzen fehle. „Wir haben keine Einrichtungen für psychisch kranke Obdachlose, die nicht so krank sind, dass man sie einweisen muss.“

Transparenzhinweis: Die Anwohnerin ist eine Mitarbeiterin des Tagesspiegels.

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