Im Keller der Kreuzberger Bockbrauerei betrieben die Nazis eine unterirdische Rüstungsfabrik. Foto: Wolfgang Bittner
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Nationalsozialismus Die Spuren der Zwangsarbeit in Berlin

Eine halbe Million Zwangsarbeiter musste während des Zweiten Weltkriegs in Berlin arbeiten. Eine Spurensuche in den Ortsteilen.

Am 28. April 1942 drängeln sich viele Menschen am Bahnhof der ukrainischen Stadt Charkiw. Es ist ein warmer Tag. Alexandra Abramowa trägt ein Sommerkleid und schicke Sandalen, die sie vor dem Krieg gekauft hat. Abramowa ist 22 Jahre alt, sie hofft darauf, Arbeit zu finden. Die meisten Betriebe in der Gegend sind geschlossen.

Kummer sind die Menschen hier gewöhnt. Hungersnot, stalinistischer Terror, Plünderungen. Als im November die Wehrmacht einmarschierte, glaubten viele, schlimmer könne es nicht mehr kommen.

Die Deutschen versprachen Lohn und Brot, forderten die Bevölkerung auf, sich zu einer Arbeitsbörse am Bahnhof einzufinden. Doch stattdessen fährt nun ein Güterzug ein. Alle müssen einsteigen. „Los! Los!“, brüllen die deutschen Soldaten. Als sie die Türen des Viehwagens verriegeln, ahnt Alexandra, dass es eine unheilvolle Reise wird.

So beschrieb die ehemalige Zwangsarbeiterin Alexandra Abramowa ihre Fahrt nach Berlin, als sie 2005 von Historikern interviewt wurde. Ihre Erinnerungen finden sich zusammen mit Hunderten weiterer Interviews im Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“, das von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Freien Universität Berlin betrieben wird.

„Im Zweiten Weltkrieg basierte die Berliner Wirtschaft zunehmend auf Zwangsarbeit“, sagt der Historiker Thomas Irmer. „Überall gibt es Spuren davon.“

Deutsche Männer mussten an die Front. Die NS-Behörden lieferten Ersatz für ihre Arbeitskraft: zuerst deutsche Juden, dann zivile Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa, Kriegsgefangene und zuletzt KZ-Häftlinge. In einem Durchgangslager in der Nordmarkstraße, der heutigen Fröbelstraße in Prenzlauer Berg, konnten Unternehmer Arbeitskräfte abholen. Auch viele kleine Betriebe nutzten die Gelegenheit.

„Insgesamt lebten etwa eine halbe Million Zwangsarbeiter in Berlin. Es gab mindestens 3000 Unterkünfte im Stadtgebiet“, sagt Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums Zwangsarbeit. Weil die NS-Führung mit dem Bau von Barackenlagern nicht hinterhergekommen sei, habe man die Menschen auch in Lokale, Läden und Theater gesperrt. Das Hansa-Theater beispielsweise war so eine Unterkunft. Aber auch ganze Mietshäuser seien umfunktioniert worden. „Die Zwangsarbeiter gehörten zum alltäglichen Stadtbild“, sagt Glauning.

Im Kabelwerk Oberschöneweide muss sie Spulendraht löten

Ausgehungert steigt Alexandra Abramowa in Frankfurt an der Oder aus dem Zug. Sie weiß nicht, wie lange sie schon unterwegs ist. Nun müssen sich alle Insassen aufstellen, um wie auf einem Sklavenmarkt begutachtet zu werden. Einige Deutsche suchen kräftige Männer für die Feldarbeit. Doch es ist nur ein Durchgangslager.

Die Soldaten stoßen Abramowa und die meisten anderen wieder zurück in den Zug. Nach Berlin. Dort wird sie in ein Barackenlager gesperrt, mit 23 Personen in einem engen Raum. Nachts ist es kalt. Noch immer trägt sie das dünne Kleid und die unbequemen Sandalen.

Im Kabelwerk Oberschöneweide muss sie Spulendraht löten. Zu welchem Zweck, erfährt sie nicht. Der Meister ist freundlich zu ihr. Aber eine Aufseherin schlägt die Frauen mit der Peitsche. Sie selbst ist Tschechin, hat aber die Nazi-Ideologie verinnerlicht und fühlt sich den ukrainischen „Untermenschen“ überlegen. Einmal macht Alexandra Abramowa einen Witz. Die Strafe: zehn Tage Einzelhaft in einer winzigen Zelle, in der kein Liegen möglich ist. Tag und Nacht hat sie nur einen Gedanken: „Nach Hause“.

„Die Behandlung der Menschen basierte auf der rassistischen NS-Ideologie“, sagt Christine Glauning. Westeuropäer seien im Vergleich zu den Osteuropäern bessergestellt gewesen. Den Polen erging es sehr schlecht. Am meisten hatten - neben den Juden - alle Menschen aus der Sowjetunion zu leiden, denn sie galten als besonders minderwertig. Und Frauen waren generell benachteiligt, sagt Glauning.

Berlin wird beinahe jede Nacht bombardiert. Doch das Chaos ermöglicht ungeahnte Freiheiten. Abramowa zieht mit einer Freundin durch die Stadt, die den Frauen immer noch fremd ist. Sie verdecken den Aufnäher „Ost“ an ihrer Kleidung und gehen ins Kino, was verboten ist. Dann beschließen sie, nicht ins Lager zurückzukehren. Unter falschem Namen melden sie sich bei einer Arbeitsbörse und behaupten, ihre Unterkunft sei ausgebombt.

Sie erhalten eine neue Stelle bei einem Schneider am Alexanderplatz. Dort leben 17 Zwangsarbeiter in einem kleinen Zimmer. Der Chef ist ein kleiner, dicker Mann. Er hat es auf Alexandra Abramowas gut aussehende Freundin Nadka abgesehen, begrabscht sie bei jeder Gelegenheit. „Mir macht es nichts aus“, behauptet Nadka. Immer wieder versucht er auch, sie in einen Lagerraum zu drängen, wo er allein wäre mit ihr. Das Schlimmste weiß die Frau aus Stalino (heute Donezk) jedoch zu verhindern.

Ehemalige Zwangsarbeiter klagten auf Entschädigung

Nach Kriegsende gingen die meisten Fremdarbeiter zurück in ihre Heimat. Die Lager wurden wieder anderweitig genutzt oder abgerissen. Die meisten Deutschen wollten nicht mehr an die Kriegsjahre erinnert werden. Erst in den 1980er Jahren brach das Schweigen, zivilgesellschaftliche Initiativen kämpften für die Anerkennung dieser Opfergruppe.

Nach der Wiedervereinigung klagten ehemalige Zwangsarbeiter vor US-Gerichten auf Entschädigung. Am Ende langwieriger Verhandlungen zahlte die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ individuelle Einmalzahlungen in Höhe von bis zu 7670 Euro pro Person aus.

„Für uns ist das Thema damit nicht erledigt“, sagt Andreas Eberhardt, der heutige Vorsitzende der Stiftung. Die Erinnerung müsse wachgehalten werden. Nicht zuletzt, weil die letzten Zeitzeugen nicht mehr lange leben werden. Die Stiftung fördert heute internationale Jugend- und Bildungsprojekte. Eberhardt ist zuversichtlich: „Junge Menschen finden heute neue Zugänge zur Geschichte.“

Zum Beispiel mit Apps, die aufgezeichnete Aussagen von Zeitzeugen auf Bildschirmen oder als Hologramm zeigen. „Wir müssen darüber nachdenken, wie Verbrechen in einer Gesellschaft zur Normalität werden konnten.“ Denn das könne wieder passieren, sagt Eberhardt.

Alexandra Abramowa kehrte nach 1945 zurück in die Ukraine. 2005 wurde sie von der Historikerin Gelinada Grintschenko interviewt.

Dort sind die Narben der Vergangenheit noch sichtbar. Doch überall verschwinden die Spuren. „Leider werden Demokratie und Menschenrechte heute nicht mehr von jedem als Grundlage unserer Gesellschaft verstanden“, sagt Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes. Deshalb sei es wichtig, die „authentischen Orte“ zu erhalten.

Doch mit jedem neuen Bauprojekt in der Stadt sind diese Orte gefährdet. Der Konflikt zwischen den Interessen der Investoren, der Bezirke und dem Anspruch eines würdigen Gedenkens reißt immer wieder auf. Wie schwer es ist, die Spuren der Vergangenheit zu bewahren, zeigen die fünf Beispiele auf dieser Seite.

Gelöschte Erinnerung

Nichts weist mehr darauf hin, dass im Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde Hunderte Menschen ausgebeutet wurden. Neue Wohnungen sollen „Loftcharakter“ haben

Im Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde fertigte Siemens & Halske, ein Unternehmen des Siemens-Konzerns, Steuerungstechnik für die Luftwaffe. Der Bau wurde 1936 vom Reichsluftfahrtministerium in Auftrag gegeben. Um Bomberangriffen vorzubeugen, sollte es aus der Luft nicht als Werk zu erkennen sein.

Der Siemens-Hausarchitekt Hans Hertlein entwarf einen lang gestreckten Trakt, überragt von einem elfgeschossigen Uhrenturm. Tatsächlich überstand die Anlage den Krieg unbeschadet und steht heute unter Denkmalschutz.

„Für deutsche Angestellte war Siemens & Halske ein moderner Arbeitgeber“, sagt Uwe Hofschläger von der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau. Mit Schülern und Jugendlichen erforscht er die Spandauer Lokalgeschichte. Ein Zeitzeuge habe sogar ein Schwimmbad und ein Sonnendach beschrieben, das Mitarbeiter nutzen durften, sagt Hofschläger. Doch solche Privilegien bot das Werk nicht für alle Arbeiter.

„In unseren Unterlagen sind 434 ausländische Zwangsarbeiter nachweisbar, die im Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde beschäftigt waren. Es ist aber davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl höher lag“, sagt Frank Wittendorfer vom Siemens Historical Institute, das für Siemens die Unternehmensgeschichte erforscht. Die Quellenlage sei ungünstig. „Zwangsarbeiter unterlagen einer strengeren Dienstaufsicht als deutsche Arbeiter. Die Behandlung am Arbeitsplatz war in etlichen Fällen schikanös und entwürdigend“, sagt Wittendorfer.

1942 habe das Luftfahrtgerätewerk 1700 ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt, schätzt Hofschläger. Eine ehemalige Zwangsarbeiterin des Werks hat er 2011 mit einer Jugendgruppe in Frankreich besucht. Elisa Gérard, geboren im französischen Elsass, berichtete den deutschen Jugendlichen, wie sie 1942 als junge Frau nach Deutschland verschleppt wurde.

In Hakenfelde musste sie an einer Drehbank Teile für Flugzeugflügel herstellen - von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Sie lebte in einem Lager in der Nähe. Wo genau, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Jugendgeschichtswerkstatt hat recherchiert, dass zum Werk mindestens 19 Zwangsarbeiterlager gehörten.

Die Werkhalle, in der Elisa Gérard arbeiten musste, gibt es noch. Sie steht leer. Das ehemalige Luftfahrtgerätewerk ist heute ein Einkaufszentrum mit Büroflächen. Nichts weist darauf hin, dass an diesem Ort einmal Zwangsarbeiter für die deutsche Militärmaschinerie schuften mussten. Schon bald soll auf dem Areal moderner Wohnraum entstehen. Ein Investor plant „Wohnungen mit Loftcharakter sowie ein Boarding-House-Konzept“.

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