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Wolfgang Rüth Foto: privat
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Nachruf auf Wolfgang Rüth Eine Realität hat nie gereicht

Er erklärte die Hochstapelei zur Kunst, zu einem Spiel. Runterstapeln macht die Welt nur fad. Der Nachruf auf einen, der gern Häuptling war.

Sie ahnten damals nicht, auf den sandigen, sonnenbeschienenen Wegen, dass solches Unglück möglich wäre. Damals, in ihren Kindheitstagen, in Karolinenhof, auf ein paar Quadratkilometern uckermärkischer Landschaft, lose über die Gegend verstreuten Gehöften, die lange Zeit unbewohnt gewesen waren, und die ihre Eltern Anfang der 70er Jahre zufällig entdeckt und dann gekauft hatten.

Die Kinder liefen trotz der Gluthitze in Gummistiefeln über die abgemähten Felder (Wolfgang, selbst gekrönt, mit dem Federschmuck eines Indianerhäuptlings), fingen Laubfrösche in der Brombeerhecke und braune hässliche Kröten in sumpfigen Senken (Wolfgang hielt sie länger als alle anderen auf seinem Handteller), kratzten abends, in den Betten, ekstatisch ihre Mückenstiche (Wolfgang verkündete immer, er habe die meisten). Und hörten dabei, durch die angelehnte Zimmertür, den Wortgefechten der Erwachsenen zu: Wolfgangs Eltern, einem Mediziner und einer Kunsthistorikerin, einem Theaterdichter, der unablässig darüber sprach, ein Stück über die tragische Prophetin Kassandra schreiben zu wollen und dabei, ebenso unablässig, Johnnie Walker trank, Architekten, Freejazzern, einer Frau vom Film, die zwischendrin nackt auf dem Tisch tanzte. Und manchmal hockte sich Wolf Biermann, dem die DDR Auftrittsverbot erteilt hatte, vor Wolfgang und die anderen und spielte für sie ein Lied von einer grauen Katze.

Die Kinder lebten ein Wochenend- und Sommerferienleben. Zurück in der Stadt, montagmorgens, antworteten sie den Lehrern, die den Pioniergruß „Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!“ in die Klasse riefen, mit einem lahmen „Immer bereit!“, und betasteten dabei ihre aufgekratzten Mückenstiche.

Ein Spinner

Wolfgang verfügte über eine bemerkenswerte Auffassungsgabe. Ein analytischer Geist, ein Bastler, ein Erfinder, schon damals. Eine Menge Leute sagen, auch jetzt noch, da er nicht mehr lebt: „Der Rüth war ein Spinner.“ Eine Realität hat nie gereicht. Er gab den Felix Krull, erklärte die Hochstapelei zur Kunst, zu einem Spiel, runterstapeln macht die Welt nur fad. Als seine Mutter ihn nach einer Ferienlagerfahrt abholte, erzählte er ihr auf dem Weg nach Hause von diesem unglaublichen Schiffsausflug, das Schiff, das wankte, dann kippte, die Kinder im Wasser, die Rettungsaktion. Worauf Wolfgangs Mutter umgehend einen Verantwortlichen anrief. Dessen Antwort: Eine Schiffstour hat es nie gegeben.

Mit zwölf beschloss er, sich einen Tresor zuzulegen. Keine Kiste, keine Kassette, die man irgendwo versteckt. Ein richtiger Tresor in der Wand. Also begann er, über Wochen, vorsichtig ein rechteckiges Fach in die steinerne Wand seines Friedrichshainer Kinderzimmers zu hauen, das Loch, wenn er nicht da war, von einem Bild verdeckt. Irgendwann beschwerte sich seine Mutter – Wolfgangs Eltern lebten zu dieser Zeit bereits getrennt: „Was machen denn die Nachbarn ständig für einen Lärm!“ Und Wolfgang darauf: „Ja, die Nachbarn, unmöglich“, und hämmerte weiter. Bis der Tresor fertig war.

Der Schulkram interessierte ihn kaum noch. Wolfgang streifte durch Berlin oder stolzierte im Clint-Eastwood-Schritt über die Feldwege Karolinenhofs, in Levi’s-Hosen und Nike-Schuhen, alles von seiner Münchner Großmutter. Das Auf-dem-Land-Sein hatte nichts mit einer verkitschten Naturidylle zu tun, sondern war oft lauter, wilder als das Leben in der Stadt. Wolfgang sah mehr durch als alle anderen, davon ging er aus. Schleppte überall seinen Walkman mit, einen „Sony Professional“, ein heiliges Ding, das selbst im Westen nur wenige besaßen. Er kritzelte mit einem Stock Formeln in den Sand und erläuterte die Relativitätstheorie. Er schraubte ständig an irgendwas herum, Autos, Radios, Kassettenrekorder. Baute eine Musikanlage auf, alles vom Feinsten. Legte Ray Charles auf und Aretha Franklin in einer Kirche mit Gospelchor und sagte, er, der nicht besonders große, blasse Ost-Berliner Junge: „Versteht ihr, die Sänger vögeln, wenn sie singen, Jesus.“ Später kam Prince, und dann Eric Burdon, „Tobacco Road“, bis zum Anschlag aufgedreht, dazu eine Zigarette nach der anderen.

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Und Mädchen. Zauberbräute, wie er sie nannte. Die Leute zeigten sich immer ein bisschen fassungslos, als Wolfgang, dieser schludrige, großmäulige Typ, längst nicht mehr der jugendliche Held war, und es noch immer schaffte, all die klugen, schmalhüftigen Frauen aufzureißen. Aber diese Frauen, auch jene, die er betrogen hat, auch die, die später absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten, erzählen, dass er der zärtlichste, zugewandteste Freund sein konnte. Der sich ihnen hingab. Der Allerweltsgespräche verachtete. „Na, wie geht’s?“ „Was machst du beruflich?“ – So was kam bei ihm nie vor, niemals.

Leeres Gerede belästigte ihn. Seine Verachtung konnte dann ein Maß erreichen, das niemand mehr aushalten wollte. In einem Moment zertrümmerte er alles. Hüllte sich in höhnische Coolness. Baute sich auf und blaffte und brüllte. Und imitierte letztlich nur seinen Vater, ein ebenso analytischer Kopf, aber Choleriker, einer, der die Menschen anzog und dann rücksichtslos abstieß und dann wieder anzog. Wolfgang dachte immer, er könne ebenso weit gehen.

Naturgemäß führten seine Unverschämtheit und sein Krull’scher Spieltrieb zu Differenzen mit der Staatsmacht. Sein Vater wartete auf die Bewilligung seines Ausreiseantrages, Wolfgang hatte nach der zehnten Klasse seinen Facharbeiter für EDV gemacht, was er ziemlich piefig fand und also nie erwähnte. Im Sommer ’86, 19-jährig, fuhr er mit seiner Freundin nach Prag, von dort nach Warschau, danach wollten sie weiter nach Budapest. In Warschau verfiel Wolfgang auf die Idee, in die DDR-Botschaft zu marschieren und zu behaupten, sie hätten ihr gesamtes polnisches Geld verloren, ob die Beamten nicht so freundlich wären, auszuhelfen. Die Beamten waren keineswegs so freundlich. Weil Wolfgang seine Übertreibungskunst zu weit trieb. Zu dem Vorgang gibt es mehrere Stasiaktenseiten. Als die beiden erfuhren, dass sie kein Geld bekämen, brüllte Wolfgang: „Ich werde noch irre!“ und „Verdammte Scheiße!“ und „Ich kann nicht mehr!" Er bekundete, er habe eine enorme Magenverstimmung. Laut Befragungsprotokoll sagte er: „Auf dem Weg zur Botschaft bin ich mehrmals auf der Straße zusammengebrochen und hatte auch Traumzustände, die man eigentlich nur bei recht hohem Fieber bekommt.“ Eine kleine Magenverstimmung hatte er tatsächlich. In einem anderen Dokument heißt es: „Rüth warf sich dann in einen Sessel und heulte krampfartig.“ Die Botschaft wurde vorzeitig geschlossen. Doch der entscheidende Punkt kam noch: Er sollte bekennen, einen Genossen „Stasi-Schwein“ genannt zu haben. Wolfgang stritt das vehement ab. Weigerte sich, das Wort in seiner Stellungnahme zu erwähnen, und schrieb es dann doch, da man ihm drohte, ihn dazubehalten. Später erzählte er, er habe selbstverständlich „Stasi- Schwein“ gesagt. Sie mussten jedenfalls zurück in die DDR, aber letztlich ist er ohne weitere Blessuren aus der Sache rausgekommen.

„Rüths Walkman Service“

Was ihm irgendwie ständig gelang. Auch später, nach der Wende. Vor der Wende hatte er erst im Rechenzentrum der Charité gearbeitet und dann, alles nicht ganz legal, „Rüths Walkman Service“ gegründet. Eine Menge DDR-Bürger besaßen diese kleinen Kassettengeräte aus dem Westen, empfindliche, eher billige Geräte, die schnell kaputtgingen. Wolfgang schaltete Kleinanzeigen in Lokalzeitungen. Und die Leute schickten ihm ihre defekten Schätze. Er saß dann im Café „Kisch“ Unter den Linden, trank Espresso, reparierte und verdiente sehr viel DDR-Mark.

Mit dem Fall der Mauer brach sein Geschäft zusammen. Aber Wolfgang legte jetzt erst richtig los. Jobbte in einer Computerbude, kaufte sich ein mit weißem Leder ausgeschlagenes knallrotes Mercedes Coupé, das allerdings nicht zugelassen war. Fuhr trotzdem, mit falschem Nummernschild, nach Paris und Barcelona und wieder zurück, klaute Benzin an einer Tankstelle, lieferte sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd durch Berlin, bekam drei Monate auf Bewährung und fünf Jahre Führerscheinentzug, was in seiner Wahrnehmung keine wirkliche Bestrafung darstellte. Er fuhr weiter, wurde geschnappt, setzte sich wieder ans Steuer, baute einen Unfall. Und dann hatten die Behörden die Schnauze voll und steckten ihn ein paar Monate in den Knast.

Mit einem Freund lernte er eine Amerikanerin kennen, die Stadtplanung am Computer betrieb, eine absolute Neuheit damals, Anfang der 90er, und die auf der Stelle erkannte, dass Wolfgang, verdreht und klar gleichermaßen, der Richtige für sie war und ihn prompt einstellte.

80.000 Mark, bar über den Tisch

Und dann entstand die Clubszene in Berlin. Zunächst machte Wolfgang ein bisschen im „Delicious Doughnuts“ in der Rosenthaler Straße mit, legte auf, reparierte Verstärker, beobachtete, lernte. Und hörte dann von diesem Typen, der ein Restaurant zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke hatte, aber pleite war. Die Räume waren vollkommen runtergekommen, es gab Schulden, niemand, der noch alle Tassen im Schrank hatte, hätte den Laden übernommen. Doch lösbare Aufgaben ödeten Wolfgang an. Projekt hieß für ihn Projektion, ein Bild von etwas, das noch nicht da war und das umso größer in seinem Kopf entstand. Er stürzte los, verhandelte mit der Deutschen Bahn, der die Räume gehörten, trieb bei windigen Leuten 250.000 Mark auf, ließ sich die erste Tranche, 80.000, bar über den Tisch schieben, baute, organisierte. Und führte sich wieder mal wie ein Despot auf. Am Tag der Eröffnung des „Lime Clubs“, im November 1994, traten die zehn Angestellten erst mal in den Streik. Denn in Wolfgangs Kopf arbeiteten nicht nur Einfälle, sondern auch jede Menge Kokain. Das Zeug lag überall rum. Hatte er, spätestens seit der Wende, das Gefühl, alles stehe ihm offen, glaubte er jetzt, alles stehe noch viel weiter offen. Ein tragischer Trugschluss.

Außer dem Koks gab’s natürlich die Joints und die Drinks. Dabei brauchte er die künstliche Ekstase eigentlich nicht, hatte in sich selbst doch immer genug Speed. Eine ganze Weile noch blieb er dieser bewegliche, verspielte Typ, der die Menschen mit seinem Geist, seinen Verrücktheiten verführte. Der Konzepte anstieß, aber wenn sie liefen, kein Interesse mehr hatte, bloß keine Kontinuität, bloß keine Langeweile. Es gibt Leute, zum Beispiel einen erfolgreichen Werbeagenten oder einen Restaurantbesitzer, die sagen, ohne Wolfgang wären sie nicht da, wo sie heute sind. Doch er kriegte die Sachen immer weniger auf die Reihe. Er bekam zwei Kinder, und alle dachten, das ist es, jetzt beruhigt er sich. Aber er beruhigte sich nicht. Weil er das letztlich überhaupt nicht wollte. Er wusste, er ist ein Sorgenkind des Lebens, jemand, dem eine Realität noch nie gereicht hatte. Anfang der 2000er erschien er auf einer Party, am Handgelenk eine fette Rolex. Durch das Uhrenglas zog sich ein Sprung, und über diesen Sprung hatte er ein Stück Tesafilm geklebt. Er legte seine Hand auf den Tisch und jeder sah den Riss.

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Wolfgang Rüth © privat

Irgendwann floh er immer öfter aus der Stadt, bis er ganz in die Uckermark zog, zurück nach Karolinenhof, an seinen Kindheitsort. Es kamen immer noch viele Leute, er stieß immer noch die meisten vor den Kopf. Und er dachte sich immer noch tausend Dinge aus. Kaum etwas davon klappte. Es war, als suche er sein altes Selbst, letzte Versuche eines müden Häuptlings.

Die Decken des 350 Jahre alten Bauernhauses begannen, über seinem Kopf zu zerbröseln. Alles verschlampte. Wenn Wolfgang mal Geld hatte, schmiss er es zum Fenster raus. Dann wurde der Hof verkauft.

Keiner wusste, wie er das überleben sollte.

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Aber er hatte schon wieder eine Idee. Trieb einen alten Feuerwehrwagen auf und baute eine Musikanlage ein, natürlich nur allerfeinste Ware. Der Plan: mit dem Ding über die Dörfer fahren, Partys veranstalten. In der Zwischenzeit hatte ihm eine Freundin eine kleine Wohnung in Berlin besorgt. Er tat sein Bestes, um sorglos zu erscheinen, doch man sah ihm an, dass es schlimm um ihn stand. Die Haut, die Haltung, sein leerer Blick.

Im Sommer ist er – ohne Führerschein – durch Brandenburg gefahren, wollte seine Kinder treffen. Aber er erschien nicht zum verabredeten Zeitpunkt. Ein Freund fand ihn tot in seinem Wagen. Der Arzt sprach von Herzversagen.

Vom Fenster seiner Wohnung aus kann man auf einen Friedhof blicken. Auf dem Friedhof stehen uralte bemooste Grabsteine, überall gibt es struppige, zugewachsene Ecken an alten Mauern. Irgendwo da, sagte er kürzlich noch lachend, habe er ein Versteck für seine Schätze angelegt: „Aber diesen Tresor wird niemals jemand finden.“

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