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Wolfgang Krolow Foto: privat
© privat

Nachruf auf Wolfgang Krolow Jenseits der Wohlfühloasen

Planlos gelangte er ins abgeranzte Kreuzberg. Mit seinen Fotografien wurde er zum Chronisten einer längst verschwundenen Welt.

Der runde Geburtstag – ausgefallen. Die Fotoausstellung im Juli – auch da muss er passen. Aber der Grabstein kam rechtzeitig und sitzt. Hätte ihm sicher gefallen, der Mondsteinfindling aus einem albanischen Flussbett, Millionen Jahre alt.

Im letzten Spätsommer stand er noch mal im Rampenlicht, unfreiwillig. Die Feuerteufel-Bande „Klasse gegen Klasse“ sandte ein Signal „gegen das Schweinesystem“ und hatte ein Auto vor seiner Erdgeschosswohnung am Kreuzberger Chamissoplatz angezündet. Weil hier doch angeblich die Besserverdienenden residieren, die Gentrifizierer und Kapitalisten. Das Feuer drohte auf seine Wohnung überzugreifen.

Da hatte es einen getroffen, der die Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft und die Gewaltfrage Zeit seines Lebens als sozialkritischer Fotograf anders beantwortete, mit Poesie und Melancholie, natürlich analog und in Schwarz-Weiß. Unter Schock ließ er sich ausgerechnet von der Springer-B.Z. zitieren: „Mit Zerstörung und der Gefährdung von Menschenleben kann man die Welt doch nicht verändern.“

Von einem Lebensplan, den er zielstrebig verfolgt hätte, kann keine Rede sein. Seine Fotografien sprechen für ihn, er bleibt als Person nicht wirklich greifbar. Das wollte er auch nicht. Sicher ist, dass er sein Leben nonkonformistisch und in jungen Jahren hochriskant führte. „Seiltänze“, sein wohl berühmtestes Buch mit Kreuzbergfotos aus den frühen 80ern, benennt auch seine persönliche Maxime: das Leben als Balanceakt ohne sicheren Halt.

Dabei fing es beschaulich an. Seine Eltern waren beide Landärzte unweit von Kaiserslautern. Doch der Vater litt unter den Kriegsfolgen und starb, als Wolfgang und seine drei Geschwister noch Kinder waren. Die Mutter musste nun alles richten. Dennoch behandelte sie mittellose Bauern. Das beeindruckte Wolfgang.

Auf dem Hippie-Trail

Er entdeckt die Rockmusik, Bob Dylan und Eric Burdon, die Sehnsucht wächst. Mit seiner Schülerband „Blues Harp“ vor Amis zu spielen, genügt nicht. Auch wenn er Frontmann mit Mundharmonika ist und Kaiserslautern eine kleine Großstadt. Da muss doch mehr zu holen sein. Kurz vor dem Abi schmeißt er die Klosterschule und geht auf den Hippie-Trail, per Anhalter: Türkei, Syrien, Irak, Iran, Afghanistan. Fast eine Reise ohne Wiederkehr.

Ein Jahr, nachdem der Schah-Besuch in West-Berlin eine ganze Generation radikalisiert hat, kommt er in ein iranisches Gefängnis. Der Vorwurf: Spionage. Er hat die Leichen hingerichteter Regimegegner fotografiert. Seiner Mutter gelingt es irgendwie, ihn rauszuholen, aber die Strapazen hinterlassen tiefe Spuren. Sein Ziel, Indien, hat er nicht erreicht.

Danach weiß er etwas mehr vom Leben und will Kunst studieren. Zuerst in Mannheim, wo er an der Uni Gerhard Vormwald kennenlernt. Der soll später durch Werbung und surreale Fotos berühmt werden. Jetzt bringt er Wolfgang zu einer Ausdrucksform jenseits der Bildhauerei. Fotokamera und Vergrößerungsgerät werden dessen neue Werkzeuge.

1970 zieht Wolfgang nach West-Berlin, wo man nicht zum Bund muss. Freiheit steht über allem, einordnen kann und will er sich nicht mehr. Aber erst mal muss er Geld verdienen, schuftet in Lagern und auf dem Bau. Den Studienplatz für Visuelle Kommunikation, Schwerpunkt Fotografie und Grafik, kann er erst ab 1975 wahrnehmen. Aber dann geht es ganz schnell. Wolfgang fotografiert West-Berlin, jenseits der Wohlfühloasen. Auf dem Kurfürstendamm fotografiert er höchstens mal ein paar hässliche Touristen, aber eigentlich interessiert ihn Kreuzberg. Kein falscher Schein, viel Gefühl, viel Härte. Dass er politisch ganz weit links steht, versteht sich von selbst. Er ist sogar Mitglied in der Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins. Seiner Kunst schadet das nicht. Nie Agitprop.

Klein-Istanbul vorm Abriss

Seinen eher kleinbürgerlichen Kiez rund um den Chamissoplatz verlässt er nur für die Motivsuche. Das marode SO 36, Arbeiterbezirk, Klein-Istanbul im Schatten der Mauer, steht kurz vorm Abriss, die Einwohnerschaft ist abgehängt, egal welcher Herkunft. Viele Berliner meiden die Gegend, wer kann, zieht weg. Aber es gibt Kinder, junge Menschen, die ihre Hoffnungen und Träume artikulieren.

Die Journalistin Erika Runge lässt sie sprechen in seinem Fotobuch „Kinder in Kreuzberg“, dokumentarisch, sehr eindringlich. Seine Freunde Rolf Hosfeld und Peter-Paul Zahl schreiben in „Seiltänze“ über Alltag und Sumpf dieses Mikrokosmos’. Peter-Paul Zahl, Anarchist und Schriftsteller, schickt seine Texte aus dem Knast Hakenfelde, wo er nach einem Schusswechsel mit der Polizei eine lange Haftstrafe verbüßt. In der linken Szene ist er ein Star, der einzige inhaftierte Schriftsteller in der BRD zu diesem Zeitpunkt.

Für Wolfgang sind es intensive und auch erfolgreiche Jahre. „Großstadtdschungel“ heißt eine Wanderausstellung, er fotografiert für die „taz“ und für den Wagenbach Verlag. Besonders gut bezahlen kann ihn aber keiner, einen festen Galeristen hat er nicht. Jenseits der Futtertröge internationaler Agenturen und Magazine ist die Künstlerexistenz nicht sonderlich bequem; die linke Szene ist chronisch klamm. Dafür bleibt er frei und bei sich.

Dennoch wird er misstrauischer. Denn Geschäfte mit Postkarten und Postern laufen an ihm vorbei. Dabei ist sein Bild eines Lolli lutschenden Kinderpunks berühmt, und auch andere Fotos von ihm werden zu Ikonen. Als Chronist einer Gegend, die gerne zum Mythos verklärt wird, hat er sich einen Ruf erarbeitet, auch wenn ihm nichts ferner liegt als Verklärung und Stadtteilmarketing.

Der Mauerfall ist eine Zäsur. Aus der Insel wird ein Innenstadtbezirk, das Reservat der Freaks kommt unter Druck. Wolfgang auch. Er begibt sich auf Fotoreisen nach Albanien und Russland, Wolgograd, eine krasse Bestandsaufnahme auch eigener politischer Enttäuschungen. Ein paar Prominente, Heiner Müller, Nina Hagen, Sahra Wagenknecht und Chet Baker lassen sich von ihm porträtieren.

Tolle Bilder, aber den Lebensunterhalt sichern sie nicht. Wolfgang muss, wie am Anfang seines Werdegangs, das Geld mit anderen Jobs ranholen; wählerisch kann er da nicht sein. Die Mieten ziehen an, die kleine Welt wird größer, das alte Kreuzberg schwindet. Chronist der neuen Zeit wird er nicht mehr.

2005 der Schlaganfall, er verliert die Sprache, das Gedächtnis, die Kontrolle über die rechte Körperhälfte, muss seine Wohnung aufgeben, wird zum Pflegefall. Seine Willenskraft und sein schwarzer Humor führen ihn langsam zurück ins Leben, das nun das eines Invaliden im Rollstuhl ist. Eine neue Wohnung in seinem alten Kiez und eine Einzelausstellung in Mitte, „Von Berlin-Kreuzberg in die Welt“, geben ihm neues Selbstvertrauen.

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Sigrid tritt nun an seine Seite und stützt ihn bis zum Schluss. Sie bewundert Wolfgang dafür, dass er nie klagt, sondern schon morgens voller Lebensfreude Seemannslieder singt. Auf Dächer steigen und dort nach Motiven suchen, das kann er nicht mehr, die Fotos, die er noch hin und wieder macht, genügen kaum seinen hohen Ansprüchen. Immerhin, der „Kreuzberger Chronik“, einer kleinen Kiezzeitung, bleibt er für die Titelbilder treu.

Sein nun quasi abgeschlossenes Werk wird weiter nachgefragt. Sammler und Galeristen sitzen in der Küche inmitten seines Zigarettenqualms und müssen starken Kaffee trinken. Er ist ein harter Verhandlungspartner, weiß, was er will, was er für einen Schatz erschaffen hat.

2008 und 2012 ist er mit seinen Bildern beim "Europäischen Monat der Fotografie" vertreten. Seine Einzelausstellung "Ich bin Kreuzberg" zum 60. Geburtstag in der "Browse Gallery" wird ein Publikumserfolg. Die Galerie befindet sich in der frisch sanierten Marheineke-Markthalle, die einen aseptischen Charme versprüht. Sein Kreuzberg sah so anders aus.

Wolfgang schmiedet noch Pläne, freut sich über die Bildanfragen. Schwarz-Weiß ist in, der Hunger nach alten Bildern groß, weil das schicke Kreuzberg und seine Neubewohner von der ranzigen Vergangenheit zehren. Alles scheint besser zu werden, gesundheitlich geht es ihm so gut wie lange nicht. Bis er im Herbst auf einmal in ein Koma fällt, aus dem er nicht mehr erwacht.

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