Wilhelm Adlon (1944-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Wilhelm Adlon (Geb. 1944) Keine Macht dem Bösen

Architekt oder Bildhauer wäre er gern geworden. Er wurde Metzger, Wirt und Filmhandwerker. Auch gut.

Er tat gern, was er tat. Als er für einen Ein-Euro-Job die Badeufer der Havel von Unrat zu befreien hatte, stieg er ins Wasser, sacht, weil er die brütenden Enten nicht stören wollte, und fischte allerhand aus der Böschung heraus, verlorenes Spielzeug, Unrat, weggeworfene Spritzen, alles wurde sorgfältig gereinigt, gesammelt und Wochen später an den Weihnachtsbaum gehängt, was an Heiligabend ein großes „Oha“ auslöste. Einen Fund allerdings, eine Flaschenpost, hat er nicht behalten, sondern einem befreundeten Drehbuchautor geschenkt. Ein Film wurde nicht daraus, aber eine langjährige Freundschaft mit dem französischen Jungen, der sie einst auf den Weg gebracht hatte.

Willi konnte gut mit Kindern. Er wusste, was sie brauchten. Seine eigenen Eltern, die aus Hessen stammten, hatten sich nie um ihn gekümmert. Die sieben älteren Geschwister sah er viele Jahre nicht, nachdem er in ein Heim nahe Frankfurt gegeben worden war. Nur sein kleiner Bruder blieb bei ihm. Über diese Zeit im Waisenhaus, als die Nonnen ihn erzogen, hat er nie gern gesprochen. Er schwieg sich aus über das Böse, das ihm widerfahren war, er wollte ihm keine Macht über sich gewähren.

Er wäre gern Architekt geworden oder Bildhauer, aber die Erzieher drängten ihn zu einer Metzgerlehre, die er folgsam abschloss. Dann floh er nach Hamburg. Es zog ihn in die Welt hinaus, er fand Arbeit auf einer Werft, bis sie ihn zur Bundeswehr einziehen wollten. Da floh er weiter nach Berlin. Willi heuerte als Zapfer bei der „Dicken Wirtin“ an, was mehr verlangte als nur flinke Hände. „Tresen-Willi“ war Zuhörer, Ratgeber, Tröster – und Weihnachtsmann. Denn wenn die alten Stammkunden an Heiligabend ein wenig verloren in die Runde blickten, hat er ihnen einen Weihnachtsteller hingestellt: Zwei Päckchen „Roth-Händle“ plus Lebkuchen und Nüsse. Im Frühjahr organisierte er Fahrten auf der Spree, damit die Trinkkundschaft auch mal an die frische Luft kam. Und wenn einer genug Schnaps intus hatte, schenkte er ihm Pfefferminztee ein. Gesund war das Leben so oder so nicht, nicht für den Gast, nicht für den Gastronom.

Auch nicht, als er dann seine eigene Kneipe hatte, das „Axbax“, das später Oswald Wiener übernahm. Die Luft zu dick, die Musik zu laut. Die Nächte zu lang. Trinken als gäbe es kein Morgen. Anfangs teilte er sein Leben nur mit einem kleinen Rauhaardackel. Dann traf er Annette und wusste, sie ist die Richtige. Von da an stand er nicht mehr hinter der Theke, sondern allenfalls noch davor.

Annette arbeitete als Bühnenbildnerin für große Filmproduktionen, er selbst ließ sich als Filmhandwerker anstellen. So kamen sie gemeinsam bei den Dreharbeiten viel herum in Europa, wohnten in schönen Hotels, trafen berühmte Schauspieler.

Sie war sein Projekt. Was er für sich gewünscht hatte, gab er ihr: die Ruhe und die Kraft das eigene Talent auszuleben, ohne auf die Erwartungen der anderen Rücksicht nehmen zu müssen. „Wenn man jemand so Begabtes im Haus hat“, sagte er und drängte sie an den Schreibtisch. Lief es mal stockend, hat er gern seine Ideen dazugegeben, aber bevormundet hat er sie nie, allenfalls bekocht. Das lief auch mal nicht so delikat in der Zubereitung, wenn er sechs Schweinsköpfe heimbrachte und sie auf dem Küchentisch aufreihte, um eine richtig gute Sülze zu machen. Feine Zutaten waren ihm wichtig. Zufriedene Esser auch. Wann immer Freunde Kinder brachten, kochte er deren Lieblingsgerichte. Er selbst wollte oft gar nicht mitessen, aber er wollte, dass es den anderen schmeckt.

Eigene Kinder konnte er nach einem schweren Autounfall in der Jugend keine bekommen. Aber da waren noch die zwei Katzen, um die er sich kümmern musste. Und er ging viel auf Reisen, bevorzugt von zu Hause aus. Dank seiner „Kosmos-Bücher“ war er überall auf der Welt daheim, und es lief im Fernsehen selten eine „Expedition ins Tierreich“, an der er nicht teilnahm. Als Erinnerung daran bastelte er dann kleine mexikanische Flickenpuppen, deren Kostüme er mit Pflanzenfarben einfärbte.

Und er machte gern Witze. Sein Lieblingswitz: Ein Kerl prahlt am Tresen vor seinen Freunden, wie es war, damals in der Wüste, als er so langspazierte, und plötzlich ein hungriger Löwe hinter ihm her. Er rennt, er rennt um sein Leben, da sieht er diesen Baum, eine Eiche, und er klettert rauf und zieht dem Löwen eine Grimasse. – Wie, ausgerechnet eine Eiche, in der Wüste, fragt einer der Kumpels verwundert. Und er nur: Du, das war mir in dem Moment so was von egal!

Als er 60 wurde, wusste Annette kein besseres Geschenk für ihn, als einen Ring. Also hielt sie um seine Hand an. Für den Anlass hat er sich dann sogar in ein Sakko gezwängt. Die sorglose Zeit mit ihr endete 2006, als er in rascher Folge vier Schlaganfälle erlitt. Willi wurde zum Pflegefall, was seinen Körper lähmte, aber nicht seinen Kopf. Er hat auch weiterhin gern nachgedacht und sich mit Menschen befasst, mit den Pflegerinnen und Pflegern in der Reha, die er nach allem Möglichen befragte. Wenn es ihm schlecht ging, zog er sich in die Höhle seiner guten Erinnerungen zurück: Santorin, die griechische Insel, Annette und er auf hohem Fels in der Höhlenwohnung, vor ihnen das weite Meer. So schön die Welt, er hatte es damals gar nicht glauben können.

Seine Geschwister hat er nicht wiedergesehen. Die schlechte Vergangenheit sollte keine Macht über ihn haben. Die letzten vier Jahre saß er im Rollstuhl, halbseitig gelähmt, er konnte nicht mehr sprechen, aber sie wollten zusammen singen. „Peter und der Wolf“ sang sie ihm vor, und er lächelte, weil er sie so komisch fand, wie sie mit der bunten Serviette ihren einstimmigen Chorgesang dirigierte. Frische Blumen brachte sie ins Pflegeheim, selbstgezogene Tomaten und guten Kaffee.

Über den Tod haben sie nie gesprochen, bis sie eines Tages sagte: „Wilhelm, ich will mir was aussuchen, wo wir dann beide sein können. Ein Urnengrab. Sag mal, soll ich das machen?“ Und er nickte.

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