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Utta Courtin (1939-2020) Foto: privat
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Nachruf auf Utta Courtin (1939-2020) Mutter werden?

Es waren die wilden Jahre, Befreiung von den Konventionen. Bis sie schwanger wurde. Der Nachruf auf ein Frauenleben.

In ihrem Bauch wuchs ein Leben heran. Klein und winzig und mit einem Herz, das schlägt. Utta aber konnte sich nicht freuen. Allein, wie sie war, voll Angst und Zweifel. Würde sie eine gute Mutter sein können? Dabei war es so schön gewesen, die Begegnung mit dem wilden Studenten. Natürlich war sie in ihn verliebt. Verliebt war sie aber auch in diese aufregende, neue Welt: Kommunen, Sit-ins, Partys. 1965, 1966, 1967. Utta fiel da ein bisschen raus, war gar keine Studentin, sondern Erzieherin mit fester Arbeit und einem geregelten Leben. Doch sie ließ sich anstecken, tanzte, liebte und befreite sich ein Stück aus der Verklemmung, aus der sie kam. Bis sie schwanger wurde. Utta ging zu ihm, fragte, ob sie jetzt zusammenleben, heiraten würden. Das wäre konterrevolutionär, meinte er, drehte sich um und ging in seine Freiheit zurück. Was jetzt? Abtreiben oder Mutter werden?

Ihre eigene Mutter war kein Vorbild. Streng war sie, diese Krankenschwester, groß und kerzengerade. Fastete, wenn sie krank war. Hart war sie zu sich und zu ihren Töchtern. Eine Umarmung, ein Kuss, liebe Worte, all das gab es nicht. Allein brachte sie die drei Mädchen durch den Krieg, der Vater an der Front, und auch danach, der Vater starb im ersten Friedensjahr. Weil sie viel arbeiten musste, erzogen sich die Mädchen selbst, gingen wandern und badeten im Fluss hinterm Haus in der kleinen Stadt in Hessen.

Die Schwestern machten ihre Ausbildung und heirateten, so wie es erwartet wurde. Utta machte Fachabitur, lernte Erzieherin, ging fort und arbeitete in Kinderheimen. Was sie an Liebe zu Hause nicht bekommen hatte, verteilte sie an andere Kinder. Bastelte und baute und gestaltete Märchen in Scherenschnitt-Szenen. Bis ihr Weg sie 1965 in die Johannesstift-Diakonie nach Spandau führte, tagsüber arbeitete sie, abends stürzte sie sich ins freie Leben. Und was nun? Mutter werden, allein, so wie ihre eigene Mutter?

Viele Versorgungspäckchen

In ihrer Verzweiflung schrieb sie einen Brief an ihren Onkel, der sie beruhigte und ihr anbot, zu ihm und seiner Frau zu ziehen: Sie würden das schaffen, sich um sie und das Kind kümmern. Utta nahm an. Die Geburt dauerte 21 Stunden, Utta schrie vor Schmerzen, und die Krankenschwestern ermahnten sie, dass sie nicht so laut sein sollte. Als das Baby endlich da war, drängten die Schwestern sie: Das Mädchen braucht doch einen Namen, jetzt! Der erste, der ihr in den Sinn kam, war Susanne, der Name ihrer Mutter.

Das Gröbste ausgestanden, zog Utta nach Darmstadt und arbeite in einem evangelischen Kindergarten. Vor allem aber versuchte sie eine gute Mutter zu sein, mit viel Liebe, wenig Härte und dem festen Vorsatz, ihre Tochter gut durch das Leben zu bringen. Sie nähte Anziehsachen und einen Kuschelhasen. Sie kaufte sich ein französisches Fahrrad mit Hilfsmotor, damit fuhr sie Susanne an den See. Auf dem Weg sangen sie Lieder und alberten rum. Uttas Gedanken kreisten um die Tochter, pausenlos. Nur über den Vater wollte sie nicht reden, blockte jede Frage ab, hatte aber, da er eine Rolle in der Studentenbewegung spielte, ein kleines Archiv mit Zeitungsartikeln über ihn angelegt. Die Tochter schaute es sich immer wieder heimlich an. Später, als Susanne rebellisch wurde und in ihr eigenes Leben verschwand, schickte Utta ihr viele kleine Versorgungspäckchen hinterher, mit lieben Worten, Süßigkeiten und mit selbst gestrickten Socken.

Weil Utta einen Blick dafür hatte, was gemacht werden muss, weil sie schlagfertig war und schnell sagen konnte, was sie wollte und was nicht, ernannte man sie zur Leiterin des Kindergartens. So lernte sie den Pfarrer besser kennen, es gab gemeinsame Sitzungen und Personalgespräche und schließlich eine Tagung, zu der sie gemeinsam fuhren. Hier tranken sie ein Glas Wein miteinander, hier kam das eine zum anderen. Utta war verliebt in diesen belesenen, weltgewandten Mann. Endlich einer, der ihr Fels in der Brandung sein konnte. Er reiste mit ihr nach Italien und nach Frankreich, er segelte mit ihr auf der Ostsee, er brachte ihr die Oper und die klassische Musik nahe. Dafür war sie stets die erste Leserin seiner Buchmanuskripte.

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1985 heirateten sie, Utta zog zu ihm ins Pfarrhaus in Groß-Umstadt, und war nun also Frau Pfarrer. Ein schwieriger Posten: Eigentlich sollte sie den Kindergottesdienst leiten, der Frauengruppe vorstehen und eine gute Gastgeberin sein. Das war nichts für sie. Utta lernte stattdessen, wie man töpfert: drehen, formen, brennen. Wurde richtig gut darin, nahm Kurse bei Meistern des Fachs. Eine Werkstatt musste her mit eigenem Ofen, Drehscheiben, Regalen für den Ton und die Glasuren. Dann machte sie sich selbstständig – aber nicht als Töpferin, sondern als Lehrerin für Töpferei. Schüler, Hausfrauen, Renter, viele wollten von ihr lernen, und schnell war jeder Tag mit Kursen angefüllt. Und sie wurde zur Pfarrfrau, die alle kannten und respektierten, und zwar auf ihre Weise.

Vor fünf Jahren wurde sie vergesslich, die Diagnose folgte, Demenz. Erst konnten sie den Alltag noch aufrechterhalten. Dann stürzte sie mehrmals, dann brauchte sie eine Betreuerin, die bei allem half: waschen, anziehen, zurechtmachen, die Würde behalten. Anfang 2020 musste Utta endgültig ins Krankenhaus.

Hier lag sie in ihrem Bett, wollte nichts mehr essen und trinken. Ihre Tochter kam, setzte sich zu ihr, streichelte sie, sang ihr die Lieder aus der Kindheit vor, erzählte ihr von ihren Erinnerungen, von den Fahrradfahrten an den See. Versicherte ihr, dass sie eine tolle Mama war, dass sie alles Wichtige und Gute gegeben hatte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Mitten in der Nacht weinte Utta einmal kurz, atmete ein paarmal schwer ein und aus. Dann starb sie, in diesem Frühling.

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