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Uta Ganschow Foto: privat
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Nachruf auf Uta Ganschow Die Lücke aber blieb

In ihrem Leben ging es um den Film, vor allem theoretisch und im Hintergrund. Dort war sie Respektsperson

Natürlich arbeiteten auch Frauen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, also abgesehen vom häuslichen Wischen, Waschen, Kochen. Trotzdem hielt sich die Vorstellung der guten Frau, die ihre Erfüllung ganz und gar bei den wohlgeratenen Kleinen in ihrem gepflegten Heim fand.

Utas Mutter verließ morgens um sieben das Haus und kam am frühen Abend wieder. Ihre Arbeitsstelle, das Pressearchiv des Deutschlandfunks in Köln, lag am anderen Ende der Stadt. Keine andere Mutter in der bürgerlichen Nachbarschaft ging arbeiten. Wenn Uta nach dem Unterricht nach Hause kam, Hort und Schulkantine gab es nicht, bereitete sie das Mittagessen für sich und ihren kleinen Bruder Nils zu, wusch ab, räumte auf. Der Vater hatte sich, als Uta zwölf war, scheiden lassen. Eine amputierte Familie, neben der werktätigen Mutter ein zweiter Makel. Während viele Väter samstags vor der Schule warteten, um ihre Kinder abzuholen, samstags hatten sie ja mal Zeit, stand für Uta und Nils niemand da.

Die Ehe der Eltern, so lange sie noch bestand, war eine Nachkriegsehe gewesen, der Vater hatte an der Front gekämpft, ein paar Briefe waren hin- und hergegangen, ohne langes Überlegen, ohne große Liebe waren sie aufs Standesamt gegangen. Die Stimmung dann zu Hause: eher zurückhaltend. Nach der Scheidung besuchten die Kinder alle 14 Tage den Vater und waren froh, wenn sie wieder weg durften. Aber auch mit der Mutter lief es nicht besonders gut. „Sie weiß nichts über mich“, sagte Uta später.

Zum Theater kam das Kino

Andererseits aber hatte die Tochter ein Vorbild in der Mutter, einer Frau, die ihr eigenes Geld verdiente, die sich nichts vom Mann vorschreiben ließ, lange vor den Achtundsechzigern. Trotzdem zog Uta früh fort von ihr. Schrieb sich an der Universität für Theaterwissenschaften ein, kämpfte um Mitbestimmung, für Studenten im Allgemeinen und Frauen im Besonderen. Sie arbeitete in der Studentenvertretung und als Tutorin.

Das dokumentarische Theater löste gerade die Klassiker ab, Günter Grass’ „Die Plebejer proben den Aufstand“, Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“. Nach den Aufführungen sprach und stritt man über das Wegducken der Eltern in der Nazizeit, über das Schweigen danach. Zum Theater kam das Kino, das sich ebenso erneuerte. Sie besorgten sich französische Experimentalfilme, hockten in der Vier-Zimmer-Wohnung, in der sich das theaterwissenschaftliche Institut befand, in der Küche wurde das Material gesichtet, geschnitten und dann akribisch analysiert. Und dort begannen auch Liebesgeschichten.

Uta und Jan waren ein schönes Paar, beide mit dunklem, vollem Haar, sensationell gekleidet, klug. Uta plante ihre Doktorarbeit über „Die Geier-Wally“, ein Mädchen, das von ihrem Vater wie ein Junge erzogen wird und, an einer Felswand hängend, unter den Attacken eines Geiers dessen Nest ausräumt, woraufhin es den einzigen Kuss seines Lebens vom Vater bekommt, von ihm kurz darauf dennoch wieder verprügelt wird. Der Fortgang der Geschichte erzählt die Ambivalenz der Geier-Wally zwischen Gewalt, die sie selbst anwendet, vergeblicher Liebe und ihrer Emanzipation. Uta sammelte Unmengen Stoff zum Thema. Und dann bot man Jan eine Unistelle in Berlin an. Uta folgte ihm. Ihre Doktorarbeit beendete sie nicht.

Was nicht hieß, dass sie nun nichts oder nichts Interessantes mehr tat. Die Lücke aber blieb.

Sie arbeitete als Redakteurin bei „Frauen und Film“, einer einflussreichen Zeitschrift zu feministischer Filmtheorie. Sie übersetzte aus dem Französischen. Sie schrieb Texte darüber, dass fast ausschließlich Männer im Kulturbetrieb vorwärts kommen und diese, wenn es um Frauenanliegen geht, nur gähnen. Haushalt und Kinderbetreuung? Alltäglicher Kram, keine Kunst. Letztlich verhielten sie sich wie ihre Väter und bemerkten es noch nicht einmal.

Da Uta bei der Zeitschrift so gut wie nichts verdiente, schaute sie sich nach etwas anderem um. Fand eine Stelle bei der Deutschen Film- und Fernsehakademie, unterrichtete Filmgeschichte und Dramaturgie. Sie war Mitbegründerin zweier Filmproduktionsfirmen, kuratierte eine Ausstellung für die Deutsche Kinematik. Und sie trennte sich, wollte nicht mehr „die Frau vom Jan“ sein, dem erfolgreichen Mann.

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Sie traf Peter, einen Architekten und Bildhauer. Aber Peter war verheiratet, hatte Kinder. Sie war die Geliebte und wartete. Wartete lange, bis er sich endlich ganz und gar für sie entschied.

Auch beruflich sortierten sich die Dinge neu. In Berlin war das „Nipkow Programm“ gegründet worden, benannt nach dem Erfinder mechanischer Fernsehtechnik. Mit dem Programm werden Filmstipendiaten, vor allem aus Osteuropa, nach Berlin eingeladen und gefördert. Uta wurde die erste Leiterin. Sie beantragte Geld in Brüssel, schrieb Jahresberichte und Gutachten, las Drehbücher, hatte ununterbrochen mit jungen Leuten zu tun, für die sie einerseits eine Respektsperson war, andererseits aber niemals nur die Fördertante aus Deutschland. Alle schwärmten von ihr, von ihrer Sanftheit und Lebendigkeit, ihrem Wissen und Geschick.

Doch dann zeigte sich Peter zunehmend unkonzentriert. Er vergaß, was er zehn Minuten zuvor gesagt hatte. Seine Demenz schritt rasch voran, dazu der Krebs. Uta war bei ihm, Tag und Nacht. Nach einem Jahr der Trauer trat sie vorsichtig wieder ins Leben. Sie sah wunderschön aus.

Am 25. Oktober 2021, einem Montag, hatte sie einen Termin mit einem Handwerker. Der Mann klopfte und klingelte, aber Uta öffnete nicht. Möglicherweise war es ein Herzanfall, sagen die Ärzte.

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