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Nachruf auf Urban Münzer "Urban ist jetzt Afrikaner!"

Er hatte ein Faible, die Talente in anderen zu entdecken, ob das nun seine Studenten waren, seine Kollegen oder seine Putzfrau.

Seinen Körper hat er der Charité vermacht. Es war nicht leicht für Bernd, seinen Partner, diesen letzten Wunsch zu akzeptieren. Aber Urban sah nie einen Sinn darin, nur an sich selbst zu denken. Das hatte er von seinem Vater, diesen sozialen Tätigkeitsdrang. Von seiner Mutter hingegen kam das Musische. Aber es mag auch umgekehrt gewesen sein, denn beide bemühten sich nach Kräften, ihrem einzigen Kind das Leben so idyllisch wie möglich zu gestalten. Was nicht schwer war in Volkertshausen, in der Nähe des Bodensees, wo die Landschaft schon immer mit allen Unzulänglichkeiten ihrer Bewohner versöhnte.

Denn der Alemanne, der keinesfalls „Schwabe“ genannt werden möchte, ist nicht immer nur sonnig vom Naturell her, und so zog es Urban schon früh in die Fremde. Mit 16 schlachtete er sein Sparschwein und floh nach Paris. Für die Rückfahrt reichte das Geld nicht mehr, was ihm ganz lieb war, nicht aber den Eltern, die ihn umgehend wieder nach Hause holten. Nach dem Abitur war dann kein Halten mehr, er zog nach Berlin, studierte Wirtschaftswissenschaften, obwohl sein Herz eigentlich für die Musik schlug. Aber als Trompeter hätte er niemals seinen Lebensunterhalt verdienen können, also wurde er IT-Spezialist, noch dazu ein sehr findiger. In stolzen Momenten bezeichnete er sich gern als Vater von „Amadeus“, einem zentralen Buchungssystem, das erstmals in der Luftfahrt erprobt wurde und dann nach und nach die Tourismusindustrie digitalisierte.

Urban folgte seinem Professor nach Frankfurt, hoffte von ihm promoviert zu werden, und wechselte nach Hamburg in die Privatwirtschaft, nachdem sich diese Hoffnung zerschlug. Als geborener "Schwabe" wohnte er nicht gern zur Miete, und so hatte er schon in Frankfurt eine Wohnung gekauft, die er gegen eine schönere Wohnung in Hamburg eintauschen konnte. Sein Freund und späterer Mann blieb während dieser beruflichen Wanderjahre in Berlin, was die Beziehung strapazierte, aber in einem anregenden Maß, so dass sie lebenslang hielt.

Ein Putzmann namens Mike

Urban war ein sehr treuer Mensch und ein sehr aufmerksamer. Und er hatte ein Faible, die Talente in anderen zu entdecken, ob das nun seine Studenten waren, seine Kollegen oder seine Putzfrau. Die stammte aus der Ukraine und hätte viel lieber wieder als Krankenschwester gearbeitet, doch ihre Zeugnisse wurden in Deutschland nicht anerkannt. Urban half ihr, alle erforderlichen Prüfungen noch einmal abzulegen. Was ihr den Traumberuf brachte und ihm ungeliebte Haushaltspflichten auferlegte. So war es ihm schon einmal ergangen, in Hamburg, wie Johannes Ludwig, ein ehemaliger Kollege, erzählt: „Urban, neu in Hamburg, beruflich sehr eingespannt, sucht eine Putzfrau. Es kommt keine Frau, es kommt ein Putzmann, Vorname Mike, aus Ghana stammend. Der arbeitet gründlich, Urban entlohnt fair, ist nicht kleinlich. Vertrauen entsteht. Die Zuneigung wächst so weit, dass Urban nach wenigen Wochen das Bankkonto des Putzmannes Mike und dessen Frau Paulina verwaltet. Darüber wacht, dass kein Geld für unnütze Dinge ausgegeben wird. Mike und Paulina, ebenfalls aus Ghana, wollen sich ein neues Leben aufbauen. Und sie wollen ein Kind. Urban: Das musst du mit deinem Mann angehen. Paulina: Weiß ich, klappt nicht, immer nur Fehlgeburten.“

Urban verhilft ihr zu einem Termin bei einem renommierten Gynäkologen, und das kleine Wunder geschieht, Paulina bringt ein gesundes Kind zur Welt. Und weil das Kind einen Namen braucht, heißt es fortan: Urban Christian Münzer Asante. Damit nicht genug der Dankbarkeit. Mike bittet Urban ihn nach Afrika zu begleiten. „Als eines Abends sich der gesamte ghanaische Familienstamm sowie Freunde um ein großes Feuer versammeln, der Stammeshäuptling die Trommeln anschlagen lässt, die lodernden Flammen das Abendlicht zum Leuchten bringen, wird Urban in die Mitte des Rituals geführt. Du musst keine Angst haben, es passiert dir nichts, flüstert Mike Urban ins Ohr. Der Stammeshäuptling nimmt ein Stück einer zerbrochenen Glasscherbe, erhitzt sie im Feuer und fährt damit Urban drei Mal über dessen Wange. Urban spürt es, es steigen leichte Panikgefühle auf, aber geritzt – wie das sonst als Erkennungsmerkmal für eine bestimmte Stammeszugehörigkeit üblich ist – wird Urban nicht. Dennoch: Urban ist jetzt Afrikaner. Und Familienmitglied des Stammes Asante.“

Mike wollte in Afrika bleiben und eine Schreinerwerkstatt eröffnen. Urban sorgte für den günstigen Ankauf gebrauchter Maschinen, und es gelang ihm, die örtlichen Behörden von der Notwendigkeit eines Stromanschlusses zu überzeugen. Womit das afrikanische Abenteuer sein Happy End fand.

Urban hingegen zog es von Hamburg zurück nach Berlin. Eine Zeitlang unterrichtete er noch am Institut für Touristik, bis ihm der digitale Fortschritt zu hektisch wurde. Er wollte ein ruhiges Leben mit seinem Mann, in einer schönen Umgebung. Ein großes buntes Zirkusgemälde von Harald Metzkes brachte Farbe ins Wohnzimmer, Maria Callas Musik. Nicht unbescheiden bekräftigte er: „Es gibt keinen Ton der Callas, den ich nicht kenne.“

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Wenn die Winter in Berlin zu dunkel wurden, floh er mit Bernd nach Gran Canaria, „El Refugio“, „ein weißes Haus direkt am Meer, mit unendlichem Blick“, so die Eigenwerbung für das Traumdomizil, das sie im Rest des Jahres vermieteten.

Im Sommer genügte ihm Lindwerder, die kleine Insel in der Havel, so klein, dass sich ein Spaziergang nicht lohnte. Dergleichen körperliche Anstrengungen waren ihm ohnehin verhasst. Das Restaurant hingegen schätzte er sehr, insbesondere Herrn Lehmann, den Kellner, denn auf guten Wein und gutes Essen legte er großen Wert, und auf gute Umgangsformen selbstredend auch.

Urban verfügte über eine Krawattensammlung, die auch Yves Saint Laurent imponiert hätte, fuhr lieber Alfa Romeo als Opel, und gab gern ein wenig den Connaisseur, ohne in falsche Posen zu verfallen. Geblufft hat er nur im Kartenspiel, beim Legen von Patiencen, da verfügte er oft eigene Regeln, denn bevormunden ließ er sich ungern. Erst recht, was seine Gesundheit anging. Auf das Rauchen wollte er nicht verzichten, und all die guten Flaschen Wein im Keller hätte er liebend gern noch ausgetrunken, aber da kam der Krebs, schnell und unheilbar, was er sehr bedauerte, auf stille Weise, denn er sah andere ungern weinen.

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