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Ulrich Krenz Foto: privat
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Nachruf auf Ulrich Krenz Lob der Beharrlichkeit

Er saß fest in der DDR. Und unternahm alles, um herauszukommen. Der Nachruf auf einen, der aneckte, hüben wie drüben.

Am Anfang war da eine Annonce in der „Wochenpost“, in der Rubrik „Er sucht sie“. Sie schrieb, er schrieb zurück, bis zum Wagnis eines ersten Treffens, im Frühling 1968. Ulrich holte Ingrid ab. Er klingelte, sie öffnete, er sah sie an, sie sah ihn an, das war’s. Das würde es bleiben, lebenslang.

Sie setzten sich ins „Vineta-Eck“ in Pankow und gingen erst wieder, als der Wirt den Laden schloss. Am Tag darauf trafen sie sich erneut. „Ich muss dir etwas sagen“, begann er stockend. – „Oh je“, dachte sie, „jetzt kommt bestimmt die Geschichte vom Kind aus einer alten Beziehung.“

Kam aber nicht. Sondern etwas vollkommen anderes. Ulrich erzählte, dass er rauswollte aus diesem Land, aber festsaß. Bis zum Mauerbau vor sieben Jahren hatte er die Oberschule in West-Berlin besucht, die Abiturprüfungen sollten gerade beginnen. Jetzt war der Weg versperrt. Sollte er es schwimmend durch die Spree versuchen? Er trainierte jeden Tag im Rummelsburger See.

Am 24. Oktober 1961 lag tiefer Nebel über der Stadt. Er rieb seinen Körper gegen die Kälte mit Schmierseife ein und stieg an der Halbinsel Stralau ins Wasser. Er schwamm langsam, um keine Wellen zu erzeugen, durch die Elsenbrücke, er sah die Oberbaumbrücke. Bis zur Schleuse am Landwehrkanal, Kreuzberg, war es nicht mehr weit. Doch der Nebel lichtete sich. Trillerpfeifen schrillten, Warnraketen stiegen auf. Sie hatten ihn.

Eineinhalb Jahre Gefängnis. Zu zwölft in einer Zelle für acht. Wegen einer Amnestie kam er nach zehn Monaten raus. Erhielt jedoch Berlin-Verbot. Er musste ins sächsische Freital, als Krananschläger im Stahlwerk. Und fuhr an die Ostsee, obwohl auch das verboten war, bestieg in Warnemünde ein Ausflugsschiff. Sah in nicht allzu weiter Ferne einen norwegischen Frachter. Streifte die Schuhe ab, sprang ins Wasser, schwamm wieder. Die norwegischen Matrosen ließen eine Strickleiter hinab, doch da tauchte neben ihm schon das Schnellboot der DDR-Marine auf. Dieses Mal: 18 Monate Arbeitslager im Tagebau.

Sollten sie ihn doch wieder einsperren

Danach erneut Berlin-Verbot. Er gab bekannt, dass er auf jeden Fall nach Berlin gehen werde; seine Strafe habe er verbüßt. Sollten sie ihn doch wieder einsperren, wenn sie wollten!

Er durfte nach Berlin, holte sein Abitur auf der Abendschule nach, absolvierte eine Ausbildung zum Koch und arbeitete danach in der Küche eines Heims. Sein Chef beobachtete, dass sich die Jugendlichen dort immer wieder vertrauensvoll an Ulrich wandten und schlug ihn für ein Kurzstudium zum Erzieher vor. Er wurde tatsächlich delegiert – und war alles andere als eine gereifte sozialistische Persönlichkeit: holte Informationen für die West-Berliner SPD ein, erledigte Kurierdienste, verteilte politische Literatur. Und wollte immer noch raus aus diesem Land.

Das war es also. Kein Kind. Dass sie es mit einem ehemaligen politischen Häftling zu tun hatte, machte Ingrid nichts. Sie kannte das. Ihr Vater hatte bei den Nazis in Haft gesessen. Allerdings konnte ihr die Sache gefährlich werden. Sie war Grundschullehrerin und für eine staatliche Funktion vorgesehen. Doch letztlich, wusste sie, gab es kein Zurück. Sie hatte sich verliebt. Sie wollte mit Ulrich leben.

Die beiden heirateten schnell, erwarteten ein Kind. Im fünften Monat verlor Ingrid das Baby. „Wir adoptieren Kinder“, tröstete er sie. Er sorgte sich immens, ihr könne während einer erneuten Schwangerschaft etwas zustoßen.

Ein Jahr darauf wurde ihrem Adoptionswunsch stattgegeben, zwei Kinder kamen zu ihnen. Das Leben war schön. Aber immer noch zu eng, in dieser kleinen DDR. 1972 stellten sie einen Ausreiseantrag. Und verloren auf der Stelle ihre Arbeit. Sie verkauften das Auto, das Tonbandgerät, das wenige, was Wert hatte, sie übernahmen Aushilfsjobs, Ulrich als Lagerarbeiter im Restaurant „Haus Budapest“ an der Karl-Marx-Allee, Ingrid als Garderobenfrau. Später trugen sie Briefe bei der Post aus. Am 11. Januar 1974 durften sie dann endlich gehen, mit zwei Koffern und zwei Kartons voller Bücher.

Ingrid stieg wieder in den Schulbetrieb ein, Ulrich machte einen Abschluss zum Sozialarbeiter an einer kirchlichen Hochschule, wollte im Grunde aber Politologie studieren, was schon damals, 1961, sein Plan gewesen war. Also schrieb er sich am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität ein.

Sie wünschten sich weitere Kinder, hatten allerdings nicht mit den antiquierten Ansichten der westdeutschen Behörden gerechnet. Die Dame vom Jugendamt, die sich für ihre Hausbesuche stets weiße Handschuhe überzog, um damit nach Staub auf den Regalen zu suchen, war fassungslos, als sie hörte, die Mutter bleibe nicht zu Hause, sondern gehe einer Arbeit nach. „Für eine berufstätige Frau ist eine Adoption ausgeschlossen“, beschied sie.

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Doch die Zeiten waren im Umbruch. Die Handschuhdame ging in Rente, ein junger Mann trat an ihre Stelle und zu den vier Krenzens stießen zwei hinzu. Im Laufe der Jahre betreuten Ulrich und Ingrid insgesamt 16 Kinder, einige aus schwierigsten Verhältnissen. Sie bauten ein Haus in Kladow und erzogen die Truppe gemäß des Wortes: Solange deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie größer werden, schenk ihnen Flügel.

In Ulrich flackerte weiter der Oppositionsgeist, auch im neuen System, er eckte an, widersprach als SPD-Mitglied der vorgegebenen Linie. Wie konnte es sein, dass sich Teile seiner Partei gegen die Friedensbewegung stellten und für die Nachrüstung mit Pershing-Raketen? Ein Skandal für ihn. Er nahm an Mahnwachen teil, organisierte Busse zur großen Demonstration im Bonner Hofgarten im Oktober 1981.

Nach dem Mauerfall machte sich Ulrich selbstständig und beriet Gemeinden, die sich um die Rückerstattung von Kirchenimmobilien bemühten. Zusammen mit Ingrid absolvierte er eine Mediatorenausbildung und trainierte angehende Pflegeeltern. Es hätte weitergehen können, dieses Leben, das schön war, mit den Kindern, den Enkelkindern, mit Ingrid. Aber es ging nicht weiter. Der Krebs saß fest in seinem Körper.

Bald, wenn es wieder möglich sein wird, wenn alle wieder zusammenkommen dürfen, wird es ein Fest für Ulrich geben, zum Dank, dass er da war, dass er da ist, auf andere Weise.

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