Stephanie Rieck (1973-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Stephanie Rieck (Geb. 1973) Warum immer auf die letzte Sekunde?

Sich auf dem Betriebsausflug als Gespenst verkleiden und alle anderen erschrecken: Peinlich? Nicht mit ihr.

Wo blieb sie nur? Sie waren doch bei der Professorin verabredet, um die Prüfungsthemen abzuklären. Minuten um Minuten vergingen. Die Professorin wurde ärgerlicher, die Freundin immer nervöser. Mensch, Steph, warum immer auf die letzte Sekunde? Da ging die Fahrstuhltür auf und herausgerollt kam sie, verschwitzt. Ihre Ente, keuchte sie, hatte mal wieder eine Panne. Da musste sie die letzten Kilometer zur Technischen Universität die Inlineskates nehmen.

Steph und ihre lila Ente, die sie „Pretty Blue, Mary Lou“ getauft hatte. Vom Schrottplatz gerettet und in der Familiengarage in Kladow repariert. Wochen hatten Vater und Tochter dort verbracht, hatten Schrauben und Kabel erneuert. Auf dem Beifahrersitz lagen immer Berge von Krimskrams. Hatte man die nach hinten geräumt und sich dann niedergelassen, wurde man wundervoll nach Hause gefahren. Und durfte als Beifahrer auch ab und an die Schaltung übernehmen. Meist saß man einfach nur da, mit Steph in ihrer Ente, nach der Uni, nach Arbeit, nach der Weihnachtsfeier, und unterhielt sich mit ihr, lachte mit ihr, oft stundenlang.

Ihr Vater war Taxifahrer, ihre Mutter Taxifahrerin. Beide arbeiteten viel, und dennoch war das Geld knapp. Steph packte zu Hause mit an und kümmerte sich oft um die Geschwister. Schon früh ging sie arbeiten, neben der Schule. Während des Studiums hatte sie drei bis vier Jobs zur selben Zeit.

Streng und christlich zogen die Eltern sie auf. Steph musste Kämpfe führen. Sie lernte zu ihren Eltern zu sagen: „Das ist eure Meinung …“ Sie lernte, dass sich bestimmte Diskussionen nicht lohnten. Darüber zum Beispiel, was sich gehört und was nicht. Einfach war es also nicht. Grundsätzlich aber, und das ist das Wichtigste, fühlte sie sich angenommen und geliebt. Vor allem, als sie sich der Kirchengemeinde am Südstern anschloss und sich dort mit anderen jungen Erwachsenen traf, um über ihren Glauben und das Leben zu sprechen. Später organisierte sie Kinderfreizeiten, erfand Hörspiele über zwei Bären im Zoo und ließ Freunde die Rollen einsprechen. Sie hatte so eine ansteckende Energie. Eine Kollegin brachte sie dazu, sich mit ihr zusammen auf einem Betriebsausflug als Gespenst zu verkleiden und alle anderen zu erschrecken. Peinlich? Nicht an ihrer Seite.

Entwich einer Freundin eine Floskel, eine flapsige Bewertung, ließ Steph nicht locker, stellte Fragen, bis man das Gesagte von allen Seiten betrachtet hatte. Das war mitunter anstrengend, aber immer auch interessant. Wenn Steph über eine Frage nachdachte, legte sie ihren Kopf schräg, kratzte sich mit den Fingern an der Stirn, schaute ihr Gegenüber lange an, bevor sie mit einer Antwort rausrückte.

Steph war 22, Ingo war 25. Sie studierte Biologie und Deutsch, er Physik. Sie war die Chaos-Queen, er der Geordnete. Ihre Kinder sagten später: „Mit Mama fahren wir immer zu spät los. Mit Papa immer zu früh. Mit beiden zusammen passt es.“ Er besuchte einen Tanzkurs, weil er sich dachte, dass er, der Physiker, dringend etwas Soziales tun musste. Sie war da, weil sie tanzen wollte. Später würde sie Kurse an der Volkshochschule geben, Walzer, Samba und Cha-Cha-Cha, 18 Jahre lang, Hunderte von Schülern. Viele kamen immer wieder in ihren Kurs.
Steph sprach Ingo an. Ob er spontan sei? Dann müsste er doch Lust haben, auf die Tanzfahrt mitzukommen, jetzt, sofort. Überhaupt war sie es, die ihn immer wieder über seinen Schatten springen ließ. Auf dieser Fahrt gab es den ersten Kuss, abends lagen sie dann zusammen im Etagenbett mit noch zehn anderen im Zimmer. Egal, Ingo war verliebt, so wie man vielleicht nur einmal im Leben verliebt ist. Sie zogen zusammen. Es war eine fantastische Zwischenzeit, noch keine Kinder, keine Verantwortung, nur sie beide.
Steph wurde Lehrerin für Deutsch und Biologie an einem Erwachsenenkolleg. Am beliebtesten war ihr Sezier- und Präparierkurs, da bliesen dann 20 Männer und Frauen Schweinelungen auf. Es konnte passieren, dass Schüler spätabends anriefen, weil sie Kummer hatten. Oder dass ehemalige Schüler, die sie zufällig in einer Pizzeria traf, ihr um den Hals fielen. Oder dass sie in der Prüfung beide Augen zudrückte bei der Frau, die noch mit 65 ihr Abitur machen wollte und so aufgeregt war, dass es knapp wurde.
Die Kinder kamen auf die Welt. Mit der Mutter kuscheln, das war das beste auf der Welt, sagt der Sohn. Und immer war sie da, half auch abends um elf noch bei den Hausaufgaben, erinnert sich die Tochter. Eine Familie hatte ihren Platz gefunden, in einem schönen Haus, am Rand von Kleinmachnow. Ingo ordentlich, Steph chaotisch, ein amüsantes Gerangel, welche Seite an welchem Tag die Oberhand gewann.
An einem Samstagmittag verabschiedete sich Steph. Sie wollte zu ihrem Pferd. Sie liebte das Reiten, hatte es schon als Kind gelernt. Es wurde später und später, Steph kam nicht nach Hause, ging auch nicht ans Handy. Ingo fuhr zum Reithof, und hier offenbarte sich das Drama: Steph war bei ihrem Ausritt unglücklich vom Pferd gestürzt. Wie und weshalb, all das weiß man nicht. Es war niemand dabei.
Es sollte eine kleine Beisetzung werden, doch immer mehr Leute kamen dazu, die Steph kannten. Schüler vom Kolleg und aus den Tanzkursen. Kollegen. Freunde. Familie. Am Ende standen 60 Menschen in dem kleinen Raum, als das Abschiedslied angestimmt wurde: „Que será, será“.

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