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Sophie Templer-Kuh Foto: privat
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Nachruf auf Sophie Templer-Kuh Heimatlos und guter Dinge

Spät lernte sie, dass es sich lohnt, über die Vergangenheit zu sprechen. Sie sprach über den prominenten, fernen Vater, viele Fluchten und über eine kurze Liebe.

Eine Sommernacht in Berlin-Wilmersdorf, die Rentnerin Sophie Templer-Kuh steht mit ihrer Nichte Mara auf dem Balkon ihrer kleinen Wohnung. Sie blicken in den klaren Himmel, die Tante winkt den Sternen zu und erzählt der Nichte von John Graudenz, dem Mann, der sie geliebt hat. Ein paar Wochen nur, dann musste sie Berlin verlassen. Das war im Frühjahr 1939. Sie wussten, dass sie einander kaum wiedersehen würden und gaben sich ein Versprechen. Sie würden hin und wieder in den Himmel winken, denn, wer weiß, womöglich würde der andere dort oben warten.

Nicht dass sie sonderlich religiös gewesen wäre. Kein bisschen war sie das, die Anlässe, ein vertrauensvolles Verhältnis zu einem guten Weltenschöpfer zu entwickeln, waren rar in ihrem Leben. Und wenn sie dazu neigte, öfter gut als schlecht von den Menschen und von ihrem eigenen Leben zu sprechen, dann entsprang das eher einem weisen Selbstschutz als irgendeinem Glauben.

Es gibt Berichte über diese beeindruckende Frau, in denen sie selbst in den Hintergrund gerückt wird. Vor ihr steht ihr Vater, dessen Namen sie nicht trug, und an den sie keinerlei Erinnerung hatte. Er starb im Jahr 1920, da war sie vier. Dennoch sollten auch wir ein paar Worte über ihn verlieren.

Mit Kafka in der Eisenbahn

Otto Gross war in psychoanalytischen und lebensreformerischen Kreisen seiner Zeit ein Star. Die nagelneue Seelenlehre begriff er als weitaus revolutionärer als sein Lehrer Sigmund Freud. Die Hoffnung auf die befreiende Kraft der Drogen brachte ihn auf einen frühen, selbstzerstörerischen Hippie-Trip. Franz Kafka begegnete ihm im Juli 1917 in der Eisenbahn, die einjährige Sophie war zugegen. Kafka beschrieb in einem Brief nicht nur den geistreichen Vater, sondern auch sie: „ … der rätselhaft schweigende Säugling zwischen den Reisetaschen – er sollte nicht aus dem Bett fallen, wenn er allein war – der schwarzen Kaffee trank, Obst aß, alles aß, was man wollte.“

Was hier nicht allein zitiert wird, weil es ein berühmter Mann geschrieben hat, sondern weil es Sophies frühe Prägung recht treffend zu beschreiben scheint. Ein Kind, das schweigt, das weder in den Armen seines Vaters noch in denen seiner Mutter liegt.

Ihre Eltern waren mehr mit sich beschäftigt als mit ihr. Sie wurde krank, und ihre Mutter schickte sie, da war sie drei oder vier, zu Pflegeeltern nach Dänemark. Wo sie wohnte, wie die Leute hießen, das vergaß sie, nicht aber, dass sie dort glücklich war. Die vier dänischen Jahre haben offenbar genügt, um aus dem kleinen Menschen einen erstaunlich stabilen, warmherzigen zu formen.

In den folgenden Jahren wurde dieses Seelenkapital auf eine harte Probe gestellt. Ihre Mutter holte Sophie zurück zu sich, acht Jahre war sie alt. Später sprach sie auch über diese Zeit nicht allzu viel, obgleich ihre Erinnerung längst eingesetzt haben dürfte. Die Mutter, Marianne Kuh, lebte inzwischen mit einem Schriftsteller zusammen, dem Rumänen Alexander Solomonica, und hatte mit ihm einen Sohn. Die achtjährige Sophie bekam nun also einen Bruder, der sechs Jahre jünger war als sie, Michael. Sehr viel später würde er noch eine große Rolle spielen. Nun sollte sie sich um ihn kümmern, ebenso wie um die Schwester, die noch folgte. Dass der Vater ihrer Geschwister nicht der ihre war, davon ahnte Sophie nichts. Die Sache war so schon schwer genug: Neue Eltern, neue Sprache, das Kinderbuch, das sie aus Dänemark mitgebracht hatte, wurde ihr in der ersten Nacht weggenommen: Ein Neuanfang; hierher gehörst Du jetzt!

Mit Kästner im Café

Der Stiefvater war nicht besonders liebevoll mit seinen Kindern, mit der Stieftochter schon gar nicht. Sophie erzählte später von Eltern, die sich vor allem für die auswärtig-intellektuellen Dinge interessierten. Sie betonte aber, dass ihre Mutter sie ins legendäre „Romanische Café“ mitgenommen habe, da, wo heute das Europacenter jeden Gedanken daran zunichtemacht, dass sich an dieser Stelle einmal die kulturelle Elite des Landes getroffen hatte. Ob ihr damals klar war, wer Tucholsky, Kästner, Ringelnatz waren, darf man bezweifeln. Wichtig war an der Erzählung zweierlei: Sophie hatte teil am abenteuerlichen Leben der Großen. Und ihre Mutter ließ ihr Gutes widerfahren. Die Vorwürfe, die sie ihr sicher hätte machen können, blieben ungesagt.

Als die Nazis an die Macht kamen, zog die jüdische Familie nach Wien, und Sophie geriet in eine heftige Krise. Der Mann, den sie für ihren Vater hielt, war dagegen, dass sie die Schule beendete, sie fühlte sich einsam, ungeliebt. Mit 18 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Danach kam es zu einem Streit zwischen den Eltern, den sie mit anhörte und dabei erfuhr, dass sie nicht die Tochter dieses Mannes war. Ihre Mutter bestätigte ihr das danach, Sophie hörte den Namen Otto Gross, und dass er schon lange tot sei.

Wesentlicher für die junge Frau in diesen Tagen: Sie durfte fort aus Wien, hinaus aus der Familie, in der sie, abgesehen von ihrer Funktion als große Schwester, keinen Platz zu haben schien. Die Mutter schickte sie nach England in eine Art Aupair-Anstellung. Die Kontakte, die sie dort aufbaute, erwiesen sich wenige Jahre später als lebensrettend. Seit März 1938 jubelten auch die Österreicher Adolf Hitler zu, am 9. November brannten auch hier die Synagogen. Sophie, die eine Hausmädchenanstellung in Innsbruck gefunden hatte, gelang es, mithilfe eben jener Kontakte nach England auszureisen und ihre Geschwister und die Mutter nachzuholen. Dem Stiefvater wurde die Ausreise verweigert; er wurde deportiert und umgebracht.

Eine Liebe in Berlin

Wesentlich zu erwähnen ist die Zwischenstation, die Sophie auf dem Weg nach England machte. Fürs Visum musste sie zunächst nach Berlin, auf die britische Botschaft. Das muss Ende 1938, Anfang 1939 gewesen sein, und die Sache zog sich nicht allein aus bürokratischen Gründen etwas hin. Sophie lernte John Graudenz kennen, einen 32 Jahre älteren Familienvater, Fotograf und Handelsvertreter. Er war der Mann in ihrem Leben, der ihr das Gefühl gab, eine schöne und begehrenswerte Frau zu sein. Mehr als ein paar Wochen kann die Liaison nicht gewährt haben. Niemand weiß, wo und wie oft sie sich überhaupt getroffen haben. Die Sache hat sich ihr aber eingebrannt, sie zehrte bis an ihr Lebensende von der Erinnerung an diese Tage, an diesen Mann.

John Graudenz beteiligte sich am Widerstand gegen die Nazis, er unterstützte die „Rote Kapelle“. Im September 1942 wurde er festgenommen und drei Monate später in Berlin-Plötzensee erhängt.

Nach London geflohen, trat Sophie als Köchin in den Dienst der britischen Armee. Im Casino lernte sie Simon Großhut kennen, einen Mann, der wie sie auf eine schwierige, bewegte Vergangenheit zurückblickte. Auch er war ohne Vater aufgewachsen. Die große Liebe war es nie, und die Beziehung wurde von Anfang an auf harte Proben gestellt: der Krieg, der Kampf um seine Einbürgerung in England, die Armut in den Jahren nach dem Krieg. Weil Großhut zu deutsch klang, nahmen sie den Namen Templer an.

1960 erhielt Simon ein Jobangebot in Deutschland und zog nach Hannover, Sophie folgte ihm mit den beiden Kindern Anita und Anthony. Viel schwieriger als der Schritt zurück nach Deutschland war für Sophie das Zusammenleben mit ihrem Mann. Seine Traumata bekam sie hautnah zu spüren. Schließlich, nach zwei Jahren, verließ er die Familie. Er war der Meinung, Sophie könne sich nicht um beide Kinder kümmern und brachte Anthony in ein Heim. Sophie war dagegen – doch was sollte sie tun, es waren die 60er Jahre, eine Mutter hatte nicht viel zu sagen. In einem Militärkrankenhaus in Ramstein bekam sie eine Stelle als Pflegehelferin, nach einem Jahr griff sie sich ein Herz, holte ihren Sohn aus dem Heim und zog mit ihm und Anita zurück nach England. Das war tatsächlich eine Art Entführung. Der entführte Anthony erzählt davon mit großer Dankbarkeit.

In England half ihnen eine jüdische Flüchtlingsorganisation, Sophie bekam Arbeit als Betreuerin von Neugeborenen und deren Müttern. Sehr lange aber blieben sie nicht dort, denn Anita, inzwischen 17, wollte nach Amerika. Sophie ließ sie ziehen – und zog mit Anthony hinter ihr her. Die ersten Jahre lebten sie in New York und New Jersey, Sophie verdiente das Geld als Hauswirtschafterin, und nachdem Anita an die Westküste übergesiedelt war, folgte Sophie wiederum mit Anthony.

Ihr 63er Dodge Dart Foto: privat Vergrößern
Ihr 63er Dodge Dart © privat

In Los Angeles fand sie Arbeit in einem Krankenhaus, erneut als Pflegehelferin. Das mag bescheiden klingen, doch verdiente sie genug Geld, um sich ein gebrauchtes aber prächtiges 63er Dodge Dart Cabrio zu leisten, außen weiß, mit roten Ledersitzen. Wie stolz sie darauf war; ein gut sichtbares Symbol dafür, dass sie mit erheblich mehr als dem nackten Leben davongekommen war. Anthony erinnert sich noch gut, wie sie, ohne jegliche Fahrpraxis, ihre erste Tour machte: Sie wohnten am Hang, da war das mit dem Anfahren nicht so einfach, sie fuhr einfach los. An einer Tankstelle ließ sie den Ölstand überprüfen, hörte ein lautes Krachen, drehte sich um und sah mit Schrecken, dass da zwei Autos ineinandergefahren waren. Wenn der Straßenverkehr solche Gefahren barg, konnte sie daran unmöglich teilhaben! Sollte sie den Tankwart bitten, ob er sie heimfahren würde?

Ach was, sie setzte sich ans Steuer und fuhr weiter! Vorsichtig, doch immer unfallfrei. So nahm diese Frau ihr Leben. Schlimme Dinge mochten geschehen, aber es half ja nicht, sich lange damit aufzuhalten. Woher sie kam, wie es um ihre Prägungen stand, darüber dachte sie nicht lange nach. Keine Zeit, keine Lust, keine Kraft.

Mit 65 aber, als sie nicht mehr arbeiten musste, kam sie auf die Idee, sich doch einmal den alten Dingen zu widmen. Da ihre Wurzeln seit jeher nicht allzu tief in den Boden wuchsen, begab sie sich noch einmal auf große Reise. Diesmal waren es nicht die Umstände, denen sie folgte, keine Lebensgefahr, der sie entfloh, kein wirtschaftlicher Zwang. Sie tat nun etwas ganz allein für sich und zog nach Österreich. Womöglich auf der Suche nach einem Ort, der etwas Heimatliches barg. Dem hervorragenden Englisch, das sie sprach, hörte man noch immer ihre deutsch-österreichische Herkunft deutlich an.

Die Spur des Vaters

Die Geschichte, wie sie auf die Spur ihres Vaters gelangte, hat sie oft erzählt. Sie ging ungefähr so: In einem Wiener Antiquariat stieß sie auf ein Buch von Anton Kuh. Das war der Bruder ihrer Mutter gewesen; sie sagte das dem Antiquar. Der erwiderte: „Anton Kuh habe ich damals oft im Café Central gesehen, zusammen mit diesem kokainsüchtigen Dr. Gross.“ Er reichte ihr ein Buch über diesen Dr. Gross, ihren Vater, „Paradiessucher zwischen Freud und Jung“. Sie las es und sie stellte fest, dass ihre Herkunft speziellerer Natur war. Dass der Vergangenheit weit mehr als Schmerzhaftes, Beschweigenswertes innewohnte. Verband sie, die Heimatlose, nicht doch etwas mit diesem fernen Vater? Er hatte sich, so lernte sie, gegen den Einfluss seines Vaters wehren müssen, er kämpfte um das Aufbrechen bürgerlicher Familienzwänge, verlor sich selbst.

Dann traf sie bei einer Ausstellung, in der es unter anderem um ihren Onkel Anton Kuh ging, auf eine Frau, die einen Neffen Anton Kuhs kannte, einen gewissen Michael Stone, wohnhaft in Berlin. Das war ja ihr Halbbruder! Michael, auf den sie in Berlin und Wien so oft hatte aufpassen müssen. Sophie ließ sich die Nummer geben und rief ihn an.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier, weitere Texte des Autors, David Ensikat, lesen Sie hier]

Mara Stone, Michaels Tochter, Sophies Nichte, war in Berlin dabei, als das Telefon klingelte. Ihr Vater hob ab, hörte, sprach mit dieser älteren Dame, die seine große, geliebte, verschwundene Schwester war. Mara erzählt, wie er in Tränen ausbrach.

Michael lud Sophie nach Berlin ein, stellte sie seiner großen Familie vor, und Sophie, 70 Jahre jung und schon immer mit leichtem Gepäck unterwegs, entschloss sich, ganz umzuziehen in die Stadt, in der sie von 1924 bis 1933 gelebt hatte und in der sie 1939 einen Mann geliebt hatte, der sie behandelt hatte wie keiner vor und keiner nach ihm. Nach Simon Templer hat sie sich auf überhaupt keinen mehr eingelassen. Von Zeit zu Zeit winkte sie John Graudenz zu. Und scharte Menschen um sich; viele schloss sie ins Herz, viele schlossen sie ins Herz. Mit ihren Kindern bereiste sie die Welt, Anthony zog zu ihr nach Berlin. Sie schuf sich eine Familie jenseits aller Zwänge – wer weiß, vielleicht hatte ihr Vater etwas in dieser Art im Sinn gehabt.

Sophie Templer-Kuh ist 104 geworden. Sie erzählte gern von ihrem langen Leben; bei den härteren Passagen fasste sie sich kürzer. Wissenschaftler, die sich mit dem Leben ihres Vaters befassten, luden sie ein und machten sie zur Ehrenvorsitzenden der „Otto-Gross-Gesellschaft“.

In ihrer bescheidenen, kleinen Wohnung hütete sie Dutzende Steiff-Tiere. Andauernd schenkte sie Kindern ihrer Freunde und Verwandten welche. Steiff- Tiere, diese Wesen, mit denen Kinder ausprobieren, wie Zuspruch und unbedingte Liebe funktionieren.
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Sophie Templer-Kuh im Sommer 2020 Foto: Mara Stone Vergrößern
Sophie Templer-Kuh im Sommer 2020 © Mara Stone
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