Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Sophie Raphaeline Foto: privat
© privat

Nachruf auf Sophie Raphaeline Alles anders

Sie wachte eines Morgens auf und war kein Mann mehr. Da wäre es doch albern gewesen, sich noch als Mann zu verkleiden

Hunde in der Stadt sind nervig und Männer manchmal auch. Immerhin muss man nicht zu sonderlich komplexen Methoden greifen, um die Männer aus der Fassung zu bringen, gern mit ihren eigenen Mitteln. Vor Sophies Buchladen steht ein Baum. Auf der Fläche rings um den Baum hat sie ein kleines Blumenbeet angelegt. Ein Mann mit Hund kommt vorbei. Mann und Hund bleiben vor dem Baum stehen, der Hund hebt ein Bein und pinkelt auf die Blumen. Eine Nachbarin, die die Szene beobachtet, weist den Mann auf diese Grobheit hin, woraufhin er sagt: „Mein Hund kann pissen, wo er will.“ Sophie, lange Haare, langes Kleid, tritt auf die Straße, stellt sich breitbeinig vor den Hund, rafft das Kleid, bis eine männlich gewölbte Unterhose zum Vorschein kommt: „Wenn ihr Köter auf meine Blumen pissen darf, dann darf ich auch auf ihren Köter pissen.“

Das sprengte mit Sicherheit das Weltbild des Hundemannes. Die ganze Geschichte hätte ihn nicht minder erstaunt.

Sophie hieß bis zu ihrem 55. Lebensjahr Alan und war ein heterosexueller Mann. Die Veränderung, die dann einsetzte, passt in keiner Weise in übliche Schemen. „Es gibt zwei Sorten Transsexueller“, erzählte sie dem Autor Hans W. Korfmann. „Die erste Sorte sind diejenigen, die schon als Kind merken, dass etwas nicht stimmt, und sich schnell verändern. Die zweite Sorte sind die, die das andere Geschlecht unterdrücken und dann mit 40, wenn die Kinder aus dem Haus sind, plötzlich anders werden. Und dann gibt es noch mich.“

„Stell dir vor“, sagte sie, „du nimmst Meskalin, und die Wirkung hört nicht auf“

Sie wachte eines Morgens auf und war kein Mann mehr. Alles fühlte sich anders an, all ihre Sinneswahrnehmungen schienen verstärkt. „Stell dir vor“, sagte sie, „du nimmst Meskalin, und die Wirkung hört nicht auf.“ Sie versuchte, sich zu konzentrieren: Was war letzte Nacht? Was die Tage zuvor? Hatte sie irgendwas genommen? Nein. Halluzinogene Substanzen spielten seit Ewigkeiten keine Rolle mehr. Eine Erkundungsreise begann. Sie konsultierte Neurologen und Endokrinologen. Die Neurologen fanden nichts, die Endokrinologen aber eine ungewöhnlich hohe Menge an Östrogenen, den weiblichen Sexualhormonen. Wahrscheinlich, so die These, hing der Anstieg mit einer Lebererkrankung, die Sophie eigentlich gut überstanden hatte, zusammen, mit den Medikamenten, die sie in dieser Zeit einnehmen musste.

Aber wo auch immer der Grund liegen mochte, sie nahm das Leben, wie es jetzt war. „Es gibt verschiedene Arten zu kommunizieren", erklärte sie der „taz“ in einem Interview. „Männer kommunizieren mit Männern anders als mit Frauen. Bei Frauen ist es genauso. Als ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr auf diese männliche Art und Weise kommunizieren konnte, mich nicht mehr als Mann verhalten konnte, wäre es albern gewesen, mich weiterhin als Mann zu verkleiden.“

Sie entdeckte, dass Männlichkeit Gefängnisse um einen baut, eine Falle aus Getue und Gefallsucht, in die man gerät oder sich drängen lässt. Und sie verstand klarer als zuvor, wie entscheidend der Begriff der Differenz ist, als Bedingung für Identität. „Es ist ein Fehler von Transleuten“, sagte sie, „sich so sehr auf die Geschlechtsidentität zu fokussieren, zu sagen: ‚Ich war aber schon immer so, ich habe mich nicht geändert.’ Alles ist Bewegung und sehr fließend.“

Die Splitter, das Zersprungene

Und alles ist bruchstückhaft, bleibt unvollendet, das wusste sie. Dieses Fragmentarische ist ein unsicheres Terrain, unbestritten. Doch gleichzeitig kann daraus die Pracht zahlloser Möglichkeiten entstehen. Wie aus den Buchstaben, den Wörtern, die man stets neu kombiniert. Sophies Welt bestand schon immer aus Buchstaben, bereits damals, als sie noch ein er war, Alan, in London, wo er aufwuchs. Die Mutter war Lehrerin an einer Schule, was sie betrübte, denn eigentlich hatte sie an der Universität unterrichten wollen, der Krieg jedoch zerschlug die Hoffnung. Dem Kind aber, dachte die Mutter, sollen alle Türen offenstehen. Sie ermunterte Alan, alle Meisterwerke zu lesen, und so saß der Zehnjährige versunken über „Macbeth“ und „Richard III.“, verschwand stundenlang in einem anderen, weiten Land. Später, an der Universität, sträubte er sich gegen das alte Englisch, schmiss die Literatur hin und studierte Psychologie und Philosophie und ahnte noch nicht, dass aus einem Teil dieses Wortes, Philosophie, sein neuer Name entstehen würde.

Die Splitter, das Zersprungene, verschwanden aber nicht aus seinem Leben. Die Abgeordneten des britischen Unter- und Oberhauses waren es überdrüssig, die gesamte Presse durchzuarbeiten. Alan las in der Nacht sämtliche Zeitungen des kommenden Tages, schnitt die relevanten Artikel aus und erstellte eine tägliche Sonderausgabe. Margaret Thatcher, um eine Kundin zu nennen, war begeistert.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte der Autorin, Tatjana Wulfert, lesen Sie hier]

Ende der 90er zog Alan der Liebe wegen nach Berlin, zusammen mit seinen 12 000 Büchern Und eröffnete in der Riemannstraße in Kreuzberg einen englischsprachigen Buchladen, „Another Country“. „Was hätte ich sonst mit den Büchern tun sollen?“

Die Bücher standen nicht abgezirkelt Rücken neben Rücken, wohlsortiert nach Genre oder Autor. Sie drängten und stapelten sich in jeder Ecke, auf jedem freien Fleck, bildeten Schicht auf Schicht, ein Gewebe von Worten und Sätzen, die einen ein Echo auf die anderen. Zig Hände hatten die Einbände berührt, gegriffen, die Seiten durchgeblättert. Der Laden war eher eine Bücherei. Die expats, Briten, Amerikaner und andere Englischsprachige, die zwei Drittel der Kunden ausmachten, mussten nichts kaufen, die meisten Bücher konnten gegen eine Gebühr von 1,50 Euro ausgeliehen werden. Jeden Freitag veranstaltete Alan – und später Sophie – Abendessen, eine zufällig zusammen gewürfelte Gruppe aß und trank und plauderte und stritt, spielte eine Runde Speed-Scrabble und trank und plauderte und stritt weiter. Wer keinen Platz zum Schlafen hatte, durfte für ein, zwei Nächte bleiben. Schriftsteller stiegen in den Keller hinab und versenkten sich in der dämmrigen Abgeschiedenheit in ihre Worte und Sätze. Ein Ort, von dem die Leute dachten, so etwas existiere schon lange nicht mehr, another country in another time.

Am 6. Mai starb Sophie an den Folgen ihrer Lebererkrankung.

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite