Sigrid Eißfeller (1948-2019 Foto: Andreas J. Etter/ Theaterfotograf
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Nachruf auf Sigrid Eißfeller (Geb. 1948) Gern auch vertrackt

Sie war für die Bühnen zuständig, aber nie laut, sondern wie es sich gehört: ruhig, beharrlich und gut vorbereitet. Denn sie war Beamtin

Sigrid war Verwaltungsbeamtin. Sie war für Vorgänge zuständig. Sie hatte Akten zu führen. Sie stand ihrem eigenen Referat vor und war der nächsthöheren Instanz Rechenschaft schuldig. Doch von diesen trockenen Berufsvokabeln sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Sigrid war eine Beamtin mit Leidenschaft. Eine, die ihre Meinung sagte und kämpfen konnte. Nicht laut, sondern wie es sich in dem Metier gehört: ruhig, beharrlich und gut vorbereitet. Für ihre Mitarbeiter führte sie als Erstes ein, dass man einmal im Monat gemeinsam abends essen ging.

Nach Feierabend machte sich Sigrid Eißfeller ausgehfein. Wechselte den Bürostuhl gegen einen Theatersitz, der mal gepolstert und mit rotem Samt überzogen war oder auch mal hart und knarzig. Das war ihr gleich. Denn eine Premiere war nie ein verlorener Abend. Ob Hinterhöfe oder Prunksäle, ob private oder staatliche, ob klassische Stücke, gewagte Neuinterpretationen oder auch völlig Abwegiges. Sigrid ging überall dorthin, wo die Berliner Theater ihre Spielstätten hatten. Und anschließend sprach sie mit den Schauspielern, Regisseuren und Bühnenarbeitern. Hörte zu. Diskutierte über die Inszenierungen. Wollte mit eigenen Augen sehen, wie diese oder jene Anschaffung wirkte, deren Genehmigung über ihren Beamtentisch im Theaterreferat der Berliner Senatsverwaltung Kunst und Wissenschaft gegangen war. Wollte erfahren und erleben, wie das Geld wirkte, das sie bewilligt hatte.

Obwohl sie hier jetzt sicherlich widersprechen würde. Es muss schon korrekt formuliert sein: Sie selber bewilligte ja nichts. Das machte der Staatssekretär. Sie verwaltete nur. Wies an. Prüfte nach. Und bevor man auf falsche Gedanken kommt: Die Karten für die Premieren kaufte sie selber und zeigte stets „die gebotene staatliche Distanz, jedoch mit der persönlichen Leidenschaft für die gezeigten Inszenierungen“. So schrieb sie es vorsorglich vor ihrem Tod schon einmal auf, damit auch im Nachgang alles seine Richtigkeit hat.

Sigrids Leben begann in Berlin Charlottenburg. Dort besaß ihr Vater ein Feinkostgeschäft. Ihre Mutter war die Matriarchin, sie bestimmte, wo es langging. Nach außen hin stimmte alles, solide bürgerliche Fassade. Doch innen fehlte das Wichtigste: Liebe und Aufmerksamkeit. Sigrid kämpfte und strampelte, brachte sehr gute Noten nach Hause, half, wo sie nur konnte. Doch das zählte nicht. Im Gegenteil, alles was sie wollte, musste sie sich gegen ihre Mutter erkämpfen. Dass sie Abitur machen durfte, dass sie einen Austausch in den USA machen konnte. Wie erholsam und wie schön war es dagegen, ins Theater und in die Oper zu gehen. Die Karten bekam sie günstiger über einen Verein.

Andere Töchter wären in einer solchen Familie vielleicht verzweifelt. Sigrid nicht. Sie suchte sich ihre Anerkennung anderswo. Sie war Schülervertreterin. Sie spielte selbst Theater. Machte Sport: Schwimmen, Laufen, Tennis. Und wie sie Tennis spielte. Technisch war sie nicht die Beste, aber Ausdauer hatte sie, und sie wollte gewinnen, unbedingt. Später rannte sie den Berliner Marathon. Je älter sie wurde, desto klarer war ihr, dass sie ihr Glück da draußen, fernab der Eltern, suchen musste. Deswegen heiratete Sigrid mit 21, obwohl es nicht die große Liebe war. Die Ehe hielt auch nur ein paar Jahre. Aber es war ihr Weg hinaus.

Gleichzeitig begann sie ihre Laufbahn für den Staat, zunächst als Beamtin im mittleren Dienst, später im gehobenen, nachdem sie ein Aufbaustudium neben der Arbeit durchgepaukt hatte. Und dann, Anfang der 1980er Jahre, war sie für eine Neuerung verantwortlich, die die Kulturlandschaft in Berlin bis heute prägt. Es sollten nicht mehr nur die großen etablierten Theater gefördert werden, sondern auch die freien Theatergruppen. Mit einer Million Mark zunächst, Tendenz steigend.

Nach welchen Kriterien das Geld verteilt, wie die Auswahl der Förderungswürdigen zustande kommen sollte, war völlig unklar. Zuständig fürs neue Regelwerk war Sigrid. Dazu gehörten: Art der Antragstellung, Förderkriterien, Wahl eines Beirates, bis hin zu der abschließenden Erfolgskontrolle der Inszenierung. Manch einen hätten die bürokratischen Spitzfindigkeiten womöglich abgeschreckt. Sie nicht, im Gegenteil. Je vertrackter und unübersichtlicher es wurde, desto mehr liebte sie ihren Job, umso mehr war ihr Ehrgeiz geweckt. Zusammen mit den freien Theatern entwickelte sie die Richtlinien für die Geldvergabe, die bis heute gelten. Ebenso kam sie auf die Idee, dass es dieser Beirat sein sollte, besetzt mit Experten, der empfahl, wer eine Förderung bekam und wer nicht.

Sie kannte sich ja nicht nur bestens im Verwaltungsgestrüpp aus, Sigrid kam auch mit den höchst unterschiedlichen, zuweilen höchst komplizierten Charakteren in der freien Theater- und Tanzszene zurecht. Sie hatte eine verbindliche Art, die nachwirkte, so wie sie Gespräche führte, eins zu eins und nie laut oder hinterhältig. Schwierig war es nur manchmal, mit ein paar männlichen Kollegen, die sie als die attraktive Dame abtun wollten oder sie als Konkurrentin fürchteten.

Endlich entdeckte sie Norbert. Beim Tennis, wo sonst. Sie war es, die ihn ansprach. Sie gingen aus, sie nahm ihn mit ins Theater und begeisterte ihn für Wanderungen. Was ihr an Norbert gefiel: Er behandelte sie mit Respekt und auf Augenhöhe, weder nutzte er sie aus, noch versuchte er, sie kleinzuhalten. Norbert war an ihrer Seite, und zusammen durchwanderten sie Europas Gebirge. Anfang der 2000er zog sie nach Oldenburg, wo sie sechs Jahre als Verwaltungsleiterin im Staatstheater arbeitete, danach ging sie nach Braunschweig, um dort die drei Landesmuseen zu leiten. In diesen Jahren war es vor allem er, der am Wochenende zu ihr fuhr. Oder sie trafen sich in Sigrids Ferienwohnung im Harz.

2016 wurde sie krank. Zwei Jahre darauf feierte sie ihren 70. Geburtstag, 60 Menschen kamen, da wusste sie schon, dass es wahrscheinlich der letzte sein würde. Sie begegnete ihrem Ende auf ihre Art. Regelte alles Bürokratische, lies sich auf Hospizlisten eintragen, ging mit ihrem Mann die Friedhöfe ab und suchte nach einem Platz, der ihr gefallen könnte. Im August ist sie gestorben.

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