Roman Ilisch (1937-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Roman Ilisch (Geb. 1937) Im Hier und Ich

Er hat Orgeln gebaut, wenn's sein musste auch in ein Reihenhaus bis unters Dach. Nur so ganz zuverlässig war er nicht immer.

Er konnte keine Noten lesen. Aber wenn er ein Lied hörte, fand er die Töne auf jedem Instrument. Ob nun Bachs Weihnachtsoratorium oder Seemannslieder, er spielte alles auf dem Akkordeon, gern auch spätabends, gern auch laut. Die Nachbarn oben waren Freunde, die Nachbarn unten taub. Da gab es keinen Ärger.

Seine Singstimme war der Bass. 30 Jahre hat er im Kirchenchor gesungen. Stets erschien er pünktlich zu den Proben. Ansonsten war er nicht ganz so zuverlässig, was Termine anging. Darunter litten zuweilen die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, die häufiger mal auf sich selbst aufpassen mussten. Als Geschichtenerzähler hingegen war er großartig, da hat er die beiden überallhin mitgenommen. Bei der Entdeckung Amerikas waren sie dabei und an Bord der Kon-Tiki, jenem Floß, mit dem Thor Heyerdahl den Pazifik überquerte. Roman kreuzte mit Jacques Cousteau über die sieben Weltmeere und tauchte mit Hans Haas nach Haien. Was er las, erlebte er. Er war mit Indianern befreundet und mit Cowboys, und einen Sattel hatte er auch schon zu Hause für den großen Ritt. „Kinder, schafft euch Erinnerungen!“

Wenn er nicht auf Reisen war, arbeitete Roman als Orgelbauer. Die Orgel der Evangelischen Gemeinde am Plötzensee hat er gebaut wie einen Turm, freistehend, einzigartig. Die Orgel der Apostel-Johannes-Kirchengemeinde im Märkischen Viertel stammt von seiner Hand und viele kleine transportable Orgeln, Positive genannt. Für den Organisten der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, Peter Schwarz, hat er eine Heimorgel gebaut, acht Register bis ins Dach des Frohnauer Reihenhauses hinein, da fliegen die Dachziegel bei vollem Spiel.

„Ich war ja nur ’ne halbe Stunde da"

Orgelmusik ist Gotteslob. Voluminös, emphatisch, raumfüllend. Eine Orgel ist ein ganzes Orchester, entsprechend schwierig ist es, sie zu bauen. Roman hat klein angefangen als Modellbauer und Feuerwerksbastler. Das Schwarzpulver fand sich zuhauf in den Munitionsresten der Bombenkrater. Das Haus der Eltern in Friedenau war stehen geblieben, aber Ruinen gab es genug in der Nachbarschaft. Ein Wunder eigentlich, dass er und die anderen Jungs die Spiele in den Kriegsbrachen überlebten. Angst kannte er nicht, Langeweile erst recht nicht. Er war ein Tüftler und Schrauber, mit einem sehr feinen Ohr, deswegen rieten die Eltern zum Orgelhandwerk.

Die Arbeit selbst fiel ihm leicht, das Bauen der Orgeln, die Wartung. Die Berechnung seiner Arbeitszeit hingegen war nicht so seins: „Ich war ja nur ’ne halbe Stunde da und sowieso auf dem Weg.“ Oder auch nicht, denn seine Zuverlässigkeit bei Terminen hing zuweilen stark vom Wetter ab. „Das hohe C klemmt, morgen ist Gottesdienst. Richten sie Ihrem Vater aus, es ist dringend.“ Er kam auch, es sei denn, der Wind frischte auf. Schönes Segelwetter! Da bog er schon mal kurz zum Wannsee ab.

In seiner Werkstatt standen nicht nur Orgelpfeifen ohne Zahl, sondern auch etliche Surfbretter. Er liebte alle Sportarten, bei denen man ohne große Anstrengung schnell vorwärtskam. Skifahren, Segeln, Surfen, Motorrad. Erst fuhr er eine NSU-Quickly, dann eine NSU-Maxi, einen schicken Heinkel-Tourist-Roller an Sonnentagen und schließlich das Geschoss für die großen Reichweiten, eine BMW R100rs. Selbst in die Rehaklinik ist er noch selbst gefahren.

Nur Afrika hat er ausgespart auf seinen Reisen, ansonsten war er überall, anfangs mit den Kindern, später mit seinem Kumpel und stets ohne schweres Gepäck. Sporttasche genügte. Socken, Rasierzeug, Unterwäsche, Zahnbürste und natürlich Taucherbrille und Flossen. Das Geld hat nie gereicht, war aber immer da. Zehn Jahre war er selbstständig als Orgelbauer, dann wurde er Werkstattmeister an der Hochschule der Künste, das machte das Globetrotting einfacher. Die Verlässlichkeit in Liebesdingen litt hingegen. Die Ehe wurde geschieden, aber einsam war er nie, denn ein Chorsänger findet immer ein Duett, zudem war er lustig, gesellig und gut anzusehen.

Er war ja bei den Pfadfindern gewesen

Ein willkommener Besucher, überall auf der Welt, wenn er sich nur rechtzeitig angekündigt hätte. Flugnummer? Überbewertet. „Ich komm’ morgen, holt mich ab!“ Wenn es mal nicht geklappt hat, auch nicht schlimm, nette Menschen fanden sich immer. Vor allem natürlich auf dem Campingplatz, wenn er überraschend seine zeltenden Kinder und Enkel besuchte. Er kannte zwei Zaubertricks, damit kaperte er jedes Enkelherz, insbesondere wenn er Quarkbällchen hervorzauberte. Und er kannte jeden Vogel mit Vor- und Nachnamen, alle Pflanzen und Pilze, denn er war ja bei den Pfadfindern gewesen.

Er wusste, was zu tun ist, damit Freude aufkommt, und die Welt konnte er auch erklären, gern beim Bierchen. „Er hat schon sehr im Hier und Ich gelebt“, so sagt es seine Tochter.

Das ging auch lange gut, trotz seiner Lungenfibrose. Wenn ihm die Luft knapp wurde, ist er einfach gegangen. Besuch wollte er dann keinen mehr. „Haste nüscht Besseres zu tun?“, moserte er an der Tür und grinste einladend. Die Kinder mussten sich schon ein wenig aufdrängen, Zwangsbestreichelung, einfach mal die Hand nehmen, und zack war sie wieder weg.

An Besitz hing er nicht, alle Instrumente verschenkte er, zu Hause an der Wand hingen die Fotos der Kinder und Enkel, einfach mit Kleber angepappt.

„Gut, dass ich so reisesatt bin“, seufzte er, als es ins Hospiz ging. Viele wollten Tschüss sagen. Freunde, Segelkumpane. „Mensch Kapitän, ich wollt’ mich verabschieden!“ – „Wieso? Willst du verreisen?“ Und natürlich seine alten Pfadfinderkollegen. Denen hat er sich auch ein wenig anvertraut. „Weißt du, ich hab’ probiert, heute Nacht zu sterben. Das ist gar nicht so leicht.“

Dann fand sich doch noch die Gelegenheit. Als die Krankenschwester das Fenster aufmachte, „so schön sonnig heute“, und kurz rausging, da ist er einfach auf und davon.

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