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Rolf Dürr Foto: privat
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Nachruf auf Rolf Dürr Umwege sind meine Leidenschaft

Zuweilen ging es durch mit ihm, aber er wurde immer wieder eingefangen. In der Bürgerlichkeit konnte er gegen sie rebellieren.

Kann eine glühende Nationalsozialistin eine gute Mutter sein? Hätte Hitlers Krieg nur wenige Monate länger gedauert, wären ihre beiden Söhne vermutlich als Kanonenfutter geopfert worden. Was Hannah Dürr mit Trauer und Stolz erfüllt hätte. Wie auch ihren Mann, Ministerialrat Dagobert Dürr, ein fanatischer Antisemit, der sich früh der „Bewegung“ angeschlossen hatte und Goebbels im Propagandaministerium als Verfasser von Hetzschriften diente. Nach Kriegsende starb er im sowjetischen Straflager Sachsenhausen. Eine Art Sühne, wie seine Frau im Nachhinein befand, obwohl sie ihn sehr vermisste. Sie erinnerte sich gern an die schöneren Tage. Auch sie hatte Goebbels persönlich gekannt, war sogar ein wenig in ihn verliebt gewesen, wie auch er in sie, „ein patentes Mädel“ hatte er im Tagebuch notiert. Aber zu mehr als einem Kuss war es vorgeblich nie gekommen. Denn sie heiratete Dagobert und gebar in rascher Folge sechs Kinder, aus Liebe und aus Pflicht gegenüber dem Vaterland.

Ihr Liebling war Rolf, denn er schmuste so gern, was dem Vater missfiel, der ihn lieber „hart wie Kruppstahl“ gesehen hätte. Vielleicht hob er ihn deshalb im Zoo über das Geländer, als wolle er ihn den Krokodilen zum Fraß anbieten, nur so zum Spaß. In seinem Buch „Die Nazis und ich“ erinnert Rolf Dürr diese Zeit der Kindheit mit dem leichten Gefühl der Verwunderung, dass er all das so unbeschadet überstanden hatte. Nach dem frühen Tod des Vaters war sein Leben ein glückliches. Die Mutter tat alles für ihre Kinder. Sie richtete zum Zweck der Einübung in die Demokratie sogar ein Familienparlament ein. Zwar gab es unterschiedliche Stimmrechte, aber sie war überstimmbar. Jedes der Kinder erhielt Klavierunterricht, der Geldnot wegen nur zwei Jahre jeweils, willentlich bei einer jüdischen Opernsängerin, denn auch das verstand die Mutter als Akt der Wiedergutmachung.

Rolf hat gern Klavier gespielt, ging früh in die Oper und ins Theater. Er malte, er dichtete, gab sich seinen Träumen hin, was er umso sorgloser tun konnte, als da immer eine Schwester war und sein Bruder, die ihn an die Hand nahmen.

Eine unbestimmte Sehnsucht

Als Schüler war er ohne großen Ehrgeiz in den ungeliebten Fächern, auch Tanzen lag nicht in seiner Begabung, aber er war hübsch anzusehen und verliebte sich gern, ohne mit seinen amourösen Erfolgen zu prahlen. Sein Abitur überstand er einzig zum Zweck, Germanistik und Romanistik studieren zu können, denn da war so eine unbestimmte Sehnsucht, die weit über Berlin hinausreichte. Er ging für ein Semester nach Toulouse, kehrte zurück und verliebte sich in Ellen. Was ein Glück für beide war, denn sie redete ihm den Berufswunsch „Bohèmien“ aus, und er ignorierte auf ihren Wunsch hin ihre leichte Lähmung, Folge einer frühen Polio-Erkrankung. Sie konnte den rechten Arm nicht heben, litt in den Hungerjahren unter einer schwächlichen Konstitution. „Sie werden keine 40“, hatten die Ärzte ihr prophezeit, „und sie sollten keine Kinder bekommen, und auf keinen Fall reisen.“ Ellen sah das anders. Sie bekam zwei Töchter, wurde knapp 80 Jahre alt und willigte sofort ein, als Rolf eine Stelle in Rom angeboten wurde. Unter einer Bedingung: „Ich heirate dich nur, wenn du nicht Schriftsteller wirst!“

Im Herbst 1964 zogen sie in die Via Savoia, unweit der Gärten der Villa Borghese. Jahrelang dachten die beiden Mädchen Margrit und Elke, ihrer beider Namen würden auf Italienisch Bella lauten, so herzlich war der Empfang.

Rolfs Vorgesetzter war Marschall von Bieberstein, genannt der rote Baron, weil er viel linker war, als seine Ahnen es ihm je gestattet hätten. Auch Rolf und Ellen wurden zu Marxisten, er eher im italienisch-anarchistischen Sinn, sie mit einem Hang zum Dogma. Dennoch blieb sie Hausfrau und kochte, bis zu ihrer familiär legendären Kochkrise, danach stand Rolf in der Küche.

Die Arbeit im Institut fiel ihm leicht, er unterrichtete gern, sofern die Schüler sich begeistern ließen. Und da er in allem moderner dachte als seine Vorgänger, galt er vielen mehr als Freund denn als Lehrer. In Deutschland war er drei Mal durch die Fahrprüfung gefallen, in Italien bestand er sie auf Anhieb, vielleicht weil er landesüblich ein Stoppschild ignorierte. Zwei Monate Ferien jedes Jahr, ein kleiner Wohnwagen, Sonne überall im Land.

Wenn er sich verfahren hatte, wiegelte er ab, ich wollte so fahren, Umwege sind meine Leidenschaft. „Non mi avrete mai come mi volete voi“, stand auf seinem Lieblings-T-Shirt, „Ihr werdet mich nie so haben, wie ihr mich haben wollt.“

Als die Anstellungszeit in Italien endete, wurden ihm Institutsleitungen in Madrid, New York und Rio de Janeiro angeboten, er schlug sie alle aus, denn auch Ellen wollte zu Ende studieren und endlich als Lehrerin arbeiten. So zogen sie nach Schmargendorf.

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Er versuchte sich zunächst als Gymnasiallehrer, aber mit unaufmerksamen Kindern kam er nur schlecht zurecht, also wechselte er ins Studienkolleg für ausländische Studierende, wo er wie in Rom mehr Freund als Lehrer sein konnte. Der Traum von der Bohème war ja noch nicht ausgeträumt. Zuweilen ging es durch mit ihm, und er wollte wilder sein, als Ellen es für ratsam hielt, aber er wurde immer wieder eingefangen in die Bürgerlichkeit, in der er sich insgeheim am wohlsten fühlte, nicht zuletzt, weil er stets gegen sie rebellieren konnte.

Vom Aussehen her erinnerte er ein wenig an Marx, Karl Marx der Frisur nach, Groucho Marx vom Lächeln her. Er fuhr einen Lada, aber mit Silberstreif, eine Art motorisiertes Geschenkpaket, mit dem er überall aufkreuzte, wo es grüne Politik zu machen galt, oder Lesungen zu organisieren, oder Ausstellungen mit Bildern zu bestücken. Und er sah mit Stolz, wie sich sein künstlerisches Talent in den Töchtern verwirklichte.

Ihn selbst ließ das Gefühl nicht los, in der Kunst mehr gewollt als geleistet zu haben, aber darüber klagte er nicht, er ließ es spüren zuweilen, aber anvertraut hat er sich nie. Die Versponnenheit, die ihn in seiner Jugend geschützt hatte, die schützte ihn auch im Alter.

Ellen starb sechs Jahre vor ihm, sie wollte es so, sie hatte ihre Zeit gelebt. Er hingegen verstand nicht ganz, warum sie ihn im Stich ließ. Die Trauer verstärkte die beginnende Demenz, die Demenz bewahrte ihn vor einem Zuviel an Trauer, denn dessen blieb er sich stets bewusst, dass ihr Glück ein vollkommenes nur in der Zweisamkeit gewesen war.

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