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Nachruf auf Robert Otto Joos Er ließ sich nicht so gern was sagen

Jedenfalls nicht von Männern. Was er aber einmal ins Herz geschlossen hatte, das ließ er nicht mehr los. Menschen, Hunde, Dinge von Wert.

Die Reise ging von Enger bei Herford, wo er geboren wurde, nach Ontario in Kanada, wohin die Eltern auswanderten, zurück nach Belm bei Osnabrück, weil er mit 15 Heimweh nach Deutschland bekam. Finaler Landeplatz war das Tempelhofer Feld, wo er Tag für Tag mit seinen Hunden unterwegs war und all die Spinner, Spaziergänger und herzigen Menschen traf, die da auf der Hundeschneise Richtung Piste unterwegs sind. Er sprach jeden an, er hatte ja auch was zu erzählen, von früher, denn er war immer schon gern unterwegs gewesen, mit dem LKW, und er hatte immer gute Kontakte gehabt, auch in gewisse Milieus, aber da fragte man lieber nicht so neugierig nach.

Ein gutaussehender Kerl war er gewesen, früher, Rock ’n’ Roller, kräftig wirkte er immer noch, wenn man auf die Waden blickte, „schöne Waden hast du“, lobte seine Tochter. Deshalb trug er gern knappe Jeans, mit der Schere selbst gekürzt, dazu Lederweste und Halbglatze, was einen befremdlichen Eindruck machte auf manche, aber er war eine Seele von Mensch, wenn man ihm in die Augen sah.

Frauen hatte er einige, in seinen jungen Jahren. Da hat er gern von erzählt. Häufig Frauen vom Typ „Bleib! Bleib nicht wie du bist!“ Er wollte ja immer helfen, was nicht immer gut ging. Aber mit Monika, seiner zweiten Ehefrau, lief es besser als mit der ersten. In den letzten Jahren wohnten sie getrennt, aber den 25. Hochzeitstag hätten sie demnächst gemeinsam gefeiert. Stolz war er auf seine Tochter Jacqueline, die liebte er über alles. Er mochte gern starke Frauen, Soldatinnen, die im Gleichritt marschierten, rührten ihn zu Tränen, „mein russisches Herz“, seufzte er dann. Er hätte es sehr gern gesehen, wenn Jacqueline zum Bund gegangen wäre. „Du kannst machen, was du willst“, mahnte er. „Aber du sollst nichts machen, was ich nicht auch tun würde!“ – „Also darf ich alles machen, Papa!“ Da hat er gelacht. „Wenn du dich nicht erwischen lässt.“

Seine Vorstellung vom Glück

Aber die wilden Zeiten waren lange vorbei, und eigentlich wäre er ganz gern aufs Land gezogen. Schon wegen der Hunde. Vielleicht wäre ihm auch wieder eine Gans zugeflogen, so wie damals Gustelchen, die war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt, und wenn er vorausging und Blumen einpflanzte, zupfte sie sie wieder raus. Das war so seine Vorstellung vom Glück, mit anderen auf einem Bauernhof leben, Erspartes hatte er ja nicht, aber er spielte Lotto. Andererseits war noch genug zu tun im Kiez, und mit Ruhe konnte er wenig anfangen. Bei der Arbeiterwohlfahrt wären sie ohne ihn als Ehrenamtlichen auch nicht zurechtgekommen.

Seine sonstigen Vergnügungen waren übersichtlich. Er spielte gern nächtelang Solitär am Computer und sah sich Musikvideos an, alte Schlager, und auch Tina Turner, da sang er mit, mit Inbrunst mehr als mit Talent, und die Hunde störten die schiefen Töne nicht.

Die Hunde waren sein Leben, immer schon. Lucy, für die dann Theodor kam, Roxy, die er vor der Tierarztpraxis gefunden hatte, für die kam später Shiri und dann Teddy. Er hat immer ruhig mit den Hunden geredet, ist nie laut geworden. Bei Menschen schon. Er musste Dampf ablassen von Zeit zu Zeit, „das ist mein Cholerin, mein überschüssiges“, sagte er dann immer und machte sich nichts draus, dass er auch ganz schön furchteinflößend wirken konnte, im ersten Moment. Aber im zweiten Moment tat es ihm schon wieder furchtbar leid. Da ging er dann auch zu der alten Dame hin, die er erschreckt hatte, weil sie falsch parkte, seiner Meinung nach, und entschuldigte sich so lautstark und eindringlich, dass sie die Scheibe der Fahrertür lieber schnell wieder hochkurbelte.

Er war bestimmt nicht einfach als Mensch gewesen, früher. Sich was sagen lassen, war nun mal nicht seins. Die Dinge mussten gemacht werden, das sah er ein, aber sie mussten gemacht werden, so wie er das wollte. Manches machte er sich dabei zu einfach, da musste man ihm Bescheid sagen, aber besser nicht als Mann. Von Frauen ließ er sich was sagen, von Männern ungern, sein Papa selig ausgenommen. Von dem hing ein Bild in der Wohnung über dem großen Kreuz, über dem Kopf von Jesus noch. Und Jacqueline natürlich. Für die ließ er immer alles stehen. Organisierte einen Kastanienweitwurf oder half ihr, Marienkäfer aus dem Wannsee zu fischen, trocken zu pusten und wieder in den Himmel zu werfen.

Was er einmal ins Herz geschlossen hatte, das ließ er nicht mehr los. Menschen, Hunde, Dinge von Wert. Er war Lagerist aus Passion; dass andere ihn für einen Messie hielten, hätte er so nicht unbedingt gelten lassen. Gut, ein Klavier stand rum, war schwer genug gewesen, es reinzukriegen in die Wohnung, also wieso wieder rausschaffen? Die Vitrine im Wohnzimmer war voll mit Erinnerungsstücken an Papa und seine Schwestern, unentbehrlich. Und auch sonst, alles Dinge, die noch gut funktionierten, etliche Toaster, Autobatterien, Kühlschränke, ein Herd, zwei Waschmaschinen, da war einiges im Angebot für umsonst, „kann ja sein, dass einer noch was braucht davon“, und dann natürlich für sich selbst ganz viel Holz zum Heizen, fünf Keller reichten knapp, was die Hausverwaltung engstirniger sah. Dabei hatte alles seine Ordnung, und er mochte das gar nicht, wenn andere in seinen Sachen rumstöberten: „Man guckt mit den Augen, nicht mit den Händen!“

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Verdient hat er nichts an all dem Kram, im Gegenteil, er hatte Schulden, die Hunde waren teuer und brauchten ihre Ärzte. Er nicht so, er war ja dauernd an der frischen Luft, und die Zigarillos hatten Vanillegeschmack, und mehr als zwei Packungen hat er in der Regel nicht am Tag geraucht. Gut, auf Lunge, aber das pustete sich ja wieder raus.

Als das Herz müde wurde nach dem ersten Infarkt, fragte er auf der Hundeschneise um Rat. Ab und an eine Banane, hieß es, und Bullrich-Salz, das heilt alles, gern auch mit ’ner Prise saurem Natron. Half alles nichts gegen den zweiten Herzinfarkt, auch nicht die Medikamente, die er schließlich doch nahm.

„Ihr könnt mich in einen blauen Sack packen und vor’m Rathaus abstellen“, hatte er immer gescherzt, aber so weit kam es dann doch nicht. Er kriegte sein eigenes Grab, mit seinem Namen drauf. „Um den zu buchstabieren hat Papa immer gesagt: Vorne J wie jut, hinten S wie schlecht, in der Mitte OO: Joos. Ich fand es immer lustig. Er genauso.“

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