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Nachruf auf Riccarda Pfeiffer "Ich koche uns was, und du erzählst.“

In Norwegen schaffte sie, was in Deutschland kaum möglich gewesen wäre. Aber sie sehnte sich so nach Berlin. Und zählte die Jahre bis zur Rente

Hat sie sich tatsächlich entschieden? Einen Plan gefasst? Eine Liste mit zwei Spalten erstellt: Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Dachte sie: Dies war mein bisheriges Leben, nun aber beginnt ein anderes?

Oder ist sie eher hineingeglitten in diesen neuen Abschnitt ihres Daseins? Weil ein Mann aufgetaucht war, in den sie sich verliebt hatte und dann mit ihm gegangen ist? Viel mehr brauchte es wohl nicht. Denn wer verliebt sich schon und unterstellt im selben Augenblick, dass diese Liebe scheitern wird?

Zu Anfang sprach sie ja kein Wort Norwegisch. Der Mann, den sie kennengelernt hatte, war Norweger. In Hannover, wo sie herkam, ließ sie alles hinter sich und zog zu ihm nach Oslo. Die Liebe scheiterte, so viel ist klar, auch, dass sie in Deutschland eine Krankenschwesternausbildung absolviert und als Krankenschwester gearbeitet hatte. Der Rest aber bleibt ungewiss. Ihre Kindheit, die Jugend, die Eltern. Das Verhältnis zu ihrer Mutter sei wohl angespannt gewesen, deutete sie an, mehr nicht. „Sie war keine Frau der Vergangenheit“, sagt eine Freundin.

Mit Ende 20 war Riccarda nach Norwegen gegangen, 40 Jahre blieb sie dort. Während dieser Zeit sehnte sie sich immer mehr nach Berlin, obwohl sie Berlin wenig kannte. Sie hatte sich so eine Vorstellung der Stadt in den Kopf gesetzt. Andererseits gelang ihr in Norwegen ein beruflicher Aufstieg, der in Deutschland kaum möglich gewesen wäre. Denn dort geht man entschieden fürsorglicher mit den Krankenhausbeschäftigten um. Pfleger sind Akademiker. Sie übernehmen Aufgaben, die hier Ärzten vorbehalten sind, sie setzen komplexe organisatorische Abläufe um. In Deutschland kommen 12,9 Pfleger auf 1000 Patienten, in Norwegen 17,5. Und Verdienst und Renten sind viel höher. Riccarda bildete schließlich an der Osloer Universität Krankenschwestern aus. Dass sie innerhalb kürzester Zeit hervorragend Norwegisch sprach, versteht sich von selbst. Beruflich hatte sie also alles richtig gemacht.

„Was ist denn los?“

Freunde zu finden hingegen dauerte. Die Norweger waren freundlich, keine Frage, aber für Riccardas Geschmack ein wenig zu reserviert. Sie brauchte Geduld, um Vertraute zu finden. Doch im Gegenzug war es auch nicht immer das Einfachste, ihre mitunter ziemlich direkte Art auszuhalten. Nicht alle konnten das. Während eines Ausflugs auf den Weihnachtsmarkt zum Beispiel: Sie schlenderte mit einem Paar und deren kleinem Kind zwischen den Ständen herum, entschloss sich nach einer Weile, sich noch ein bisschen in einem Festzelt zu amüsieren, aber das Kind war müde. Der Vater sagte, er warte mit ihm draußen. Riccarda blaffte: „Was ist denn los?“ Ein gereizter Wortwechsel entstand, Riccarda gab nicht nach, die Stimmung war verdorben, das Verhältnis zu dem Vater ruiniert. Oder im Restaurant, wenn ihr irgendetwas nicht passte, das Essen zu lau, der Kellner zu langsam, dann musste sie das unbedingt kundtun. Ihre Meinung zurückzuhalten, erschien ihr unsinnig, wer das nicht verstand, hatte eben Pech.

Dementgegen war sie die zugewandteste Freundin, die man sich vorstellen konnte. Stundenlang hörte sie zu, wenn es um Liebeskummer, Arbeitsärgernisse, Kindersorgen anderer ging. Sagte, wenn jemand betrübt bei ihr anrief: „Komm her, ich koche uns was, und du erzählst.“

Umwerfende Gerichte entstanden in ihrer Küche, von einfachen Steaks bis hin zu eher Ausgefallenem wie Zunge vom Dorsch. Sie experimentierte mit Kräutern und Gewürzen, die sie von ihren Reisen mitgebracht hatte, aus Thailand, Indien, Afrika. Um ihren Tisch saß oft eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe von Leuten, die sich in geistreiche Diskussionen verstrickte.

Fuhr Riccarda nach Belgien, was sie manchmal zu ihrem Vergnügen tat, kam sie wieder mit prächtigen Pralinen und erstklassigem Wein (der in Norwegen ein kleines Vermögen kostete) und lud Freundinnen zur Verkostung. Man saß dann bei ihr und genoss die erlesenen Mitbringsel und lachte viel.

Und dennoch fehlte ihr etwas. Sie sehnte sich nach Berlin, nach den Kinos, Theatern, Opernhäusern. Sie lief fest durchs Leben, groß, mit ihren glatten, schwarzen Haaren, und erschien empfindlich, fragil, mit den merkwürdig geformten Schuhen, orthopädischen Sonderanfertigungen, die sie gegen ihre Hüftschmerzen tragen musste.

Sie zählte die Jahre bis zur Rente. Kaufte sich eine Wohnung in Berlin. Zählte die Tage. Und zog 2015 endlich um.

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In Berlin wollte sie noch ein wenig weiter arbeiten. War aber nicht auf die umständliche Bürokratie gefasst. In Norwegen geht man in ein Krankenhaus, sagt: „Hier sind meine Unterlagen, ich möchte gern bei Ihnen arbeiten.“ In Deutschland muss man zig Termine vereinbaren, zig Papiere zusammenstellen. Sie gab zermürbt auf. Fing sich aber rasch wieder. Dachte: Ich lebe endlich in meiner Traumstadt. Es gibt genug zu sehen, zu hören. Also los.

Doch es kam der Krebs, das ganze Therapieprogramm. Es schlug auch an. Sie tastete sich wieder vor, ging ins Kino, in Tschaikowskis „Schwanensee“, traf sich mit Freunden, zog um die Häuser. Nach Norwegen fuhr sie kein einziges Mal mehr, trotz einer Reihe Einladungen. Und dann kehrte die Krankheit zurück. Warum, quälte sie sich, warum nur bin ich nicht früher umgezogen? So viele Jahre, die mir jetzt fehlen.

Den Freunden brach es das Herz.

Jemand schrieb nach ihrem Tod: „Riccarda war eine sehr besondere Frau. Eine, die sich nichts sagen ließ. Von niemandem. Nur von einem, dem Krebs.“

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