Sie war stolz, schon immer. Renate Friedrichs (1940-2018). Foto: privat
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Nachruf auf Renate Friedrichs (Geb. 1940) Sie wollte nichts geschenkt haben

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All die Entbehrungen ertrug sie. Wie die anderen Flüchtlinge sich klein und unsichtbar machten, das ertrug sie nicht.

Sie hatten ja nichts, kaum zu essen, kaum Geld, und alle schauten sie immer so böse an. Flüchtlinge aus Ostpreußen, das waren sie. Dort, in der Heimat, war der Opa ein stolzer Bahnhofsvorsteher eines kleinen Ortes gewesen. Ihr geliebter Opa, Mütze, Uniform, Pfeife und Ziegenbart. Opa war es, der sie aufnahm und versorgte, nachdem der Vater im Krieg getötet worden war. Ein Kopfschuss in Litauen. Opa war es auch, der den letzten Zug zusammenstellte, mit dem sie und die Nachbarn vor der Front und den Panzern fliehen konnten. Erst landeten sie in Mecklenburg, nach vielen Irrwegen, Nächten in Kellern und Löchern schließlich in Glückstadt.

Renate, ihre Mutter und ihr Opa, zu dritt wohnten sie in einem kleinen Zimmer über einer Gaststätte mit zweifelhaftem Ruf. Die Soldaten haben sie „Zum schmierigen Löffel“ genannt. Für ihren Opa sammelte sie Hornklee, den er als Tabakersatz in seiner Pfeife rauchte. Er hatte ihr gezeigt, wo das Zeug und all die anderen essbaren Kräuter wuchsen, wo man Gemüse und Obst fand, wie man am besten hamstern ging. Wurde es kalt draußen, und fing es an zu schneien, trug der Opa sie in die Schule. Winterschuhe hatte sie ja keine.

All die Entbehrungen ertrug Renate. Was sie nicht ertrug, war der jammerige Tonfall, der ihr bei so manchen anderen Ost-Flüchtlingen aufgefallen war. Wie die sich klein und unsichtbar machten, wie sie buckelten und flehend dreinschauten. Nein, das wollte Renate nicht, so war sie nicht. Renate war stolz, schon immer. Betrat sie ein Geschäft, tat sie das mit geradem Rücken, erhobenem Kopf und festem Augenkontakt. Nie hätte sie sich unterwürfig gezeigt oder darum gebeten, dass man ihr was schenkte. Nicht jetzt und nicht später, da sie als einzige Frau in einem reinen Männerteam arbeitete. Als der Chef sie permanent duzte, duzte sie ihn einfach zurück.

Organisieren, das Chaos bändigen, das lag ihr

Renate war ein ernster Mensch, kein Wunder bei all dem, was sie erlebt hatte. Die eine Nacht zum Beispiel, als ihre Mutter von russischen Soldaten auf einem Feld vergewaltigt wurde, sie sich danach die Pulsadern aufschnitt und Renates gleich mit. Es waren dann wieder russische Soldaten, die die beiden retteten. Später war Renate so unterernährt, dass man sie in die Schweiz zur Kur schickte, ein halbes Jahr lang. Dort sprachen sie nur Französisch, und als Renate wiederkam, konnte sie das auch.

Eine Klasse fehlte ihr zum Abitur, doch sie hörte mit der Schule auf. Es war genug. Sie musste von zu Hause weg, raus aus der Enge, raus aus dem kleinen Zimmer, in dem sie nie vernünftig hatte lernen können. Sie ging nach Hamburg, auf eine Handelsschule, und wurde Sekretärin. Ihren ersten Job hatte sie im Hafen, bei Maklern für Öle und Fette. Von der Decke hingen Telefonhörer, in die die beiden Chefs brüllten, um Ware abzustoßen oder zu kaufen. Der Kurs ging ständig auf und ab, auch während die Schiffe noch auf See unterwegs waren. Dann hat sie noch für eine Reederei gearbeitet und für eine Werbeagentur. Organisieren, Dinge in die Wege leiten, das Chaos bändigen, das lag ihr.

In einem Jazz-Schuppen lernte sie Werner kennen, Maler und gerade fertig mit seinem Kunststudium. 1960 war das. Sie und ihre Freundin tranken Wein, rauchten Zigaretten, sahen den anderen beim Engtanz zu. Auf den Tischen standen leere Whiskyflaschen als Kerzenständer. Und plötzlich saßen da zwei Jungs. Lässig, coole Sprüche, Werner sah richtig gut aus, Hemd, Weste, gepflegte Haare. Doch er redete auch viel Albernes. Das überzeugte sie noch nicht. Sie trafen sich wieder, gingen spazieren, machten zusammen Urlaub. Was ihm an ihr gefiel? Ihre Ernsthaftigkeit. Dass sie wusste, was sie wollte. Dass sie so selbstbewusst war.

Das Politische füllte sie aus

Ihr Leben zu zweit begann. Sie heirateten, zogen in eine Wohnung, feierten, hatten viele Freunde, waren oft in den Hamburger Kneipen. Eine Tochter kam auf die Welt, Renate war die Strengere, Werner der Gutmütige. Als die Studenten revoltierten, gingen auch sie auf die Straße und diskutierten die Nächte durch. Es fühlte sich an wie eine Befreiung. Das Politische füllte sie aus, zog mit ein, das Interesse an der Welt weitete die Perspektive.

Dieses Haus mitten in Hamburg zu kaufen, war mutig. Das Geld, das Risiko, der Stress. Sie gestalteten es von oben bis unten, machten es zu ihrem Lebensort. Renate fing beim NDR an, erst in der Unterhaltung, und dann wechselte sie in die Politik, zu „Panorama“. Hier war sie die Chef-Organisatorin, saß selbstverständlich in den Konferenzen und Redaktionssitzungen. Als einzige Nicht-Journalistin und als eine von zwei Frauen in der Männerrunde. Die zweite Frau war Luc Jochimsen, von der Renate unter die Fittiche genommen wurde und viel lernte. Der NDR hatte ein Pressearchiv, mit unzähligen staubigen Akten, langen Gängen und 30 Mitarbeitern. Renate organisierte den Umzug vom Haptischen ins Digitale. Ein Mammutprojekt.

Ein Neuanfang am Bayerischen Platz

1998 hatte sie genug gearbeitet, die Tochter hatte fertig studiert, und irgendwie lockte Berlin. Ein Neuanfang am Bayerischen Platz. Eine Kreuzfahrtrentnerin war Renate nicht. Im Gegenteil, sie wollte weiter etwas schaffen. Der Bayerische Platz war ein Hundeklo. Da kann man doch was machen, ihn verschönern, eine Nachbarschaftsinitiative gründen oder auch eine Dauerausstellung im Bahnhof organisieren.

Für jeden fand sie den richtigen Ton. Und äußerte jemand den Hauch einer Idee, machte Renate gleich zwei Ideen daraus und drei Arbeitsaufträge. Sie gründete einen Salon: Polit-Diskussionen und Lesungen im Wohnzimmer. Mit ihr und durch sie entstand das „Café Haberland“ mit seinen Führungen und Veranstaltungen, den Erinnerungen an die jüdischen Spuren im Viertel.

Und plötzlich, mittendrin im Schaffen, bekam Renate Krebs. Nichts mehr zu machen. Sie jammerte nicht, trug es mit Fassung und mit Disziplin. Sechs Wochen. Ihr Mann und ihre Tochter an ihrer Seite, auch am letzten Tag, dem 22. Mai.

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