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Renate Etzler Foto: privat
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Nachruf auf Renate Etzler „Ich freue mich auf morgen!“

Sie machte Kunst, sie war befreundet mit großen Künstlern. Und bedauerte, dass vermeintlich alle anderen Erfolg hatten, nur sie nicht.

Die stolze Renate würde nicht mehr für sich selber sorgen können. 93 Jahre war sie, hatte bereits einen Schienbeinbruch hinter sich. Von dem hatte sie sich wieder erholen können, stieg auf den Rollator um, kaufte weiter für sich ein, spielte immer mittwochs Rummikub mit ihrem Enkel und ging donnerstags in den Mütterdienst der Kirche. Alles ein bisschen langsamer und bedächtiger – aber selbstständig. Der Schlaganfall änderte alles. In ein Heim aber sollte sie nicht kommen. Das hatte die Tochter sich und ihr versprochen. Gestorben wird zu Hause!

Ein Pflegedienst sollte helfen. Doch das war ein Desaster. Mal kamen die Pfleger nicht oder sie machten nicht das, was gemacht werden musste. „Dann machen wir es halt selber“, sagte die Tochter. Zum Glück wohnten sie Haus an Haus. Die Tochter in der 25, Renate in der 25a. Damit die Tochter nicht doppelt kochen musste, aßen sie abends einfach alle bei Renate. Die Enkelkinder, deren Vater und Mutter und sie an einem Tisch. Familie. Manchmal waren auch die Freunde der Enkel dabei. Sie kamen gerne zu dieser uralten Frau, die überhaupt nicht klein und verhutzelt war. In Gegenteil. Renate war eine Erscheinung. Groß gewachsen und immer schick gekleidet, auch als sie dann im Rollstuhl saß und sich die Demenz einstellte. Eine schöne Kette am Hals oder Ringe an den Fingern gingen immer. Abends brachte die Enkelin ihre Oma ins Bett. Renate schaute sie dann erwartungsvoll an und sagte: „Ich freue mich auf morgen, dann essen wir wieder ein Ei zusammen, ja?“

Renate ist in Stettin groß geworden. Ihr Vater hat als Baustadtrat gearbeitet und er hat gemalt, Stadtkulissen der alten Hansestädte hängen in Renates Wohnung. Renate machte Abitur, lernte technisches Zeichnen. Auf einem der Mädchenfotos trägt sie eine BDM-Uniform. Überhaupt gibt es viele Fotos von ihr, als Baby, als Kind. Renate war ein Einzelkind. Ihren Vater liebte sie, von der Mutter fühlte sie sich nicht verstanden. Von ihr lernte sie, dass man im Leben nichts geschenkt bekommt, dass man kämpfen muss, um etwas zu erreichen. Von der Nazizeit berichtete sie kaum etwas, nur dass sie vor der Roten Armee fliehen mussten, dass sie Schiffe und Züge nicht mehr erreichten, dass alles entsetzlich war. Die Familie strandete in Lenzkirch in Baden-Württemberg.

Die Welt stand offen

Renate lernte töpfern, machte eine Ausbildung, wurde Meisterin, ging dann an die Kunsthochschulen in Bremen und in Krefeld. Immer wieder erzählte sie von ihren berühmten Lehrmeistern. In Frankreich war sie viele Monate zusammen mit anderen Künstlern, gemeinsam arbeiten, wilde Fahrten mit dem Moped, den Wind im Gesicht und das Gefühl, dass die Welt offenstand. Hier lernte sie auch den Pantomime-Künstler Marcel Marceau und den Chanson-Sänger Georges Moustaki kennen. Später besuchten sie Renate, wenn sie in Deutschland gastierten. Das ehrte sie. Und gleichzeitig machte es sie auch traurig, dass in ihrer Wahrnehmung alle so einen Erfolg hatten, nur sie nicht.

Klar konnte sie Tassen und Schüsseln töpfern, bei Kannen ist die Tülle am kompliziertesten, perfekt muss sie sein, damit es beim Gießen nicht tropft. Doch vielmehr war Renate eine Künstlerin. Ihr Lieblingsmotiv waren Muschelformen, die sie zum Beispiel an einen Obelisken anbrachte. Oder sie stellte Schmuck her: eine Kombination aus Ringen und Scheiben, mit einer Goldglasur versehen, bei 800 Grad gebrannt und mit Leder zu einem fertigen Stück verarbeitet. Ihre häufig eigenwilligen Arbeiten zeigte sie in vielen Ausstellungen, auch im Ausland. Der Verkauf gestaltete sich schwieriger.

„Du hast mir erlaubt, dir gut sein zu dürfen. Dir dein Lachen wiederzugeben, dir die Augen blank zu wischen.“ Das schreibt ihr Hans. Er ist fünf Jahre jünger als sie, aber schwer von ihr, ihrem Stil, ihrem Stolz und ihrer Größe beeindruckt. Und nicht nur er, eine Reihe von Männern würden gerne mit ihr sein, aber Renate wählt Hans. Mit dem Moped düsen sie zum Standesamt, kommen fast zu spät. Kurz darauf kommt die erste Tochter auf die Welt.

Die Familie zieht über Umwege nach München, Renate wird Hausfrau. Das war damals so. Drei Kinder, voll arbeitender Mann. Wäsche, Essen, Erziehung – ihr Job. Sie macht ein Regiment daraus, streng und unerbittlich kann sie sein. Wenn die Mädchen nicht hören, holt sie das Lineal. Manchmal wird eins der Mädchen in den Kohlenkeller gesperrt, Licht aus, Tür zu. So hat sie es von ihren Eltern gelernt. Einerseits. Andererseits feiert sie gern, lädt Freunde ein, tanzt zu den Rolling Stones. Sie ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

1972 hat Renate genug vom Hausfrauendasein. Die Drehscheibe muss zurück in ihr Leben. Im Keller richtet sie sich eine Werkstatt ein. Hans fotografiert ihre Werke, schreibt die Texte dazu, schickt sie an Galerien und Schmuckgeschäfte.

Dass er sich 1987 von ihr trennt, abgeworben von der jungen Sekretärin, das tut ihr sehr weh. Ein Leben ohne ihn kann sie sich nicht vorstellen. Einen anderen Mann an ihrer Seite auch nicht. Zum Glück hat sie noch ihre vielen Freundinnen.

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Mit drei von ihnen fährt sie nach Griechenland und verliebt sich in dieses Sonnenland, die Tankstelle der Seele. Als sie von einem einfachen Häuschen hört, irgendwo in einem kleinen Dorf nahe der Küste, kauft sie es mit dem Geld, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Sie transportiert den Brennofen und die Drehscheibe hierher und verbringt die Hälfte des Jahres hier, lernt neue Freunde kennen, lädt ihre alten ein, ihre Töchter besuchen sie.

Es ist keine einfache Entscheidung, ihre Freundinnen in München zurückzulassen. Doch in Berlin wachsen ihre Enkel auf, da will sie dabei sein. 2000 zieht sie hin. Sie holt sie von der Schule ab, sie macht mit ihnen Hausaufgaben, liest ihnen vor. Und die beiden Enkel gehen gerne zu ihr, auch als sie später gepflegt werden muss.

Im Frühjahr sagt sie laut und deutlich, dass sie das alles nicht mehr möchte, dass sie sich nicht mehr auf den nächsten Tag freut, nicht mehr auf das Frühstücksei, dass sie auch nicht mehr dem Eichhörnchen bei seinen Klettertouren auf dem Baum im Hof zusehen will. Renate hat genug gelebt. Ihre große Tochter, ihre Enkel, sie stehen an ihrem Bett und halten ihre Hand, als Renate die Augen schließt.

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