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Nachruf auf Reinhard Wollmach Alles eine Frage der praktischen Physik

Er war Lehrer, unaufgeregt, aber anspruchsvoll - sonst macht Lernen ja gar keinen Sinn. Der Nachruf auf einen Pragmatiker

Er hat sein Leben niedergeschrieben, 500 Seiten, für die sich nie ein Verlag finden wird, denn er hätte es in einem Satz sagen können: Ich hatte – summa summarum – eine wunderbare Zeit. Aber Glück ist nur schwer in Worte zu fassen, Unglück hingegen lässt aufhorchen. Doch für Gefühlsduseleien hatte Reinhard Wollmach keinen Sinn, und so liest sich die Geschichte seiner frühen Schicksalsschläge sehr nüchtern, wie es sich für einen Mathematik- und Physiklehrer gehört.

Das einzige Haus, das im Krieg in Schwenow abbrannte, war das Haus seiner Eltern. Ein kleines Dorf, mit wenig Gehöften, das mitten im Kampfgebiet um Berlin lag. Der Vater war Soldat, aber nicht an vorderster Front. Er überlebte den Krieg, aber nicht die Tuberkulose. Von den Kindern hielt er sich fern, der Ansteckungsgefahr wegen, aber nicht von der Frau. Als Reinhard fünf war, starb der Vater, fünf Jahre später die Mutter. Die beiden Brüder, Reinhard und Horst, kamen bei Tante Klara unter, die fortan die kleine Bauernwirtschaft organisierte. Das Essen zu Hause war oft knapp, aber da waren noch viel mehr Onkels und Tanten in und um Berlin, allein die Mutter hatte ja zehn Geschwister, und alle kümmerten sich. Die Familie hielt zusammen, dieses Füreinanderdasein gab Reinhard Sicherheit und das Gefühl, nie verloren zu sein, denn irgendwo stand immer eine warme Suppe bereit.

Karge Zeiten, wilde Zeiten

Es waren karge Zeiten, wilde Zeiten, oft ging es fröstelnd ins Bett, aber jeder Tag brachte neue Abenteuer. Ein ausgedienter T-34-Panzer diente als Klettergerüst, nicht jede Handgranate, die im Spiel zugeworfen wurde, war ein Blindgänger. Das Eis auf den Seen war oft trügerisch dünn, der Schnee auf den Bäumen hingegen wog schwer und machte den Schulweg im Winter gefährlich. Im Sommer war Kühehüten Pflicht und harte Feldarbeit während der Ernte, oft in glühender Sonne, danach der erfrischend unvernünftige Sprung ins kalte Wasser. Für heutige Eltern ein Wunder, dass Kinder damals überlebten und ganz und gar nicht weinerlich waren, obwohl sie ihre Spielzeuge selbst basteln mussten.

Als Reinhard 14 Jahre alt war, fiel Tante Klara tot um. Er bekam einen Vormund, Onkel Willi, und die Chance, als Erster aus dem Dorf Abitur zu machen. Reinhard zog ins Internat „Friedrich Engels“ nach Beeskow, was ihm gut gefiel, weil er sich in neue Lebensumstände immer schnell eingewöhnen konnte. Die leckere Hausmannskost der Köchinnen half dabei.

Er hat gern geturnt und gern getanzt, Twist war angesagt, als Durstlöscher gab es hin und wieder Mangosaft aus Kuba. „Diese Zeit und auch noch die Studienzeit haben mich sehr geprägt. Ich habe von zum Teil wildfremden Menschen so viel Verständnis, Hingabe und selbstlose Hilfe erfahren, dass ich heute genauso mit fremden Personen umgehe.“ „Multifamiliäre Nähe“ nannte er das, und die ließ er jeden spüren, der sich anständig ihm gegenüber benahm.

Die Schule fiel ihm leicht, die freiwillige Bewährung in der Produktion auch. Die einjährige Facharbeiterausbildung als Bau- und Kunstschlosser brachte ihm eine Menge neue Erfahrungen ein und eine „MZ 250“. Das Motorrad erweiterte seinen Lebensradius beträchtlich – und auch sein Sterberisiko, denn er strapazierte die Geduld seines Schutzengels mit etlichen riskanten Manövern. Die Welt wurde immer größer damals, Berlin immer schöner, das Kino brachte so viele Frauen zum Verlieben auf die Leinwand, Sophia Loren, Claudia Cardinale, Elke Sommer, Liz Taylor. Er hätte ja selbst Schauspieler werden können, das Angebot wurde ihm staatlicherseits gemacht, denn er war ein hübscher Bursche, aber er interessierte sich mehr für die Kameratechnik. Also studierte er Optik in Ilmenau, doch das war ihm wiederum zu abstrakt, also entschloss er sich zur Lehrerausbildung in Karl-Marx-Stadt.

„Erfolg will organisiert sein.“

Auf einem seiner Verwandtenbesuche traf er im Abendzug nach Berlin Birgit, er sah sie nicht an, schüchtern wie er war, blickte scheinbar gelangweilt aus dem Fenster. Eingebildeter Kerl, dachte sie, tatsächlich aber hat er diskret ihr Spiegelbild angehimmelt, alles eine Frage der praktischen Physik, auch was die exponentielle Stärkung der Anziehungskraft zwischen den beiden anbelangte. 1966 haben sie sich kennengelernt, 1967 verlobt, 1968 geheiratet, 1969 wurde Dorene geboren. In seinen Worten: „Erfolg will organisiert sein.“

Was sie an ihm mochte: die strammen Beine und dass sie ihn nicht so einfach um den Finger wickeln konnte. Was ihm an ihr imponierte: Sie hatte ihren eigenen Kopf. Das wurde im Alter zum Problem, aber in der Jugend war es ein großer Spaß, denn die beiden machten sich das Leben als Familie richtig schön. Bald schon kam das zweite Kind, Dirk, wieder mit blauen Augen, und dann, mit weitem Abstand, das dritte, Daniela. Da hatte Birgit Wert drauf gelegt, denn ein Kind mit braunen Augen sollte es schon noch sein.

Wie mit vielen Kindern umzugehen war, wusste Reinhard, denn er war ein guter Lehrer. Mathematik und Physik, und das auf hohem Niveau, sonst macht Lernen ja gar keinen Sinn. Seine unaufgeregte Art kam gut an, er war fordernd, konnte den Stoff einsichtig vermitteln, hielt die Schüler mit seinem trockenen Humor bei Laune, ohne sich anzubiedern. Nach der Wende wechselte er an die John-Lennon-Schule, wo er auch niedrigere Klassen unterrichten musste, was ihm immer schwerer fiel. Zum Ersten, weil er seine Ansprüche an die Schüler ständig senken musste, zum Zweiten, weil er sich selbst im Leben noch etwas gönnen wollte.

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Mit 60 ging er in den vorgezogenen Ruhestand, was ihm gar nicht so viele freie Stunden einbrachte, wie er sich ausgerechnet hatte. Denn entgegen seinen Erwartungen dehnte sich nicht die Zeit, sondern die Menge der Pflichten. Pensionäre haben immer zu tun, nichts erledigt sich von selbst. Da war die Oma, die es zu umsorgen galt, die Kinder und Enkelkinder und jede Menge Tanten und Onkels, die um die ein oder andere Gefälligkeit baten, zumal im Alter, als sie bettlägerig wurden. Von der Gartenarbeit zu Hause und auf der Datsche ganz zu schweigen und von den Feiern mit den Freunden.

Er machte keine großen Worte, flocht seinen Töchtern die Haare, spendierte dem Sohn ein Wiener Würstchen, kümmerte sich Jahr für Jahr um die Festtagsessen und ließ seine Frau ausreden, auch wenn er ihr nicht immer zuhörte. Abends sah er gern Krimis, trank ein Bierchen oder zwei und träumte von der großen weiten Welt. Aber beim Träumen beließ er es nicht. All die schönen Reisen, die er mit Birgit gemacht hat, sind dokumentiert in Wort und Bild. Denn er konnte über alles staunen, wo auch immer. Kanada, Amerika, Australien oder der Kalimandscharo in Zielitz, Sachsen Anhalt. „Im Prinzip ist es immer das Gleiche. Alles ist schön.“

Dass er an Lungenfibrose erkrankte, war nicht so schön, dennoch hatten die Ärzte für die letzte Reise Entwarnung gegeben und Jammern war ohnehin nicht seine Art. Ansprechen durfte man ihn nicht auf seine Gesundheit; dann hieß es barsch: „Lass mich in Ruhe!“ Was den Tod selbst anging, so hatte er seinen entsprechenden Wunsch klar formuliert. „Es soll schnell gehen, lieber gestern als heute.“

So kam es dann auch. Auf dem Kreuzfahrtschiff ist er gestorben, vor Indien im Arabischen Meer, auf dem Seetag nach Cochin. Herzstillstand. Auf der Couch saß er, vorneraus zum Panoramafenster, den Kopf zur Seite geneigt, die Augen zu. Eine weite Reise für einen kleinen Waisenjungen aus Schwenow.

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