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Nachruf auf Philipp Krisch Der Captain und die Paparazzi

Er gehört zu den Nerds, damals schon, aber er ist keiner von den ewig Ehrgeizigen. Denn es gibt noch weit Vergnüglicheres als die Arbeit.

„Woher kommst du?“ – „Aus Berlin.“ – „Ah!“

In diesem „Ah“ steckt zweierlei: die Vorstellung von einer Stadt, die wildes Leben und Weltläufigkeit verspricht. Und die ernüchternde Einsicht, dass man selbst in der Provinz hockt, in der das spannende Leben nie geschieht.

In Karlsruhe zum Beispiel. Karlsruhe hat immerhin das Schloss mit Schlossturm, dem Mittelpunkt der Stadt; das „Topsy“, einen Club, der ein bisschen wie ein U-Boot aussieht, und in dem man bis um fünf in der Frühe tanzen kann; außerdem den obersten Gerichtshof des Landes, an dem es in diesen RAF-Zeiten nervöser zugeht.

Dagegen Berlin: das „SO 36“, keine Sperrstunde, nirgends, niemals, David Bowie, die morbiden Brachen, der Verfall, die Mauer.

Da sitzt man also 1976 in Karlsruhe, und dann kommt dieser Junge, Philipp, 14, lange, lockige rote Haare und ein Blick, als wüsste er Sachen, die sonst keiner auf diesem netten Gymnasium weiß. Der mit einer Kapitänsmütze rumläuft, die Maximilian Schell in einem Katastrophenfilm getragen und dann Philipps Tante überlassen hat, die sich in Künstlerkreisen amüsiert. Dieser Junge, der auf jedes Blatt Papier, das ihm in die Finger kommt, Szenen malt, die er komisch findet, und dabei die Leute immer als Frösche darstellt. Der Keith Richards verehrt, welcher schon Punk war, bevor das Wort überhaupt erfunden wurde. Der Schüler, der weiß, das nächste Zeugnis wird nicht berauschend sein, jenes aus dem Vorjahr kopiert, sich nach der Vergabe vor die Klasse stellt, die Kopie, die alle für das aktuelle Zeugnis halten, hervorzieht und verbrennt.

Der außerdem noch ungeheuer charmant ist. Was Marianne, die nur ein paar Bänke von ihm entfernt sitzt, nicht entgeht, obwohl er, äußerlich, nicht so ganz ihr Typ ist. Sie werden ein Paar. Er fährt ein blaues, sie ein rotes Mofa. Sie machen bei der Schülerzeitung und der Schülerverwaltung mit. Sie ziehen nach der Schule gemeinsam nach Berlin. Denn in Karlsruhe ist er ja nur, weil seine Eltern, beide Ärzte, wegen der Arbeit dort hingezogen sind.

Er gehört zu den Nerds, damals schon

Philipp möchte Grafikdesigner werden. Er stellt eine Mappe zusammen, schickt sie an die Hochschule der Künste und wird abgelehnt. Dann eben Kommunikationswissenschaften an der TU, ein Studiengang, der heute eher Informatik hieße. Für Computer interessiert er sich ohnehin. Programmiert eins der ersten Tenniscomputerspiele, zu einer Zeit, da man nicht einfach in ein Geschäft gehen und so etwas kaufen kann. Er gehört zu den Nerds, damals schon. Schreibt seine Magisterarbeit dennoch über einen Dichter. Über Jandls „Ottos Mops“, ein Poem, in dem als Vokal ausschließlich das O vorkommt. Ein Herr, Otto, verstößt seinen aufsässigen Hund, einen Mops, vermisst ihn jedoch schnell und holt ihn wieder zurück: ottos mops trotzt/ otto: fort mops fort/ ottos mops hopst fort/ otto: soso.

Mit Marianne hört der Spaß irgendwann auf, sie trennen sich. Er spricht, da kann er stur sein, ein Jahr kein Wort mit ihr. Marianne nimmt das nicht hin, da kann auch sie stur sein. Sie treffen sich wieder. Gehen essen, fahren in den Urlaub, feiern gemeinsam Weihnachten, sind aber kein Liebespaar mehr. Bis sie es dann eben doch erneut werden. Einer ist des anderen Lebensmensch, so sieht’s nun mal aus.

Philipp arbeitet als Testmanager in Unternehmen, bei Banken. Seine Aufgabe: überlegen, auf welche Bedienungsideen die Nutzer einer Software kommen können, mit denen die Software überfordert ist.

Er mag seine Arbeit, aber er ist keiner von den ewig Ehrgeizigen, die von früh bis spät an nichts anderes denken und von nichts anderem sprechen. Da gibt es doch Vergnüglicheres. „Wir höflichen Paparazzi“ zum Beispiel, ein frühes, sehr spezielles Internetforum. Hier schreiben Autoren wie Kathrin Passig, Sascha Lobo und Wolfgang Herrndorf über Berühmtheiten, die ihnen begegnet sind. Philipp nennen sie ihren „Captain“. Der „Captain“ gibt manchmal Abende für die Paparazzi in seiner weitläufigen Wohnung in Charlottenburg. Er kann nicht kochen, dafür Marianne. Er ist der großzügigste Gastgeber, isst gern, trinkt und lacht gern. Er beherrscht den subtilen Humor und auch den weniger subtilen. Dieses heikle Geräusch etwa, das er an einer langen Tafel mit zig Leuten, feinen Gerichten und herrlichem Wein erzeugt, vermittels einer gut verborgenen, ferngesteuerten Furzmaschine. „Du Kind!“, sagen die Gäste. Die anwesenden Kinder können nicht genug davon bekommen. Der siebenfache Patenonkel ist ihr Verbündeter. Er bäckt auch geduldig Pizza mit ihnen und guckt mit ihnen Filme, wenn sie längst im Bett sein sollten. Nur Mäkeleien am Essen lässt er nicht zu: „Probier wenigstens die Auster! Kannst sie mir dann auch in die Hand spucken.“

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Er gehört zu jenen, die ein Buch, das sie lieben, immer und immer wieder lesen. „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf zum Beispiel. Die „Titanic“ ist Pflichtlektüre. Und Philipp ist Mitglied bei den Donaldisten.

Zu seinem 50. Geburtstag bekommt er von einem Freund eine Karte. Auf ihr steht: „Too old to die young.“

Mit 52 entschließt er sich, Marianne zu heiraten. Nach dem Standesamt gibt’s Currywurst und Champagner am Ku’damm und am Abend ein Fest bei ihm. Erst da erfahren die Gäste von der Trauung. Philipp liebt Überraschungen, unvorhergesehene Wendungen.

Solange es nicht solche sind: Es fängt an mit einer Müdigkeit, die nicht mehr weicht, einer großen Unlust, dazu eine chronische Heiserkeit, im November dann die Diagnose. Der Krebs sei fast immer heilbar, sagen die Ärzte. Chemotherapie, Bestrahlung. Es geht ihm ganz gut. Dann ein Infekt. Er fühlt sich schwach und stirbt innerhalb von zwölf Stunden.

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