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Peter Klaus Bachmann Foto: privat
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Nachruf auf Peter Klaus Bachmann „Man muss den anderen lassen, wie er ist.“

Als er noch Nachwuchswissenschaftler war, erschien ein Text über ihn in der "Zeit". Die Überschrift: „Können, Glück und Liebe“.

Es gibt einen Nachrichtenbeitrag über Peter und Ute. Also nicht exakt über sie, sondern über die Gartenausstellung in Marzahn und die vielen Helfer, die die Besucher dirigieren sollen. Peter und Ute werden gefragt, warum sie mitmachen. Ute sagt: „Wir sind seit 48 Jahren ein Paar, und wir machen alles zusammen!“ Später sieht man die beiden über die Wiese laufen, Hand in Hand, beschwingt und leicht, wie Jugendliche, die sich gerade erst kennen gelernt haben. Ein Busfahrer fragt sie, ob sie das waren, in dem RBB-Beitrag. Auf der Straße spricht eine Frau sie an, wie man nach so langer Zeit noch so glücklich wirken kann. Ute sagt: „Man muss den anderen lassen, wie er ist.“

Landau, Tanzschule, Abschlussball. Peter drehte mit einem Mädchen seine Runden. Doch diese Ute da drüben konnte er nicht aus den Augen lassen. Punkt 22 Uhr sagt er zu seiner Tanzpartnerin: „Wir haben doch jetzt genug getanzt, da drüben ist eine, die ich richtig gut finde.“ Peter hatte dichte, schwarze Haare, einen breiten Mund mit schönen Lippen und einen frechen Blick. 18 Jahre war er alt. Ute 15.

Er lockte sie auf eine Party, holte sie mit seiner Vespa von der Schule ab, sie lud ihn nach Hause ein. Hier, bei ihren Eltern, fühlte er sich wohl. Offen waren diese und nett. Ganz anders als sein Vater, der das Geld der Mutter ausgab und Peter oft verprügelte. Dabei wollte der dem Vater unbedingt gefallen.

Die Mutter war mobile Schuhverkäuferin und erstand schicke Schuhe zweiter Wahl direkt von der Fabrik. Von einem Schuster ließ sie die kleinen Fehler beheben und verkaufte die Schuhe dann. Tagelang war sie unterwegs. Zum Glück gab es noch die Großmutter und drei nette Damen, die Peter mit Worten und Süßigkeiten aufpäppelten, wenn er grün und blau bei ihnen auf der Schwelle stand.

Hart war er nicht geworden, trotz der Schläge

Angeschlagen war er, niedergeschlagen aber nicht. Wenn er lachte – und das tat er oft – war er einen Raum weiter zu hören. Wenn er erzählte, hörten die Leute ihm zu, weil er von sich und seinen Gefühlen sprechen konnte. Weinen konnte er auch, hart war er nicht geworden, trotz der Schläge.

In der Waschküche experimentierte Peter mit seinem Chemiebaukasten „All-Chemist“. In der Schule war er eher mittelmäßig, doch ein Chemielehrer schaffte es, ihn mit Experimenten zu faszinieren. So ging er schließlich nach Darmstadt, um Chemie zu studieren.

Peter kam auf 50 Zigaretten am Tag. Manchmal, wenn das Geld alle war, klaubte er Kippenreste aus dem Ascher. Ute kam auch nach Darmstadt, studierte ebenfalls Chemie. Er schlug vor, zusammenzuziehen, da sagte sie: Erst wenn du mit dem Rauchen aufhörst. Peter drückte die Zigarette aus und lag dann mit Fieber und Husten im Bett, Entzugserscheinungen. Drogen rührte er nach dieser Erfahrung nie an.

Er war 30, als er seine Doktorarbeit abgab. 500 Seiten dick. Er hatte jetzt genug geforscht, hatte er beschlossen, weil er unbedingt zum selben Zeitpunkt wie Ute fertig werden wollte. Überhaupt richtete er sich oft nach ihr. Nicht weil sie besonders bestimmend war, sondern weil er jemanden brauchte, dem er treu sein konnte.

Dreimal tauchte die Anzeige in der „Zeit“ auf: Philips suchte einen Physiko-Chemiker in Aachen. Dort wollten sie auf dem Gebiet der optischen Nachrichtenübertragung durch Lichtleitfasern weiterkommen. Peter bewarb sich.

33 Jahre blieb er bei Philips. 50 Patente meldete er an. Dass heute riesige Datenpakete per Glasfaserkabel durch die Welt gejagt werden, ist auch sein Verdienst. In der „Zeit“ erscheint ein Artikel über diesen Nachwuchswissenschaftler. Die Überschrift: „Können, Glück und Liebe“. Denn natürlich sprach Peter mit dem Journalisten auch über seine Ute, ohne die das alles nicht so hätte laufen können.

Ute ging nach Maryland, zwei Jahre wollte sie dort forschen. Peter wollte mindestens auf demselben Kontinent sein, bat Philips um eine Auszeit. An der Penn State Universität, nur vier Autostunden von Ute entfernt, arbeitete er an Industriediamanten. Von frühmorgens bis spätabends stand er im Labor und liebte jede Minute davon. Wenn er nicht dort war, telefonierte er mit Ute, drei- bis viermal am Tag. So ging das auch in Deutschland, wenn sie in unterschiedlichen Städten ihrer Arbeit nachgingen.

Plötzlich hatte sie eine Nachricht auf ihrem Rechner, eine MCI-Mail. 1986 war das, noch kaum jemand wusste damals, was eine E-Mail ist. Der Mail war ein Formular angehängt. Dort stand: „Willst du mich heiraten?“ Es gab drei mögliche Antworten: „Ja, ich will“, „Ja, ganz sicher“, „Ja, wirklich“. Kurze Zeit später standen sie vor einer Baptisten-Predigerin. Ein alter Fernseher war der Altar. Zeugen gab es keine. Die Predigerin fragte in den leeren Raum, ob es einen Anwesenden gäbe, der einen Grund gegen diese Ehe vorbringen könnte. Dann waren Ute und Peter Eheleute, fast 20 Jahre nachdem sie sich kennen gelernt hatten.

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Als sie genug gearbeitet hatten, wollten sie dorthin, wo was los war, Theater, Oper, Restaurants. In Berlin kauften sie sich ein altes Haus, denkmalgeschützt und einzigartig, weil es aus Fehlbrand-Ziegeln bestand. Monatelang sanierten sie es, kein Detail war ihnen zu klein, dann zogen sie endlich ein, 2013 war das. Vor dem Fernseher saßen sie abends nicht, Berlin war zu aufregend. Alles machten sie zusammen, Fahrrad fuhren sie auf dem Tandem. Jedes Jahr absolvierten sie das Sportabzeichen, Rennen, Springen, Kugelstoßen. Trainierten für den Halbmarathon, 2019 war Peter das erste Mal dabei. Jeden Morgen machte er das Frühstück.

Doch dann, im selben Sommer, flog die Kugel, die er gestoßen hatte, plötzlich nur noch sieben Meter und nicht mehr acht. Muskel für Muskel wurde schwächer. Peter hatte ALS. So sehr er kämpfte, es konnte keine Verbesserung geben. Peter lebte so gerne, er wollte mit Ute hundert werden. Doch es ging rasend schnell. Er war verzweifelt. An jedem Morgen fragte er sich: Will ich noch diesen Tag? Und schließlich sagte er: Ich will ihn nicht mehr.

Zehn Tage nach seinem Tod bekam sie einen Brief von ihm, ein Geschenk und einen Strauß Sonnenblumen. Das hatte er noch organisieren können. Weil sie Geburtstage so liebte, und weil er sie liebte.

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