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Peter Kittel Foto: privat
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Nachruf auf Peter Kittel Karteikarten am See

Alles andere als selbstverständlich: Ein belesener Bibliothekar!

Eine Romanfigur aus „Der Mann ohne Eigenschaften“, General Stumm von Bordwehr, schreitet die Bücherregale der Wiener Kaiserlichen Hofbibliothek ab, neben ihm ein Bibliothekar. Sie laufen und laufen, so viele Bücher hier! Dreieinhalb Millionen, erfährt der General. Ein Schwindel erfasst ihn: Warum nur kann ein Mensch sich in diesem Tollhaus von Büchern zurecht finden? „Weil ich keines lese“, sagt der Bibliothekar, „mit Ausnahme der Kataloge.“

Es steht zu vermuten, dass der Bibliothekar, um die Sache zu illustrieren, ein wenig übertrieben hat. Das ein oder andere wird er schon gelesen haben. Doch ging es ihm um den Ordnungsgedanken: Der Katalog bringt eine Ordnung in den Wust des Wissens.

Das ein oder andere Buch hatte auch Peter Kittel gelesen, sogar ein paar mehr. Ein belesener Bibliothekar! Kannte alle Klassiker, Goethe, die Nibelungen, die Franzosen und Engländer im Original. Er war Leiter der Katalogabteilung der Staatsbibliothek Unter den Linden.

„Verschließen Sie alles Essbare gut!“

Ordnung in die Bestände der Staatsbibliothek zu bringen, stellte eine besondere Herausforderung dar. Zum einen lag der Bau 1945 zu Teilen in Schutt und Asche, der Kuppellesesaal war vollkommen zerstört, zweitens hatte man Unmengen von Schriften vor den Bombardierungen Berlins ausgelagert, und drittens stand es um die vor Ort gebliebenen Bestände nicht zum Besten. Das Wissen von Jahrhunderten in Unordnung. Zwischen den Regalen liefen Ratten umher. „Verschließen Sie alles Essbare gut!“, rieten ältere Mitarbeiter den jüngeren noch in den 50er Jahren

1953 hatte sich Peter Kittel entschlossen, nach Jura noch Bibliothekswissenschaften zu studieren. Das kam überraschend, denn die gesellschaftliche Ordnung sah nicht vor, dass sich jemand aus Oschatz, Sachsen, dessen Vater in einem Eisenwarengeschäft arbeitete, auf den Weg in die Akademikerschicht begab und an Universitäten im schweizerischen Lausanne und in Freiburg im Breisgau studierte.

Peter Kittel fiel auf, schon früh, mit seiner Wachheit, seiner Geistesgegenwart. Solche Kinder erhielten dann und wann die Möglichkeit, an das Gymnasium für Hochbegabte „Sankt Afra“ in Meißen delegiert zu werden. Zuvor bereits, 1934, hatte er begonnen, im Kreuzchor zu singen, auf dem Kreuzgymnasium zu lernen. Ein gewisses Kulturinteresse der Eltern bestand durchaus, wer konnte, schickte seine Söhne nach Dresden.

Peter sang gut, doch reichte sein Atem wegen einer Tuberkulose nicht. Erste Unterbrechung, ein Jahr in Davos. Davos? Erholten sich dort, der Ordnung nach, nicht nur kränkelnde Betuchte und Schriftstellergattinnen? Es gab auch das Deutsche Krieger-Kurhaus, für die einfacheren Leute. Ein älterer Patient, ein Theologe, unterrichtete Peter privat in Latein und Griechisch, so dass er, nach seiner Rückkehr, wieder in die alte Klasse konnte. Die Stimme aber war dahin.

1939 eine zweite Unterbrechung, die Tuberkulose war erneut aufgeflammt. Wieder Davos. Und dann, ein drittes Mal, 1941. Im Mai 1942 bestand er dort, in Davos, das Abitur. In seinen Erinnerungen heißt es: „Ich habe noch in der Nacht meine Sachen gepackt und bin am nächsten Morgen um die Alpen herum nach Lausanne gefahren.“

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Nach dem Krieg passte er abermals nicht in die Ordnung. Sein Studium in Frankreich gefiel den Genossen nicht. Sie entließen ihn aus dem Justizdienst. „Da bekam ich – wir schrieben inzwischen das Jahr 1953 – den Hinweis auf die Lehrgänge als Bibliotheksreferendar.“

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verheiratet, mit Johanna. 66 Jahre blieben sie beieinander. „Gekannt haben wir uns aber schon länger“, hätte Johanna jetzt protestiert. Und Peter hätte sie angeschaut und „Ja“ gesagt. Denn es war ja durchaus möglich, dass Johanna ihn damals gesehen hat, in Pirna, als sie noch Kinder waren. Als sie in der Weihnachtszeit mit der Kurrende singend von Haus zu Haus gezogen war, und sicher auch an der Tür von Peters Großeltern geläutet hatte. War Peter selbst herausgekommen? Vielleicht. Sie stellten es sich so vor.

Nichts Außergewöhnliches, die kleinen und die großen Gesten zwischen zweien, die sich gerade gefunden haben. Die kleinen und die großen Gesten zwischen zweien noch Jahrzehnte später, um so mehr. Ihr Blick, wenn sie sich zu ihm umdrehte, im Sommer mit den beiden Kindern am See, wenn sie ihn da hocken sah mit seinen Karteikarten aus der Bibliothek, weil es noch irgendwas zu ordnen, zu katalogisieren gab. Wenn er sie jeden Tag, kurz bevor er sich auf den Heimweg machte, anrief. „Bitte?“ – „Ich fahr’ jetzt los.“ – „Ja.“ – „Bis gleich.“ – „Ja.“ Das war ihr Ritual, der Beginn ihres gemeinsamen Abends. Humorvolles Glück. Leichtigkeit. Weitergegeben an die Kinder und die Enkelkinder. All die Briefe und Postkarten, die er ihnen schrieb, einfach von zu Hause aus oder von seinen, für DDR-Verhältnisse sagenhaften, Bibliotheksreisen nach Rom oder Kuba. Er schrieb Briefe, sein Leben lang. Die Reaktion auf ein Buch, ein Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Fritz Stern, das ihm sein Enkel geschenkt hatte. Keine hingehuschte Phrase des Dankes, sondern Sätze wie: „Ich muss das Buch mindestens ein zweites Mal lesen.“ Damit er sich im Anschluss konzentrierter über die Stelle mit Bismarcks Sozialgesetzen äußern konnte.

Wenn sein Enkel ihn für seine Masterarbeit um Hilfe bat, dann übersetzte er ihm 1000 englische Textseiten ins Deutsche.

Doch dann, 2014, ein Riss in der Ordnung: Johanna starb. Der Riss war nicht mehr zu schließen.

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