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Michael Höppner Foto: privat
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Nachruf auf Michael Höppner Auf dem Tandem zum Standesamt

Er war einer der ganz frühen Fahrradverrückten. Und blieb bis zum Ende bei dem Thema: das Vorwärtskommen in der Stadt

Fahrrad? Wer fuhr damals, Anfang der 70er Jahre, ernsthaft Fahrrad? Vielleicht mal in den Wald oder an den See. Aber zur Arbeit oder in die Uni, gar jeden Tag? Das machten höchstens diese paar Verrückten. Die dann womöglich auch noch Rücksicht und Gleichberechtigung forderten.

Michael war so ein Verrückter. Quasi mit dem Rad verwachsen. Ob er noch ein Jugendlicher war oder schon ein junger Mann, als er sich das erste Mal so richtig in ein Fahrrad verliebte, ist nicht überliefert. Es war ein altes Klapperding, das kaputt und einsam auf der Straße stand. Michael trug es in seine Wohnung, baute es komplett auseinander, reparierte, reinigte und setzte es wieder zusammen.

Einmal strampelte er von München nach Venedig, erst rauf auf den Brenner, dann wieder runter. Heute wäre das keine Meldung wert. Damals ließ ihn die „Zeit“ über seine Alpentour einen umfangreichen Gastbeitrag verfassen, den er mit allerlei technischen Finessen versah: „Mit meiner kleinsten Übersetzung von 40 Zähnen am vorderen Kettenblatt und 28 Zähnen am hinteren Fünffach-Zahnkranz lege ich pro Pedaltritt 2,90 Meter zurück. Auf Steigungen erreiche ich damit eine Geschwindigkeit zwischen sechs und zehn Stundenkilometer.“

Michaels Zuhause war bedroht. Er lebte in der Cheruskerstraße 10 in Schöneberg, auch heute noch ein ruhiger, verkehrsverschonter Kiez, in dem viele Familien wohnen. Ausgerechnet hier sollte eine Autobahn durchgebaut werden und genau dort enden, wo ein Kinderspielplatz stand. Die Nachbarschaft gründete die „Bürgerinitiative Westtangente“, Michael vorn dabei. Ein Ladengeschäft wurde angemietet, gleich bei Michael im Haus, das war die Zentrale. Ein Freund aus dieser Zeit erinnert sich: „Dunkel war es und ungemütlich, aber voller Leute. Sie wuselten herum, sie diskutierten, sie malten Plakate und planten Aktionen. Und mitten drin stand Michael. Er war ihr Wortführer, aber nicht penetrant, sondern locker und witzig.“

„Parke nicht auf unseren Wegen“

Sie sammelten Unterschriften, riefen Bürgerversammlungen ins Leben, organisierten alternative Stadtrundfahrten, Sommerfeste und Verkehrskongresse, auch die erste Fahrradsternfahrt Berlins fand damals statt. Sie erhoben Einspruch gegen die Bebauungspläne, veröffentlichten ein „Schwarzbuch zur Verkehrsplanung“, druckten „Parke nicht auf unseren Wegen“-Aufkleber und pappten sie Autos auf die Frontschreiben. Aus Finnland importierten sie diese orange-weißen Abstandskellen. Fahrrad, Verkehr, Protest, das war Michaels Leben. Kein Problem schien zu groß, kein Plan zu wagemutig. Sein Soziologie-Studium machte er nebenbei.

Mit anderen gründete er das erste deutsche „Fahrradbüro“ in einem ehemaligen Seifenladen in der Crellestraße. Der „Spiegel“ berichtete: „Das einzigartige Institut repariert für zahlende Kundschaft ausgeleierte Lager und gerissene Ketten, versteht sich jedoch vorrangig als Beratungs-, Planungs- und Forschungsstelle auch zur Verbreitung ‚von ein bißchen Fahrradkultur’, so Höppner.“ Mal stand Michael in der Werkstatt, dann grübelte er über Konstruktionsplänen für ein Transportrad. Oder er suchte auf der ganzen Welt nach hochwertigen Teilen, aus denen man gute Fahrräder zusammenbauen konnte. Schließlich wertete er alle Fahrradunfälle Berlins aus, um die gefährlichsten Kreuzungen auf einer Stadtkarte mit Totenkopfmarkierungen zu versehen. Nebenbei schrieb er seine Diplomarbeit über das Fahrrad im Stadtverkehr.

Plötzlich stand sie im Fahrradbüro, Ursula. Klein, kompetent, redefreudig, auch eine Soziologin. Michael fragte, ob sie für ihn arbeiten möchte. Er habe da einen irrwitzigen Auftrag an Land gezogen: Für eine Untersuchung aller Verkehrsunfälle mit Kindern mussten die Polizeiberichte studiert, die konkreten Straßensituationen ausgewertet, Geschwindigkeiten ermittelt werden. „Machen wir“, sagte Ursula. Sie schufteten Tag und Nacht, ihre Ideen ergänzten sich. Sie lachte über seine Witze, er über ihre. Angenehm war es mit diesem Michael, alles schien machbar. Wenn er nicht weiter wusste, organisierte er Hilfe, einen Programmierer für den Rechner, einen Statistiker für die Daten.

Waren sie zusammen essen? Fragte sie ihn? Er sie? Ursula weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall kam sie mit in seine Einzimmerwohnung und blieb über Nacht, den nächsten Tag, die nächsten Wochen. Eine Dusche gab es nicht, gebadet wurde in der „Reinigungsabteilung“ des Stadtbads Schöneberg. Zum Standesamt fuhren sie mit dem Tandem. Zur Party im Hinterhof sollte jeder was mitbringen.

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Es war eine Liebe, die mit den Jahren größer wurde. Manchmal fuhren sie für ein paar Tage in andere Städte, entspannten sich. „Unaufgeregt war es mit Michael, dafür voller Zuneigung und Geborgenheit“, sagt Ursula. Sie machten Musik, er sang, sie spielte Klavier. Vor allem aber arbeiteten sie zusammen, Tag aus, Tag ein, 40 Jahre lang. Erst als Verkehrsforscher. Ursula erzählt von Berichten, die auf den ersten Atari-Computern fertiggestellt wurden, und von den mobilen Geschwindigkeitsmessern, die sie auf die Gepäckträger von Fahrrädern schnallten. Sie gründeten ein Ingenieursbüro, stellten ein, planten die Verkehrserschließung neuer Stadtgebiete, bei der Mercedes Benz Arena oder dem neuen Schweizer Viertel waren sie dabei.

Als er der Rente näherkam, fragte ein Kollege, ob er ans Aufhören denke. Die Frage fand Michael ungehörig. Was sollte er denn zu Hause machen? Mit dem Kochen anfangen? Stricken?

An einem Morgen im August stieg er auf sein Rad, wollte eine kleine Tour machen, dann mit Ursula frühstücken. Da kam der Schlaganfall. Einen Monat kämpfte er. Mal sah es gut aus, da konnte er Ursula durch das Haar streichen. Dann wurde es wieder schlechter. Im September ist er eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.

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