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Matthias Hopke Foto: S. Görlich
© S. Görlich

Nachruf auf Matthias Hopke Ganz in Weiß zum Heavy-Konzert

Er war für die harte Musik zuständig, obwohl er die nicht so harte bevorzugte. Am wichtigsten war aber ohnehin die Ordnung

In der letzten Woche seines Lebens hat er die Matchboxsammlung aus seinen Kindertagen noch katalogisiert, Modell, Baujahr, Zustand des Autos, Zustand des Kartons. Selbstverständlich hatte er die Kartons aufgehoben; er wusste schon früh, dass es gilt, die Dinge im Zaum zu halten, damit sie einem nicht entgleiten.

Sein Bruder Carsten erinnert sich, wie sie mit Lego spielten, er, der Jüngste, Frank, der Mittlere, und Matthias, der Älteste. Der abseits saß, während die anderen beiden ihre Häuser bauten. Er sortierte die Steine erst mal nach Farbe und nach Noppenanzahl. Wenn die Mutter zum Essen rief, war er damit längst nicht durch. Aber die Häuser der anderen, wie sahen die denn aus? Gelbe neben roten neben blauen Steinen, da haute ja überhaupt nichts hin!

In Prenzlauer Berg sind sie aufgewachsen, Schwedter Straße, Matthias ist mit Carsten manchmal zur Mauer an der Eberswalder gerollert. Da haben sie den Leuten zugewinkt, die im Westen auf der Aussichtsplattform standen und nach Lebenszeichen im Osten Ausschau hielten.

Bei aller Systemidiotie war die bessere Hälfte des Lebens von Matthias Hopke ganz bestimmt die erste, inklusive Mauer. Denn die Mauer war eigentlich egal. Viel wichtiger noch als Lego und Matchbox von der Westverwandtschaft wurde nämlich die Musik, und die kam durch die Luft.

Matthias hörte Rias, SFB und AFN, die Westsender, welche ihren Unterauftrag, den Osten mit ordentlicher Musik zu versorgen, vorbildlich erfüllten. Die Beatles hörte er, die beeindruckten ihn am meisten, die Stones natürlich, Led Zeppelin, er setzte sich eine John-Lennon-Brille auf die Nase, trug Schlaghosen und Jeansjacke, befand sich in ganz anderen Sphären als den plansozialistischen, machte sein Abitur zusammen mit einer Elektrikerausbildung sowie eine Zusatzausbildung zum Tontechniker. Und war: beim Rundfunk. Da, wo sie die Musik abspielten!

Der Mann an der Bandmaschine

Gut, es war der Ost-Rundfunk. Da spielten sie viel zu selten die gute Musik aus dem Westen. Aber die Dinge entwickelten sich, es waren die frühen 80er, den alten Herren entglitten allmählich die Zügel, selbst im staatlichen Rundfunk liefen mehr und mehr Lieder nichtsozialistischer Abstammung. Dass der Tontechniker Matthias Hopke eine nicht ganz unwichtige Rolle in dieser konterrevolutionären Entwicklung spielte, kam nun so.

Um Musik im Radio zu spielen, wurde sie zunächst von Schallplatte auf Tonband überspielt. Eine Überspielung von Tonträgern aus dem Westen musste der Musikchef genehmigen; so hielt man die Bestände knapp. Nun geschah es, dass der ein oder andere Redakteur über die Oma oder andere Kanäle an Schallplatten von drüben kam, welche er ohne Einwilligung des Chefs sendefähig machen wollte – und konnte, mithilfe des Tontechnikers. Der bediente die Bandmaschinen gern auch ohne höhere Genehmigung.

Und schließlich drang er selbst noch weiter vor im Apparat. Der Beatlesfan, der, wie die Lego-Anekdote aus der Kindheit zeigt, die ausgeprägte Ader fürs Ordnend-Systematische besaß, hatte über Jahre alle möglichen Zitate seiner Helden gesammelt. Aus denen zimmerte er ein fiktives Gespräch zwischen John, Paul, George und Ringo, ließ es einsprechen, schnitt das Ganze mit seiner Tontechnikerexpertise zu einer Stundensendung und spielte sie einem Redakteur des Jugendsenders DT 64 vor. Der befand sofort: Dieser Techniker gehört in die Redaktion!

Matthias Hopke bekam Sprechunterricht und eine erste Sendung, in der es nicht so sehr aufs Sprechen ankam: „Duett – Musik für den Rekorder“, zwei Stunden, zwei Platten, ganz ausgespielt, damit der Fan sie zu Hause in Gänze mitschneiden konnte. Die nächste Sendung, die er moderieren durfte, machte ihn berühmt, jedenfalls unter jenen ostdeutschen Jugendlichen, die lange Haare und dunkle Klamotten trugen und ein eher fahrlässiges Verhältnis zu ihrem Hörvermögen hatten. „Tendenz Hard bis Heavy“ hieß sie und widmete sich der lauten, heftigen Rockmusik. Gemessen an den Leserbriefen war es eine der erfolgreichsten Sendungen von DT 64, obgleich der Moderator nicht unbedingt zu den charismatischsten gehörte. Ihm ging es um Zahlen und Fakten, wann wurde welcher Song eingespielt, wann ersetzte dieser Gitarrist jenen. Ein flockiger Plauderer war er nicht, aber ein zuverlässiger Kenner. Man kann auch nicht sagen, dass er ein Heavy-Fan war und die tendenziell missmutigen Texte besonders mochte. Katrina and the Waves, „Walking on Sunshine“, solche Sachen mochte er, die Beatles blieben sowieso seine Helden. Doch da er von gewissenhafter Natur war, begab er sich immer tiefer in die Thematik, die ihn zum wichtigen Radiomann gemacht hatte. Kaum noch jemand konnte sich vorstellen, dass ihm die seichteren Klänge lieber waren.

Er verschlief seine Entlassung

Dabei konnte man es ihm ansehen: Er trug die Haare kurz, und er besorgte sich einen weißen Anzug, mit dem er zu den Heavy-Konzerten ging. Da stand er weiter hinten und sah zu, wie die harten Jeansjungs vor der Bühne ihre langen Haare im Takt nach vorn und hinten warfen.

In seiner Sendung spielte er Demokassetten von Bands, die noch keine offizielle Auftrittsgenehmigung hatten, die Westplatten, die er sich privat beschaffte, ohnehin. Das zählte, dafür liebten ihn die Leute. Doch es nutzte ihm wenig, als es vorbei war mit dem ungeliebten Sozialismus. Das Ost-Jugendradio wurde abgewickelt, wobei er bei der ersten Großentlassung Glück hatte: Er verschlief, erschien nicht zur Redaktionssitzung und blieb vorerst. 1992 war es dann aber doch so weit, Matthias Hopke verlor seine feste Redakteursstelle. Für Honorare konnte er noch einige Jahre weiter Sendungen mit harter Musik bestreiten. Er fuhr zum MDR nach Sachsen, später, schweren Herzens auch zu einem Privatsender. So gewissenhaft er die Daten zur Musik sammelte und weitergab, so überfordert war er mit den administrativen Erfordernissen eines Freiberuflers. Wie rechnet man die Arbeitswege ab? Warum muss man sich mit einer Krankenkasse auseinandersetzen, wenn man kaum krank ist und, wenn doch, auf keinen Fall zum Arzt geht?

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Als es keine Jobs beim Radio mehr für ihn gab, kam er auf die Idee mit den alten Schellackplatten. Die kaufte er auf Flohmärkten, setzte sich einen weißen Hut auf, zog weiße Handschuhe an und nannte sich „DJ Grammophon“. Auf seinen Swing- und Rock ’n’ Roll-Abenden tanzten die Leute, und manchmal, selten, tanzte auch er.

Die feste Partnerin fürs Tanzen und fürs Leben fehlte ihm. In den frühen 80ern gab es Manuela. Dass die ihn verlassen hatte, hat er nie ganz verwunden. Eine zweite Freundin wollte ein Kind von ihm. Er wollte keins, also trat er sie an einen anderen ab, der ihm dafür ein Mischpult überließ – so hat er das dann immer erzählt, und Prost und keine weiteren Fragen.

Umso akribischer katalogisierte er seine Schellackscheiben, notierte Fehlangaben in Katalogen und arbeitete an einem Kompendium über die Heavyszene in der DDR. Um ihn türmten sich die Schallplatten und Tonbänder, sein Laptop war voll mit Textfragmenten, die Briefe von Krankenkasse, Arbeits- und Finanzamt blieben ungeöffnet.

Am 2. April, Karfreitag, fand sein Bruder Carsten, mit dem er früher an die Mauer gerollert war, ihn tot in seiner Wohnung. Eine der jüngsten Dateien im Laptop: der Matchboxkatalog.

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