Maria Wunsch (1926-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Maria Wunsch (Geb. 1926) Wenn sie nicht drangenommen wurde, rief sie: „Ich, ich!“

Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als in die Schule zu kommen. Nichts anderes wollte sie werden als Lehrerin.

„Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort / Erlkönigs Töchter am düstern Ort?“ Die Töchter sind noch keine sechs, da stehen sie vor ihrer Mutter und tragen mit ernsten Gesichtern den „Erlkönig“ vor. Ihre Mutter, Maria, muss ein wenig lachen. Doch ist es verwunderlich, dass die drei, Barbara, Monika und Renate, noch bevor sie zum ersten Mal auf einer Schulbank sitzen, so hingerissen sind von den schaurig-schönen Zeilen? Sie tun es ihrer Mutter ja nur gleich.

Die die Balladen liebte, Goethe, Schiller, Fontane. Die Deutsch unterrichtete und nie etwas anderes als Lehrerin hatte werden wollen. Die sich als Mädchen nichts sehnlicher gewünscht hatte, als endlich zur Schule gehen zu dürfen. Die ständig den Arm hob, und wenn sie mal nicht drangenommen wurde, nach vorn lief und „Ich, ich!“ rief. Bildung war schon ihrem Vater wichtig, für alle, nicht nur die Männer. Alle seine Kinder gingen aufs Gymnasium, alle spielten Klavier.

Was nun aber nicht hieß, dass Maria im oberschlesischen Ziegenhals, heute Gmuchomazy, zwischen den Büchern und Notenblättern verstaubte. Sie streifte mit den Jungs durch die Wälder, kletterte auf Bäume, zerriss sich den Rock, fiel auf eine Scherbe und zerschnitt sich die Sehne der Hand. Was nun auch nicht hieß, dass ihr das Mädchensein unangenehm war. Jahrzehnte später wies sie ihre Tochter Monika darauf hin, sie möge doch bitte nicht so nackt am Hals herumlaufen: An einen Hals gehöre nun mal eine Kette.

Doch noch sind wir in dem großen Ziegenhalser Haus, schon mit Wasseranschluss und Wasserklosett, mit Großvater, Tante, Knecht und einem Esstisch, um den sie alle saßen. Mit einer Leiter, die ihr Vater ans Dach lehnte, damit sie hinaufsteigen und die nahen Berge im Gewitterleuchten betrachten konnte. Mit der Trauer um ihre Schwester Rosel, die, acht Jahre alt, unreifen Mohn gegessen hatte und daran gestorben war. Mit dem Riss, den Krieg und Vernichtung brachten. Ihr Bruder Jörg, der, bevor er erschossen wurde, seine Familie gewarnt hatte: „Wenn die Russen kommen, lauft weg. Wir haben so viel Furchtbares gemacht.“ Ihr Onkel, über dessen Verstrickungen niemand Genaues weiß, der sich und seine Familie in der Scheune umbrachte. Die SS, die kam, um mit Hunden alle aus ihren Häusern zu verjagen, weil Ziegenhals Kampfgebiet war. Der Weg ins Gebirge. Die, die Glück hatten, mit einem Pferdewagen, die anderen mit dem, was in zwei Taschen passte. Die Toten in den Straßengräben. Die Babys, die Maria sterben sah. Die Hilfe von Bauern unterwegs, die sie auf Stroh in der Küche schliefen ließen. Ihr Gottesglaube. Das Kreuz, das sie zum Beten am Pferdewagen befestigten. Marias langer nächtlicher Weg nach Ziegenhals, um nach dem Vieh zu schauen. Ihre Orgelnoten, die sie heimlich aus dem Haus holte und wieder mit ins gebirgige Versteck nahm. Die Rückkehr vier Wochen später in eine Stadt, die jetzt polnisch war. Das Lager, in dem sie untergebracht wurden. Der Weg zu ihrer Familie, die inzwischen in Calau lebte. Der russische Offizier, der in einem Zug schützend seine Hand auf ihre Schulter legte. Der Winterwind, der so schneidend war, dass sie ihre Beine zum Wärmen in den Schnee steckte. Der Hunger und die Angst.

In Calau ging Maria zum Pfarrer, badete, wickelte sich in eine Decke und schlief ein. Am nächsten Tag meldete sie sich für einen Neulehrerkurs. Sie meldete sich für ein neues Leben.

Maria stand vor Klassen mit 60 Kindern und blühte auf. Goethe, Schiller, Fontane. Konjugationen, Konjunktionen, Kommata.

Günther hatte sich mit Verve für den Weg des neuen, sozialistischen Deutschland entschieden. Und verliebte sich ausgerechnet in diese gläubige Katholikin. Was seine Eltern gar nicht gern sahen und nicht zur Hochzeit erschienen. Aber wie sollte jemand Maria nicht mögen? Die ideologischen Vorbehalte waren schließlich nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Die Familie wuchs, sie zog nach Berlin an den Strausberger Platz, die drei Mädchen kamen auch mal an eine Schule, an der Maria unterrichtete, und sie sagte: „Ihr müsst nicht denken, dass ihr quatschen könnt, nur weil eure Mutter hier Lehrerin ist.“

Sie fuhr nach Polen, nach Gmuchomazy, und suchte das Ziegenhals ihrer Kindheit. Erkannte das Haus wieder, klopfte vorsichtig, eine Polin ließ sie herein, kochte Kaffee und Tee und überreichte ihr ein gerahmtes Foto, das sie all die Zeit über aufbewahrt hatte, darauf Rosel, ihre tote Schwester. Ein langes Gespräch, das Jahrzehnte fortdauerte, eine Freundschaft begann.

Doch dann riss wieder etwas: Günther starb mit 53, und die Religion, der Trostspender, kehrte mit aller Kraft in ihr Leben zurück. Aber es gab ja noch die Kinder, Enkel, Urenkel. Sie war stets da, auch in schwierigen Momenten, hielt nichts von kleingeistiger Moral. Als eine ihrer Töchter noch während des Abiturs schwanger wurde: Du meine Güte, wir werden das schon schaffen.

Sie wurde alt, sie sagte: Ja, es ist beschwerlich, aber in ein Heim will ich auf keinen Fall. Sie aß weniger, trank kaum noch, und eines Morgens sank sie in ihrer Wohnung sanft zusammen und glitt auf den Boden.

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