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Luise Bernau Foto: dpa
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Nachruf auf Luise Bernau Eine Managerin

Sie war Hausfrau, sie war stolz darauf, und sie war so viel mehr. Der Nachruf auf eine überzeugende Person

Die Glocke läutete, der Unterricht war zu Ende. Die Mädchen stürmten aus dem Gebäude der Höheren Töchterschule in Braunschweig. So viele Mädchen. Der junge Mann, Götz, der da lässig vor dem Eingang auf seinem Motorroller saß, hatte nur Augen für eine. „Luise war die Freundlichste und Hübscheste“, sagt er heute. Luise setzte sich hinter ihm auf den Roller, hielt sich an ihm fest, und ab ging es an den See. Abends in einen Jazz-Schuppen. Ganz in Schwarz, mit Rollkragenpulli, den Sartre in der Jackentasche. „Wir waren 17. Sie sang im Kirchenchor, ich spielte die Geige.“

Luise war das Jüngste von vier Pfarrerskindern. Ihr Vater war die wandelnde Würde, ein Monarchist. Aber kein großer Prediger, sondern ein Sozialpfarrer, der die Arbeiter in seiner Gemeinde unterstützte, Flüchtlingen aus den Ostgebieten Unterschlupf bot und Hörgeräte in die DDR schmuggelte. Ihre Mutter war Sozialarbeiterin, offen, herzlich, lebendig. Dann war da die Großmutter, die den Haushalt überwachte, und eine Haushälterin, die morgens die Öfen befeuerte. Sie lebten in dem großen zweistöckigen Pfarrhaus in der Kappellenstraße. Im Garten stand ein großer Birnbaum. Ein überdachter Gang führte in die wuchtige Kirche. Es war ein ständiges Kommen und Gehen im Haus: Übernachtungsgäste, die Kirchendamen, der Gemeindevorstand, Musiker, und immer gab es zwei Kuchen, die noch warm gegessen wurden.

Luises Zimmer lag unterm Dach. Im Winter gefror das Wasser in der Waschschüssel, dafür war es ruhig. Hier konnte sie Götz treffen oder lesen. Ein Buch nach dem anderen. Brecht mochte sie. Vielleicht, weil er ihren Vater so aufregte. Wirklich streng war ihr Vater aber nicht. Luises Erziehung lief nebenher; solange sie zu den Gottesdiensten kam und als besonnene Pfarrerstocher auftrat, war alles gut. Kritik gab es nur bei Götz, der hatte keinen höheren Schulabschluss, und mit dem Violinenspiel ließe sich doch wahrlich keine Familie ernähren.

Hochzeit ganz in Schwarz

Nach dem Abitur schickte der Vater Luise mit einer Pilgergruppe über den Balkan, durch die Türkei und Syrien bis nach Jerusalem. Sie solle sich prüfen, ob Götz wirklich der Mann ihres Lebens war. „Der Plan ging nicht auf“, sagt Götz und lacht, denn „mit ihr waren nur ältere Damen unterwegs, da gab es nicht einmal den Ansatz einer anderweitigen männlichen Prüfung.“

Götz also. Zur weihnachtlichen Heirat in der Kirche traten beide ganz in Schwarz auf. Skandal! Nikolaus kam auf die Welt, dann Sofie, dann Klara und schließlich Justus, vier Kinder in vier Jahren! Mit 27 entschied Luise, dass es nun reichte. Längst hatte sie ihr Studium geschmissen, Literatur und Musik. Interessant, aber längst nicht so interessant wie ihre neuen Aufgaben als Mutter. Wenn sie gefragt wurde, was sie arbeitete, erwiderte sie „Hausfrau“ und war stolz darauf. Vier Kinder, der große Haushalt, Götz’ Karriere unterstützen – mehr als ein Fulltime-Job. Sie war nicht nur die Frau im Hintergrund. „Wir entschieden alles zusammen“, sagt Götz. „Wohin wir gingen, welche Stelle wir annahmen, wo wir wohnten. Es gab uns immer nur zusammen.“

Götz wurde erster Konzertmeister bei den Berliner Symphonikern. Dafür zogen sie nach Berlin, kauften ein altes Holzhaus in Mariendorf. Die Kinder konnten im Garten spielen, nach und nach wurde es wohnlicher. Luise buk jeden Tag und stellte ihr beliebtes Müsli her. Manchmal nervte sie alle, wenn sie beim Mittag neue Zutaten ausprobierte und es wochenlang nach Sanddorn schmeckte. Götz brachte Musikerkollegen mit, die Kinder ihre Schulfreunde, Luise lud ihre Freunde ein. Je mehr Leben, umso besser. Nur wenn Luise las, durfte man sie nicht stören, das war ein heiliges Gesetz. Überhaupt gehörte Lesen zu den Grundtugenden der Familie. Gleich neben dem Essenstisch stand ein Konversationslexikon.

Bei sechs Mäulern und nur einem Einkommen war das Geld knapp. Urlaub gab es nicht. Dafür begleiteten sie Götz zu seinen Sommerkonzerten. Die ganze Familie im Peugeot 404. Der hatte hinten eine dritte Sitzbank. Alle konnten aus ihrem eigenen Fenster schauen, was wichtig war, denn die Wege waren weit.

Jedes Jahr fuhren sie zu einem finnischen Sommerfestival. Da lernten Kinder Instrumente spielen, traten auf, Götz mittendrin, Luise organisierte die Logistik, überzeugte stoffelige Dörfler, ebenfalls mitzumachen. Überhaupt konnte sie sehr überzeugend sein, strahlte die Menschen an, redete dabei wie ein Wasserfall, konnte an den entscheidenden Stellen aber auch still sein und zuhören.

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Viele Reisen und Engagements von Götz organisierte Luise, sie übernahm die Buchführung, war seine Managerin, begleitete ihn zu seinen abendlichen Auftritten in Berlin. Oder er nahm sie mit in die USA, nach Südamerika oder in der UdSSR. Da, wo Götz war, war auch Luise und umgekehrt. Sie ging ins Haus des Rundfunks, unterm Arm zwei neue Kompositionen von ihm, und verließ das Gebäude erst wieder, wenn sie mindestens zwei Sendeverträge ausgehandelt hatte. Das übernahm sie auch für Musikerfreunde ihres Mannes.

Götz und Luise wurden alt, Berlin wurde ihnen zu viel. Sie suchten sich ein heruntergekommenes Haus im Oderbruch und richteten zuerst den Raum für die 10 000 Bücher ein. Luise lernte schnell das halbe Dorf kennen, wurde in den Club der Dorf-Damen eingeladen und organisierte zweimal im Jahr Spendenkonzerte, um die Dorfkirche zu restaurieren.

Wegen Herz und Niere musste sie ins Krankenhaus. Wegen Corona durfte niemand sie besuchen. Das setzte ihr zu. Sie kam wieder nach Hause, doch es ging mit ihr zu Ende, das spürte sie. Ihre Kinder, ihr Mann waren an ihrem Bett, als sie starb. 300 Beileidsbriefe kamen in den Wochen danach. Briefe, die an Luise, die Hausfrau, erinnerten.

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