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Klaus-Peter Kurz Foto: privat
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Nachruf auf Klaus-Peter Kurz Zwei Teddys auf dem Bett

Schwer wog das Gepäck auf seiner Seele. Doch anstatt über sich selbst zu sprechen, fragte er alle anderen, wie es ihnen ging.

Er konnte es einfach nicht: ihr sagen, dass er sie liebt. Aber das brauchte er gar nicht, Liudmila wusste es auch so. Als sie das erste Mal spazieren waren, fragte sie ihn, warum er auf einmal so schüchtern sei. Er antwortete: Ich habe Angst, dass du nicht die selben Gefühle für mich hast. Nachdem sie die erste gemeinsame Nacht miteinander verbracht hatten, bei ihm, kaufte er ihr Hausschuhe, Shampoo und Zahnpasta. Nach mehreren Nächten schraubte er ihr einen Messinghaken aus dem 19. Jahrhundert an die Wand, für ihren Bademantel, genau auf ihrer Höhe.

Klaus war 1 Meter 94 groß; sie reichte ihm bis an die Brust. Auf der Arbeit machten sich ihre Kollegen lustig: Sie könne sich eine Leiter aus dem Keller holen, um an die Sachen im Regal heranzureichen, sie sei doch emanzipiert. Klaus sagte sowas nie. Er half einfach. Als sie sagte, sie würde gerne einmal ein Elefantenbaby streicheln, rief er im Tierpark an. Das Baby war zwar schon zwei Jahre alt, seine Haut ledrig, die Haare drahtig, dennoch war es ein wundervoller Tag.

Es gibt ein Foto von Klaus, er als Baby, sein Vater im Anzug, seine Mutter eine wunderschöne Dame. Auf einem anderen Foto gibt ihm sein Vater die Flasche und schaut ihn ganz verliebt an. Klaus war ein Jahr alt, als seine Mutter ihn bei den Eltern des Vaters in Lüdenscheid abgab und verschwand. Sein Vater war noch zu jung, um ihn alleine aufzuziehen, also übernahmen das die Großeltern. Opa Karl war streng, ein ehemaliger Admiral, Oma Henni war die Liebevolle. Die beiden taten ihr Bestes, zogen ihn tadellos an, verreisten mit ihm nach Italien, der Opa ging mit ihm wandern.

Sein Vater besuchte ihn des Öfteren, doch seine Mutter ließ sich nicht blicken, nicht zu einem einzigen Geburtstag, nicht eine einzige Postkarte. Zurück blieb ein Junge, der nicht wusste, wohin er gehörte. Der sich nicht sicher war, ob seine Großeltern ihn liebten, oder ob sie sich ihm nur verpflichtet fühlten. Wenn Klaus seine Gefühle nicht mehr aushielt, gab er sich selber Backpfeifen.

Er war ihr Held

Mit 16 nahm ihn sein Vater zu sich, zu seiner neuen Frau und seiner kleinen Tochter. Klaus fuhr sie mit dem Kinderwagen durch die Straßen, er fütterte sie, wiegte sie. Endlich war da jemand, den er lieben konnte, bedingungslos, das tat gut. Er war ihr Held, der immer für sie da war, auch später, als sie längst erwachsen waren. Sie besuchte ihn oft. Er plante dann Ausflüge mit dem Fahrrad.

Irgendwann suchte er seine Mutter. Hoffentlich würde er Antworten auf seine Fragen bekommen. Warum war sie gegangen? Warum hatte sie sich nie gemeldet? Da musste es doch Gründe geben. Er fand ihre Familie, der Empfang war ruppig, unfreundlich. Sie sei mit 40 an Brustkrebs gestorben, hieß es. Ansonsten gäbe es nicht viel zu ihr zu sagen. Sie sei eine schlimme Person gewesen. Er habe nichts verpasst. Das saß.

Klaus war der zweitbeste in der Abiturklasse, er ging zur Bundeswehr, studierte Volkswirtschaftslehre. Was folgte, ist nicht einfach zu erzählen. Er hatte eine Freundin, die überzeugt war, dass sie keine Kinder kriegen könnte, bis es doch passierte, sie bekam eine Tochter, die beiden heiraten, eine zweite Tochter folgte. Tagsüber leitete Klaus den Vertrieb einer Firma, die Antriebstechniken herstellte, abends war er für Frau und Kinder da. Sie schienen eine Bilderbuchfamilie zu sein. Doch Klaus war nicht der Einfachste, schwer wog das Gepäck auf seiner Seele, schwer fiel es ihm, über Gefühle zu reden, er geriet in eine Depression. Sie trennte sich von ihm, Klaus floh nach Berlin. Wieder fand er eine Leitungsposition, diesmal bei der Verbraucherzentrale. Und er fand den Alkohol. Eine lange, dunkle Zeit, ein Versuch, seinem Leben ein Ende zu bereiten.

Und ein Neubeginn. Krankenhaus, Entzug, Therapie, Wohngruppe. Klaus fand einen besten Freund, mit dem er auf Fotostreifzüge durch Kreuzberg zog. Klaus fotografierte für sein Leben gern. Menschen auf der Straße, Baustellen, eine Stadt im Wandel. Er fand einen Betreuer, der ihn besonders mochte und immer wieder mit ihm spazieren ging. Eine Ärztin, die ihn besonders unterstützte. Und er fand eine Wohnung, ganz oben, fünfter Stock, gleich unterm Dach. Das wurde sein sicheres Reich, gemütlich und elegant. In einen großen alten Gussofen hatte er Regalböden für die Bücher eingezogen. Zwei sehr große Teddys saßen auf seinem Bett und beschützten ihn, wenn er sich wieder allein und verlassen fühlte.

Im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum war er für das Bildarchiv zuständig, rahmte Fotos, baute Ausstellungen auf. Alles musste präzise sein, Schludrigkeiten gab es bei ihm nicht. Standen Teamsitzungen an, war er immer viel früher da. Dass Liudmila immer kurz vor knapp kam, machte ihn wahnsinnig. Aber als sie in eine Krise geriet, vor ihrem Computer saß und nicht mehr arbeiten konnte, war er derjenige, der sie fragte, was mit ihr los sei. Das war der vorsichtige Anfang.

Er spendierte ihr Kaffee, er schrieb ihr dreimal in der Woche Postkarten, er arbeitete mit ihr an ihren historischen Stadtführungen, die sie an Wochenenden für Touristen gab. Wenn sie danach völlig geschafft bei ihm aufschlug, sollte sie die Füße hochlegen, er machte ihr Kaffee und eine Wärmflasche. Klaus wusste stets was sie, was seine Freunde mochten. Wer auch immer ihn besuchte, es gab genau das, die eine Teesorte, diese speziellen Kekse, das Obst.

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Einmal fragte Liudmila ihn: Wirst du mich immer noch lieben, auch wenn wir schon zehn Jahre zusammen sind? Er antwortete: Na, was glaubst du denn?

Doch immer wieder musste er Treffen absagen. Es tue ihm leid, er schaffe es einfach nicht, schrieb er ihr dann. Da fehlte es ihm an innerer Kraft. Gleichzeitig sorgte er sich um seine älteren und alleinstehenden Kollegen. Reihum schickte er ihnen Nachrichten auf Whatsapp, um sich zu versichern, dass es ihnen gut ging. Wie es ihm selbst ging, schrieb er nicht.

Liudmila fand ihn in seiner Wohnung. Er lag bei seinen Teddys. Ein Herzinfarkt.

Ab 23. April wird es eine Ausstellung mit Klaus’ Fotos geben, in der Zwingli-Kirche zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz. Sie heißt: „Entdeckungen – die Poesie der Großstadt“.

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