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Karlheinz Drechsel Foto: imago images / Andreas Weihs
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Nachruf auf Karlheinz Drechsel Der Mann, der der DDR den Jazz erklärte

Den Nazis war sein Hobby hochverdächtig. Und auch die Kommunisten waren nicht ganz froh mit ihm und seiner Ami-Musik. Der Nachruf auf einen Sendungsbewussten.

Die Musik ist von zweideutigem Wesen. Zu nichts verpflichtet, folgt man ihr träumend. Sie beruhigt, betäubt, schläfert ein, schmälert jeden Drang zur Aktivität. Und im selben Maß kann sie das Gegenteil bewirken. Sie reißt vorwärts, entflammt die Gefühle, forciert den Geist, regt an zur Tat. Sie schafft Bewegung. Sie schafft Stillstand.

Beides kann von Autoritäten als zutiefst lästig empfunden werden, beides kann sie, die Musik, politisch verdächtig machen.

Als Karlheinz Drechsel begann, Musik zu hören, konnte man ihn noch ein Kind nennen. Es waren aber keine harmlos-kindlichen Liedchen, denen er da lauschte. Er hörte Jazz oder, wie es damals noch hieß, Swing. Draußen, in Deutschland, strafften sich die Leute zur Marschmusik, drinnen, in der Dresdener Wohnung, liefen Platten von Count Basie und Duke Ellington. Karlheinz’ Bruder, zehn Jahre älter, Soldat und Frontkurier, brachte einmal im Monat das neueste Material aus Belgien, Holland und Frankreich. „Ich hatte kein anderes Hobby als diese Musik“, erzählte Karlheinz später. „Warum, kann ich gar nicht sagen.“

Das mal nervöse, aufpeitschende, mal sanfte, melancholische Spiel, das Verrückte darin, das sich so unterschied von dem Nazigedröhne, ergriff ihn. Ergriff ihn so sehr, dass er Freunde einweihte. Dass er sogar sein Koffergrammophon mit in die Schule nahm, um seine Entdeckungen allen vorzuspielen. Was gründlich schief ging. Sein Lehrer, ein Mann in SA-Uniform, duldete diesen unsauberen, undeutschen, hochverdächtigen Krach nicht und zerbrach die Platten.

Die russischen Besatzer hatten keine Einwände

Nach dem Krieg entspannte sich die Lage für die Jazzhörer, auch in der Sowjetischen Besatzungszone. Es entstanden Orchester, die die Musik nachspielten, die über die amerikanischen Soldatensender zu hören waren. Die russischen Besatzer hatten keine Einwände, ihnen ging es vor allem darum, die Theater und Tanzsäle zu öffnen, die Deutschen so schnell wie möglich wieder an Kultur teilhaben zu lassen.

Erst mit der Gründung der DDR 1949 änderte sich die Sache. Walter Ulbricht nannte den Jazz „Affenmusik“. Ein Hohn, das ganze Gerede von der Menschenliebe. Am Ende nur die Furcht, der brave sozialistische Bürger lasse sich von aufwieglerischen Tönen aufwiegeln. Karlheinz konnte es nicht fassen: Wieder diese Sätze, die davon handelten, was deutsch sei und was nicht. Sein Swing-Zirkel, den er 1946 gegründet hatte, wurde verboten. „Die 50er Jahre“, erzählte er, „wurden eine ganz harte Zeit. ,Ami-Titel’ und englische Texte waren auf dem Staatsgebiet der DDR jetzt unerwünscht, der Rundfunk wurde musikalisch gesäubert.“

Gleichzeitig entstand beim Radio eine groteske Situation: Das „Haus des Rundfunks“ in der Masurenallee, damals britischer Sektor, beherbergte bis 1952 auch den von den Sowjets kontrollierten „Berliner Rundfunk“. Dort begann Karlheinz 1949 als Regieassistent in der Hörfunkabteilung. Und streifte in seinen freien Stunden durch West-Berlin, durch Plattenläden und Jazzclubs. Was den Genossen gar nicht gefiel. Einer, der sich für den fiebrigen Lärm des Feindes interessiert, musste politisch verdächtig sein. Sie entließen ihn, offiziell „aus Reorganisationsgründen“. Er ging zurück nach Dresden.

Der Kulturbund dort zeigte sich weniger jazzfeindlich. Es gab regelmäßige Vorträge, man diskutierte, Karlheinz trat als Redner auf. Er gründete die „IG Jazz“ mit. Und hier sprach man nicht nur, hier spielte man auch, Karlheinz als Schlagzeuger bei den Elb Meadow Ramblers: „Eine schlechte Band, aber es hat viel Spaß gemacht.“

Ein anderer Jazzenthusiast, der Journalist Reginald Rudorf, ging weiter: Er verknüpfte Jazz und Politik auf eine Weise, die die Funktionäre in eine Bredouille brachte. Wie kann es sein, fragte er, dass ein Staat, der ohne Unterlass von der Befreiung des imperialistisch unterdrückten Menschen spricht, die Musik eben jener Menschen – und was ist der Jazz anderes – verteufelt? Die Reaktion: Rudorf wurde ins Zuchthaus gesteckt, die „IG Jazz“, deren Mitglied er war, verboten.

Aber Karlheinz machte weiter. „Die studentische Jugend war unwahrscheinlich interessiert am Jazz“, sagte er. Ab 1959 durfte er sogar zurück zum Radio – ans Mikrofon! Wöchentlich moderierte er das „Jazzpanorama“. Und fürs Fernsehen der DDR schuf er die erste Jazz-Sendung. Er hielt Vorträge, organisierte Konzerte, gründete Festivals. Musste wieder das ein oder andere Verbot hinnehmen. Begleitete ausländische Musiker auf ihren Tourneen durch die DDR. Auch den legendärsten: 1965 kam Louis Armstrong ins Land. Die Funktionäre hatten inzwischen eingesehen, dass sie es beim Jazz mit einer Art „Volksmusik“ zu tun hatten.

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Karlheinz Drechsel begleitete Louis Armstrong von früh bis spät. Zuckelte mit der Band über schadhafte Landstraßen, trieb einen Arzt auf, weil der Trompeter unter Zahnschmerzen litt, ließ sich aus dessen Leben in den Vereinigten Staaten, seiner Jugend, von der Rassentrennung erzählen. Zwei Jahre nach der Tournee schrieb Armstrong ihm einen Brief: „My Dear Mr Karlheinz Drechsel, Surprise Surprise. You must have thought that I had forgotten you, but I did not.“

Seit 1971 organisierte Karlheinz Drechsel das Dixieland-Festival in Dresden, ein enormer Erfolg, über Jahrzehnte. Man verpasste ihm den Namen „Dixie-Drechsel“, was irreleitend und unsinnig ist. „Sehen Sie sich doch in meinem Zimmer um“, sagte er einem Interviewer. „Sehen Sie hier Fotos von Dixieland-Musikern?“ Da waren keine. Seine Einflüsse lagen bei Dizzy Gillespie, bei Charlie Parker. Er hörte Modern- und Freejazz, lud, etwa für die „Jazzbühne Berlin“, die er betreute, japanische und russische Avantgardisten ein. Zu dem Dixiestempel war es gekommen, weil das Festival mit der fröhlichen und leicht verdaulichen Jazzvariante besonders populär und politisch unverdächtig war und deshalb live im Radio und im Fernsehen übertragen wurde.

2004 erhielt Karlheinz Drechsel das Bundesverdienstkreuz. 2011 erschien seine Autobiografie „Zwischen den Strömungen – mein Leben mit dem Jazz“. Am 5. Oktober starb er nach einer Covid-19-Infektion.

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