José Miguel Segura Bustamante Foto: Procast Agentur
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Nachruf auf José Miguel Segura Bustamante Was ihm im Stadion passiert war, hat er nie erzählt

Aufgewachsen in Chile, eingesperrt, verfolgt. Dann Deutschland: kalt im Winter, ernst die Leute. Da war er anders.

Isabel erinnert sich, Details, Wörter, als ob es eben passiert wäre. Das Hämmern an der Tür. Die Soldaten, die hereingestürmt kommen. Junge Kerle, Babygesichter. Sie fesseln José, ihren Mann. Sie schleppen ihn nach draußen. Alles geht schnell. Isabel bleibt zurück, ihr Sohn, vier Jahre alt, steht neben ihr, zittert. Ein Soldat nimmt den Jungen auf die Knie und sagt: „Du musst keine Angst haben. Dein Vater kommt wieder.“

Chile, 1973, rechte Militärs haben den rechtmäßig gewählten Präsidenten Salvadore Allende aus dem Amt geputscht. Nun fuhren die Kommandos durch die Straßen und verhafteten alle, die als links, als rebellisch galten. Also einen wie José. Als Buchhalter wusste er, wie viel Umsatz die Fabrik für Ginger-Ale wirklich machte. Warum konnte man von dem vielen Geld nicht eine Mensa für die Arbeiter bauen und ihnen ein Mittagessen anbieten. Wie stand es um den Arbeitsschutz an den überlangen Arbeitstagen? Jose gründete eine Gewerkschaft. Auch wenn das gefährlich war und immer wieder Menschen verschwanden, die den Mund aufmachten, so wie José. Isabel zeigt auf ein Foto, darauf ist er zu sehen, wie er mit einem Kopfsprung ins Wasser gleitet. „Egal ob er schwimmen konnte oder nicht. Ob das Wasser tief war oder nicht. Ob die Strömung stark war oder nicht. Er ist einfach reingesprungen, ohne nachzudenken.“

Sein Vater starb, da war Jose sieben. Nun kümmerte er sich um Schwester und Bruder, half der Mutter, wo er konnte. Sie schickte ihn auf ein italienisch-katholisches Internat. Doch die Priester prügelten und misshandelten. Ärmere Kinder wie José mussten in der Küche arbeiten. Irgendwann sagte er: Schluss, hier will ich nicht mehr hin. Nachmittags stand er als Aushilfe hinter der Kasse eines Fleischerladens. Er sah, dass die armen Leute sich nur die Knochen leisten konnten. Das gute Fleisch ging in die Restaurants. Nur beim Fußball waren alle gleich. José war der Beste seiner Jugendmannschaft.

"Du musst mir mein eigenes Leben lassen."

„Da sind zwei hübsche Schwestern in die Straße gezogen“, riefen sich die Fußballjungs zu. Sie organisierten eine Willkommensparty mit Rock ’n’ Roll. „José machte eine Menge Wind, damit ich ihn auch beachte“, sagt Isabel. Wäre gar nicht nötig gewesen. Schließlich sah er aus wie Alain Delon, fand sie. Nur seine Mutter wollte nicht, dass er sie alleine zurücklässt, weinte, da nahm er sie in den Arm und sagte: „Mama, du musst mir mein eigenes Leben lassen. Ich liebe diese Frau und werde sie heiraten.“ Ein Sohn kam auf die Welt, eine Tochter. Sie zogen in ein kleines Haus.

Dann kam Allende, endlich einer, der all die Ungerechtigkeiten anging. Dann Pinochet und die Soldaten. José wurde in das große Fußballstadion von Santiago gebracht, zusammen mit 20.000 anderen. Sie wurden gefoltert, gedemütigt. Im November 1973 sollte in dem Stadion das Rückspiel Chile gegen die UdSSR für die WM-Qualifikation stattfinden. Die Gefangenen wurden verlegt oder entlassen. Das war sein Glück.

Er kam nach Hause, küsste seine Familie und tauchte unter, zuerst in einer Kirche, dann in Argentinien. Was ihm im Stadion passiert war, hat er nie erzählt. Er war noch mal da, mit seinen Kindern, Mitte der 90er bei einem Spiel Chile gegen Kolumbien. Alle jubelten und tanzten; er stellte sich seiner Angst.

Ein Jahr nach seiner Flucht stand er am Flughafen Tempelhof. Aufgeregt, nervös. Berlin hatte ihn aufgenommen, seine Familie durfte endlich nachkommen, nun würde er sie wiedersehen. „So viele Gedanken und das Glück, José in die Arme zu schließen! Verwirrt war ich auch, ängstlich, wie das neue Leben aussehen wird“, erinnert sich Isabel. Drei Jahre wohnten sie im Keller einer Pfarrfamilie. Jose lernte Deutsch, renovierte erst Wohnungen, arbeite dann als Nachtwächter an der TU, später als Hausmeister. Hauptsache, er konnte seine Familie versorgen.

Deutschland: kalt im Winter, ernst die Leute. José war da anders, ansteckend fröhlich, er spielte auf seiner Gitarre, sang und tanzte mit Isabel Cueca, den chilenischen Nationaltanz. Und wenn er traurig war, weinte er einfach los. In seinen Augen lag diese Melancholie. Er verfolgte alle Nachrichten, wer verschwunden war, welche Parteien verboten wurden. Organisierte Demonstrationen und Diskussionen, sammelte Geld für Untergetauchte. Wenn Pinochet endlich weg ist, würden sie zurückkehren, definitv.

Isabel und José waren Dickköpfe und stritten oft. Irgendwann hatten sie genug davon, legten eine Beziehungspause ein, wollten aber weiter Freunde sein. Die Kinder wohnten weiter bei ihm. Mit seinem Sohn spielte er in einer Fußballmannschaft, als seine Tochter ihr Studium begann, schrieb er ihr einen Brief, wie sehr er sie liebte, wie stolz er auf sie war, und wie wichtig es ist, gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt anzukämpfen.

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1994 ging Jose zurück nach Chile, kaufte einen Mercedes und wurde Taxifahrer. Er gründete einen Verein und setzte durch, dass die damals politisch Verfolgten eine kleine Entschädigungsrente bekamen. Doch dieses neue Chile war rau, abweisend. José wurde immer trauriger, verkaufte schließlich seinen Mercedes und das Haus und kehrte zurück nach Berlin. „Ich bin ein halber Berliner“, sagte er. „In dieser Stadt kann man eine Kackwurst auf der Glatze tragen, und keiner guckt einen schräg an. In diesem Land funktionieren die Behörden und man bekommt für alles eine Quittung.“

Isabel und Jose. Er hatte sich geändert, sie auch. Chile war nicht mehr so wichtig; sie lernten sich neu kennen und lieben. Nach 13 Jahren tanzten sie wieder miteinander und zogen zusammen. Von einer Casting-Agentur ließen sie sich als das exotische ältere Paar aufstellen, tanzten in einem Grönemeyer-Video und in einer Lidl-Werbung. Jede Woche fuhr José in eine Gartengemeinschaft, pflanzte Gemüse an, er spielte Gitarre, er hatte seinen Frieden gefunden. Dann bekam er Lungenkrebs. Wenn er zur Bestrahlung musste, zog er sein blaues Mutmach-Hemd an. Die ganze Familie war an seinem Bett, als er starb, im April 2020.

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