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Janis Christodulov Foto: privat
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Nachruf auf Janis Christodulow (Geb. 1926) Man heiratet nicht so mir nichts dir nichts

In Bulgarien arbeitete er auf dem Bau, war Rettungsschwimmer und Fischer. Mit 50 kam er in die DDR. Und wurde Gärtner

Manches ist tatsächlich kaum mehr vorstellbar. Obwohl es sich mit Sicherheit so zugetragen hat. Aber rückblickend, durch den Schleier der Zeit, verwischen die Erinnerungen. Wir wissen, etwas hat sich auf diese oder jene Weise abgespielt, wir bekommen es erzählt, wir sehen Schnappschüsse, die jemand damals gemacht hat. Wir erkennen uns auf diesen Bildern, und doch fühlt es sich an, als schauten wir auf Personen, auf Szenen, die wenig mit uns zu tun haben. Janis zum Beispiel: Er sieht vier Leute, zwei Kinder, zwei Erwachsene, zusammen mit einem halben Hausstand in einen Trabant gequetscht. Und was nicht mehr hineinpasste, auf sein ächzendes Dach geschnallt. In dieser Formation ging es 2500 Kilometer Richtung Süden, von Berlin über Ungarn und Rumänien nach Bulgarien, Nessebar am Schwarzen Meer, drei Tage lang. Manches ist tatsächlich kaum mehr vorstellbar.

Anders die Ankunft. Janis öffnet vor seinen Kindern und seiner Frau die Beifahrertür (er besaß zeitlebens keinen Führerschein, gefahren ist immer Petra) und sofort sind alle Erinnerungen da: das üppige Blau des Schwarzmeerhimmels, die Hitze des frühen Nachmittags, die blassgrünen Heuwiesen, das kräftiggrüne Laub der Weinstöcke, die mächtigen Walnuss- und die schlanken Mandelbäume, der salzige Geruch der See, auf dem Fischer ihre Netze auswerfen.

Janis’ Eltern stammten von Griechen ab, die Stadt durchlief ein wechselvolles Hin und Her zwischen Griechen, Türken und Bulgaren. Sie bewirtschafteten Land, betrieben zwei Mühlen, hielten 200 Schafe, bauten Obst und Nüsse und Wein an, den sie selbst kelterten. Gehörten zu den Ersten, die elektrisches Licht ins Haus legen ließen. Ihre sechs Kinder, von denen Janis und seine Zwillingsschwester Smaragd die Nachzügler waren, wuchsen in dieser Herrlichkeit auf. Bis das sozialistische Bulgarien die Zwangskollektivierung anordnete. Das Land, die Maschinen, die Mühlen, die Tiere, alles wurde verstaatlicht, der Wohlstand schwand. Und Janis’ Vater fiel mitten auf der Straße um, starb, wie es hieß, vor Kummer.

„Fahrt nach Nessebar!"

Was blieb, war das Haus mit dem Garten. Den Janis in ein buntes Dahlienreich verwandelte, eher untypisch für Bulgarien, wo auf jedem freien Fleckchen Gemüse angebaut wird. Seine Zeit als Weinbauer aber war vorbei, er musste zur Armee, arbeitete danach auf dem Bau und als Rettungsschwimmer und wurde dann Fischer.

Im Jahr 1968 planten vier junge Studentinnen aus Ost-Berlin eine Sommerreise nach Bulgarien. Per Anhalter quer durchs Land. Im Rila-Gebirge trafen sie eine griechische Familie aus Stuttgart. „Wo wollt ihr hin?“, fragten die. „Ans Schwarze Meer, nach Warna.“ „Fahrt nach Nessebar, dort ist es viel schöner. Eine Unterkunft dürfte kein Problem sein. Fragt nach Janis Christodulow!“ Die Mädchen fuhren nach Nessebar mit einem Zettel, auf dem dieser Name stand.

In der Stadt waren Verkaufsstände aufgebaut. Sie steuerten auf den ersten Stand zu und zeigten den Zettel. Der Händler sprang auf: „Ja, kommt mit.“ Sie liefen ein Stück bis zu einem Gartentor, Janis erschien mit breitem Lächeln und einem enormen Strauß Dahlien in der Hand. Er musterte die vier Hübschen, und überreichte die Blumen – an Petra.

Sie besuchten einander drei Jahre lang, denn, so mahnten die Familien, man heiratet nicht so mir nichts dir nichts eine Urlaubsromanze, drum prüfe, wer sich ewig bindet, Elternsätze eben. Also prüften sie, obwohl es eigentlich nichts zu prüfen gab. Am 11. April 1971 wurde Hochzeit gehalten. In Bulgarien.

Janis lehnte es ab, in Nessebar zu feiern: „Die ganze Stadt wäre in Aufruhr!“ So wichen sie nach Pomorie aus, ein wenig weiter südlich die Küste entlang. Dem Brauch nach wurden sie gemeinsam in ein bunt gemusterten Tuch gewickelt, später dann schwenkte man die Braut herum, und jeder steckte ihr, für die Aussteuer, einen Geldschein zu, danach gab es ein ganzes Lamm mit Reis.

Und dann begann ihr Leben in Berlin.

Petra wunderte sich immer ein wenig, dass Janis nie Heimweh bekam. Hatte er doch diesen großen Schritt gewagt, von dem sonnenleuchtenden Küstenort in die graue, lärmige Stadt. Sicher, er war glücklich, wenn er nach drei Tagen holpriger Fahrt die Trabitür öffnete und das Meer wieder roch. Aber ebenso glücklich war er in Berlin. Und bedenkt man es richtig, hatte er sich immer schon in einer vielgestaltigen Umgebung zurechtgefunden. Zu Hause, bei seinen Eltern, sprach er Griechisch, in der Schule und auf der Straße Bulgarisch. Es kam vor, dass bulgarische Kinder ihm „dreckiger Grieche“ hinterherriefen. Janis war also gewappnet, in die Fremde zu gehen, anfangs ohne ein Wort der fremden Sprache. Auch wenn er schon 50 Jahre alt war.

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Er bewarb sich als Hochseefischer auf der Ostsee. Die DDR-Behörden aber verlangten eine Berufsbescheinigung. Er wandte sich an die bulgarischen Beamten, die ihrerseits ein Schreiben aus der DDR forderten. Ein unlösbarer Zirkel, sozialistische Völkerfreundschaft. Doch dann ergab es sich, dass die LPG „1. Mai“ in Wartenberg einen Gärtner suchte. Die ideale Stelle. Janis liebte die Arbeit, baute Möhren, Salat, Spargel, Kohlrabi an. Mochte die Kollegen, die Kollegen mochten ihn. Er zog mit seiner kleinen Familie, inzwischen waren Janka und Julia geboren, in ein Haus, pflanzte Wein und Feigenbäume und Rosen, röstete Paprika in einem eigens dafür vorgesehenen Ofen, seine Tomaten und Gurken dufteten herrlich.

Nach dem Mauerfall wurde die LPG abgewickelt, was ihn schmerzte, aber nicht lähmte. Er begann, Straßenbäume zu setzen, und immer, wenn er mit Janka und Julia an den Bäumen vorüberfuhr, zeigte er auf sie: „Seht, wie groß sie geworden sind!“

Er sah seine Enkel wachsen, er durchstreifte seinen Garten, er kämpfte mit Herzproblemen, er wurde alt.

In Nessebar, in seiner Taufkirche, hielt ein Pope die Totenmesse für ihn. Alle Verwandten buken Brot, brachten Wein und aßen Žito, ein traditionelles Trauergericht aus Weizen, Zimt und Nüssen. Begraben ist Janis in Berlin. 40 Tage später kommen alle noch einmal zu ihm, essen noch einmal Žito, trinken noch einmal Wein, denn 40 Tage ist seine Seele, sagt man, noch unter uns.

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