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Nachruf auf Ingeburg Emma Anna Becker Schönes Leben unter Feinden

Sie wollten ja nach drüben, in den Osten. Aber konnte man denn die kapitalistische Insel den Kapitalisten allein überlassen? Der Nachruf auf eine SEW-Genossin.

Die Partei wollte, dass sie im Westen blieben, Inge aus Schöneberg und Olaf aus Tempelhof. Sie waren frisch verlobt, sie hatten kaum Westgeld, im Westen war Kapitalismus, im Osten Sozialismus. Sie waren Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands; sie wären gern in den Osten gegangen; Inges Eltern waren auch schon da. Was sollten sie noch in der alten Heimat?

Es war das Jahr 1952, die SED hatte noch tausende Mitglieder in den West-Bezirken. Immer mehr von ihnen gingen rüber, um den DDR-Sozialismus aufzubauen. Aber konnte man denn die kapitalistische Insel den Kapitalisten allein überlassen? Wer sollte noch für Frieden und Fortschritt sorgen, wenn alle Genossen vorm Klassenfeind davonliefen?

Zugegeben, es gab wenig Ecken in der Welt, in denen er so mächtig auftrat. In der Frontstadt waren selbst die kleinen Leute infiziert. Die wollten einfach nicht von ihrem Joch befreit werden. Was Inge und Olaf sich anhören mussten, wenn sie sich als SEDler oder FDJler zu erkennen gaben! „Haut bloß ab!“ „Geht doch nach drüben!“ Wie gesagt, sie wollten ja, sie durften aber nicht. Bis zum bitteren Schluss hielten sie die Stellung. Und sie hielten sie gern. Unter all den Feinden führten sie ein schönes Leben – den Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man ihre Erinnerungen liest und ihre Kinder befragt.

Ein ganzes Deutschland soll es sein!

Inges Vater war Zimmermann und hatte im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren. Sie war beim Jungmädelbund, 1936 im Olympiastadion, ihr Schuldirektor lobte sie, weil sie ein Nazigedicht ganz prima aufsagte. Dann der Zweite Weltkrieg, die Wohnung zerbombt, zwei Cousins tot, der Bruder lange in Gefangenschaft, sie von den Russen vergewaltigt. Es konnte nur noch besser werden; Hauptsache die Arbeiterschaft hielt ab sofort zusammen. In Inges Familie standen sie zur Sozialdemokratie. Den Zusammenschluss mit den Kommunisten 1946 empfanden sie selbst in Tempelhof als folgerichtig und kein bisschen erzwungen. Selbstverständlich wurden sie Mitglieder der neuen SED; es sollte ein sozialistisches Deutschland sein!

Inges erste Liebschaft: Mecki, ein amerikanischer Soldat, der bald nach Amerika zurück musste. Die zweite: Horst Schmidt, SED-Genosse, aber nicht besonders treu. Und schließlich: Olaf Becker. Bei der FDJ Schöneberg lernte sie ihn kennen, er kam aus einer kommunistischen Familie. Auf dem Buch, das sie später über ihr Leben schrieben, prangt ein ganz frühes Foto: die beiden im August 1951 bei den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin; auf ihrer Brust steht „DEUTSCH“ auf seiner „LAND“. Sie tragen Tücher auf dem Kopf, auf ihrem steht, ganz korrekt, „West“. Auf seinem, leicht geschummelt, „Ost“ – was soll’s, die Geste zählt, ein ganzes Deutschland soll es sein! Solange nur die Vorzeichen stimmen.

Inge und Olaf Becker bei den Weltfestspielen der Jugend 1951 in Ost-Berlin Foto: privat Vergrößern
Inge und Olaf Becker bei den Weltfestspielen der Jugend 1951 in Ost-Berlin © privat

Dafür nahmen sie einiges auf sich. Inge arbeitete beim Bezirksamt Schöneberg und sollte in einer förmlichen Erklärung ihre Treue zum West-Berliner Senat bekunden. Sie stand aber schon treu zur SED, und die verbat einen zweiten Schwur. Als ihr die Stelle beim Amt gekündigt wurde, vermittelten die Genossen ihr eine neue Arbeitsstelle bei der Partei und später beim Demokratischen Frauenbund Deutschlands, DFD, einer Ost-Organisation, die ebenfalls noch ein Büro in West-Berlin unterhielt. Als Sekretärin verdiente Inge allerdings nur Ostmark.

Olaf arbeitete bei der Reichsbahn, zuerst als Bremsklotzleger, dann als Schlosser. Die Reichsbahn gehört der DDR, bewirtschaftete aber weiterhin das West-Berliner Schienennetz. Reichsbahner im Westen erhielten immerhin 60 Prozent ihres Lohns in D-Mark. Damit, so argumentierte die Partei, konnten Inge und Olaf doch ihre Miete in Schöneberg bezahlen; Anschaffungen sollten sie im Osten tätigen.

Nicht nur dadurch war ihr Leben deutlich aufwendiger als das gewöhnlicher West-Berliner. Die Politarbeit füllte ihre Freizeit aus. Inge war in der FDJ und der SED aktiv, außerdem beim Frauenbund und bei der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, beim Gewerkschaftsbund und bei der Konsum-Genossenschaft. Dazu die Härten des Klassenkampfes: Nach der Hochzeit im Frühjahr 1953 musste Olaf für zwei Monate ins Gefängnis. Er hatte im FDJ-Hemd vor der griechischen Militärmission demonstriert und wurde festgenommen. In West-Berlin war die FDJ zwar nicht wie in Westdeutschland verboten, aber die Polizei unterband öffentliche Auftritte. Beim Hafttermin kam der Richter Olaf immerhin entgegen: Gründonnerstag durfte er noch Inge heiraten, Dienstag nach Ostern fuhr er ein. Ihre Flitterwochen nannten sie „Gitterwochen“; Inge durfte ihn viertelstundenweise besuchen, Berührungen verboten.

Ihr erstes Kind nannten sie Kolja, was 1954 in Schöneberg nicht so häufig vorkam. Drei Jahre später kam Monika zur Welt. Inge bekam Schwangerschafts- und ein wenig Babyurlaub, arbeitete aber selbstverständlich weiter. Um Kindergartenplätze bemühten sie sich gar nicht erst: Viel zu unzuverlässig die Erziehung dort. Über den Frauenbund fand sich eine Tagesmutter, die Genossin Anni.

Ferien in der DDR

Das ganze Leben war sozialistisch eingebunden, der Alltag auf eine seltene Weise gesamtdeutsch: Arbeit bei DFD und Reichsbahn im Westen, Parteilehrgänge und Ferien in der DDR, Wochenenden in Ost-Berlin. In Grünau hatte die „Betriebssportgruppe Tempelhof“ einen Steg und die Beckers ein kleines Motorboot. Bis zum 13. August 1961 kamen sie mit der S-Bahn gut von West nach Ost nach West.

Man kann sich vorstellen, dass der Mauerbau die Frontkämpfer fürs sozialistische Gesamtdeutschland hart traf. Olaf gelang es zwar, das Boot mit Hilfe befreundeter Bahnkollegen in den Westen zu schaffen, aber hier konnten sie sich keinen Liegeplatz leisten. Wohin jetzt in der Freizeit?

Auch die Rechtfertigung, derselben Sache zu dienen wie die Mauerbauer, fiel nicht leicht. Dass sie es auf sich nahmen, dass die Westgenossen ihre Reihen sogar noch fester schlossen, lag an den Anfeindungen, denen sie ausgesetzt waren. Je verständnisloser der Feind, umso sicherer ist man sich seiner Sache. Sie führten ihren kleinen Kalten Krieg auf ihrer kleinen Insel und wärmten sich aneinander. Sie feierten den „Tag der Arbeit“ am 1. Mai, den „Tag des Eisenbahners“ am 14. Juni und den DDR-Geburtstag am 7. Oktober in den Reichsbahnausbesserungswerken; dort feierten sie auch Weihnachten und fuhren mit geschmückten S-Bahnzügen durch die Frontstadt.

Aber wer passte jetzt noch auf die S-Bahn auf? Bis ’61 hatten das Bahnpolizisten aus der DDR getan; doch selbst denen stand die Mauer jetzt im Weg. So entstand eine neue Bahnpolizei-West. Olaf war dabei, später dann auch Inge. Sie tippte im Büro die Berichte und Anzeigen in die Schreibmaschine.

Ihre freie Zeit verbrachten die Beckers bald im Schrebergarten, obgleich Beton-Genossen dies als kleinbürgerliche Ablenkung vom Klassenkampf verurteilten. Der Garten befand sich auf dem Tempelhofer Bahngelände, genau dort, wo heute der große Ikea-Parkplatz ist.

1970 ereilte sie ein großes Glück: Die Familie konnte aus der Eineinhalbzimmerwohnung umziehen in einen Vierzimmerpalast! Gut, er hatte Ofenheizung, er war schwer renovierbedürftig, und es war nicht so richtig ruhig dort. Das Bahnerwohnhaus befand sich auf einem schmalen Landstück zwischen zwei Bahngleisen in Grunewald. An die Geräuschkulisse gewöhnten sie sich aber schnell. Viel wichtiger: Ein Garten gehörte dazu und große Kellerräume, in denen Olaf die Möbel zimmern konnte. An Neukauf war nicht zu denken; der alte VW Käfer war im Unterhalt teuer genug. Mit ihm sind sie oft nach Kroatien gefahren.

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Dass es dazu kam, ist auch so eine Geschichte: Nachdem sie wegen der Mauer nicht mehr ohne Weiteres Urlaub in der DDR machen konnten, fuhren die Beckers erstmals ins westliche Ausland – naja, nach Dänemark. Das war kalt und teuer. Dann empfahl ihnen jemand Jugoslawien, wo es sogar eine Art Sozialismus gab. Blöderweise aber benötigten sie dafür einen Reisepass, und einen West-Berliner Reisepass gab es nicht. Nur einen bundesdeutschen. So einen zu beantragen – bedeutete das nicht, die Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik anzuerkennen? Das widersprach der Linie der Partei, die sich inzwischen zwar „Sozialistische Einheitspartei Westberlins“ nannte, sich aber ganz und gar auf Ost-Berliner Kurs befand. Die Sache klärte sich, indem man nicht weiter drüber sprach.

Sonst ließen sich die Beckers kaum etwas zu Schulden kommen. Sie schickten ihre Kinder zu den Pionieren und zur FDJ; Mit ihrem Chor fuhren sie nach Westdeutschland und sangen auf Wahlkampfveranstaltungen der DKP.

Den Zusammenbruch von DDR und Sozialismus beobachteten sie natürlich mit Bedauern. Gleichzeitig aber gelangten sie in ein Alter, in dem man die Dinge gelassener betrachtet und sich nicht mehr für alles verantwortlich fühlt. „Irgendwie hatten wir auch genug geleistet. Es hat uns gereicht.“

1990, pünktlich mit dem Ende ihres Arbeitsgebers, gingen Inge und Olaf Becker in Rente. Sie wohnten weiter in ihrem schönen, lauten Bahnerdomizil. Vor zwei Jahren ist Olaf gestorben und jetzt, im März, auch Inge. Bei der Trauerfeier sangen die Freunde ein paar von den alten Kampfliedern.

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