Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Hüsniye Atmaca Foto: privat
© privat

Nachruf auf Hüsniye Atmaca „Bürgermeisterin von Schöneberg“

„Herr, in meine Hände hast du ein Putztuch gegeben, aber bitte leg in die Hände meiner Kinder einen Stift", so betete sie.

Lange weg war sie nie. Sie hätte ihn sonst sehr vermisst, ihren Nollendorfplatz. Mit ihr zügig dort entlangzugehen, war kaum möglich. Zwei Schritte, ein Gespräch, zwei Schritte, das nächste. „Bürgermeisterin von Schöneberg“ nannte eine Freundin sie. Wie eine gute Bürgermeisterin kümmerte sie sich. Hüsniye Atmaca wusste, wenn irgendwo eine Wohnung frei wurde, und wer gerade eine brauchte. Was die Leute in ihrer Gegend umtrieb, merkte sie sich nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Anteilnahme. Sie neigte dazu, die Leben der anderen ein bisschen wichtiger zu nehmen als ihr eigenes. „Sie war immer überall, und deswegen fehlt sie überall“, hat eine ihrer Enkelinnen neulich gesagt.

Hüsniye Atmaca konnte vieles, sie knüpfte Teppiche, sie nähte, häkelte, strickte, sie zauberte aus einfachsten Zutaten ein festliches Mahl. Lesen und schreiben hat sie nicht als Kind in der Schule gelernt, sondern viel später in die Volkshochschule. Yoga hat sie auch gelernt. Klang schließlich ganz interessant.

Schon für ihre elf Geschwister war sie, 1938 genau in deren Mitte geboren, eine Kümmerin gewesen. In Kazanca, einem Dorf ganz im Osten der Türkei wuchs Hüsniye in bescheidenen, aber behüteten Verhältnissen auf. Wie verwurzelt sie dort war, welch große Lücke ihr Weggang in ihrer Seele hinterließ, lässt sich erahnen, als ihre älteste Tochter Fikriye Jahrzehnte später ein kleines Stoffsäckchen auf den Wohnzimmertisch legt. Darin ist Erde aus Kazanca, eingesammelt gleich unter einem Baum, der den Aleviten dort als heilig gilt. Hüsniye Atmaca hat für jedes ihrer fünf Kinder so ein Säckchen befüllt.

Du kannst auch arbeiten!

Im Sommer 1971 folgte sie ihrem Mann Ali nach Deutschland. Er hatte bereits eine Weile bei Siemens gearbeitet. Seit fast zehn Jahren waren die beiden verheiratet, ihre älteste Tochter war zwei. In Berlin bezogen sie eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Nollendorfstraße, Hinterhaus. Unter ihnen wohnte Frau Rüffer, eine ältere Dame, die einen eigenen Laden führte. Sie nahm sich der jungen Mutter aus der Türkei an, als sei es ihre Tochter. Einmal, als Hüsniye Atmaca etwas Überteuertes kaufte, weil ihr das Wissen und die Worte fehlten, lief Frau Rüffer mit ihr zu dem Laden und stellte klar: So geht das nicht! Als eine Fleischerei in der Straße Unterstützung suchte, sagte Frau Rüffer: Du kannst auch arbeiten.

Fortan bereitete Hüsniye Atmaca vor Ladenöffnung die Wursttheke vor, sie knetete Buletten und lernte, wie man deutschen Kartoffelsalat zubereitet. Ihre kleine Tochter wurde unterdessen von der Mutter der Inhaberin betreut; die passte sowieso schon auf ihren Enkel auf. So lernten Mutter und Tochter ihre ersten Worte Deutsch.

Und zuhause kam bald deutsche Wurst auf den Tisch. „Wir probieren das“, entschied Hüsniye Atmaca. Warum nach Unterschieden suchen, wenn es so viel Verbindendes gibt? Hüsniye Atmaca kochte Aeure, eine süße Suppe, und verteilte sie an Nachbarn rundum. So war es Tradition in ihrer Heimat. Gönnte sie sich selbst etwas, hatte auch das meist mit feinem Essen zu tun. Das schicke Kuchenessen mit den Freundinnen bei Karstadt am Ku‘damm wurde zum festen Ritual.

Hüsniye Atmaca war Alevitin. In der Berliner Gemeinde fand sie schnell Anschluss; ihr Mann hatte schon im Wohnheim Bekanntschaften geschlossen. An den Wochenenden besuchte man einander, stundenlang bereiteten die Frauen gemeinsam aufwändige Gerichte zu und tauschten beim Befüllen der Weinblätter sämtliche Neuigkeiten aus. Dann saßen sie um den Philips-Kassettenrekorder und hörten die Nachrichten der Verwandten aus den türkischen Dörfern. Die kamen per Post nach Berlin und wurden gehütet wie Schätze. Manchmal waren auch Geschenke in den Paketen, Heliz otu zum Beispiel, ein Kraut, kostbar wie Trüffel. Das war wie die Madeleine bei Marcel Proust, eine tiefe Erinnerung an die Kindheit.

Ihrem Mann verzieh sie viel

Nach ein paar Jahren in ihrem Job in der Fleischerei begann Hüsniye Atmaca als Reinigungskraft zu arbeiten, unter anderem im Studentenwohnheim am Nollendorfplatz. Oft fing sie schon um sechs an und kam erst spät am Nachmittag nach Hause.

1972 wurde ihre zweite Tochter geboren, ’76 die dritte, ’78 die vierte, ’79 schließlich ein Sohn. Im Rahmen eines Projekts über Gastarbeiterinnen erzählte sie vor Jahren von einem Gebet, das sie am Ende eines anstrengenden Tages sprach: „Herr, in meine Hände hast du ein Putztuch gegeben, aber bitte leg in die Hände meiner Kinder einen Stift.“ Dass sie sich um die Kinder weitgehend allein kümmern musste, verzieh sie ihrem Mann, der frühverrentet einen Großteil des Jahres in der Türkei verbrachte. Dort hatten die beiden einen Olivenhain gekauft. Sie verzieh ihm auch sonst viel, vermisste ihn – und blieb doch lieber in Berlin bei ihren Freundinnen, den Kindern, Enkelkindern. Anfang der 90er bekam sie ihren deutschen Pass.

Dass die älteste Tochter in der Grundschule den katholischen Religionsunterricht besuchen sollte und wollte, störte Hüsniye Atmaca nicht. Als Fikriye in der Kirche am Abendmahl teilnehmen durfte, kam die Mutter dazu und schaute sich alles an. Genauso, als das Kind beschloss, Mitglied im Turnverein zu werden. Schließlich begleitete sie die Tochter stolz zu ihren Wettkämpfen.

Einmal in der Woche war Waschtag und alle Kinder wurden gründlich geschrubbt, entweder zu Hause im Plastiktrog oder im Stadtbad Schöneberg, in dem stundenweise Badewannen gemietet werden konnten.

Es ist erstaunlich, aber Zeit für ihre türkischen Freundinnen hatte sie auch. Auf den ausladenden Bänken am Nollendorfplatz tranken sie Tee. Als die Bänke abgebaut wurden, kümmerte sie sich um einen Ersatzort, ein Hinterzimmer der Mieterberatung. Fast täglich trafen sie sich dort, oft bis Mitternacht.

Den ersten Herzinfarkt hatte sie schon hinter sich, als ihr Mann Ali im Januar 2019 starb. Es folgte der zweite. Sie wünschte sich, in ihrer Wohnung am Nollendorfplatz zu bleiben. Als sie sich zur täglichen Telefonkonferenz mit den Kindern nicht einwählte, fuhren die zu ihr und brachen die Wohnungstür auf. Kurz währte die Erholung vom Schlaganfall, aber unbeweglich im Bett zu liegen, das passte einfach nicht zu ihr.

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite