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Herbert Hildebrandt Foto: privat
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Nachruf auf Herbert Hildebrandt „Zu mir, liebe Soprane!“

Als ein Stück Weltpolitik aus Beton den Dom von seinem Chor und die Orgel von ihrer Organistin trennte, erklärte er sich umgehend für zuständig.

Die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens traf er im Alter von neun Jahren. Ende Januar 1945 hatte die Rote Armee Königsberg fast ganz umschlossen, nur der Weg zum Hafen Pillau sowie ein schmaler Landkorridor nach Natangen und Ermland waren noch offen. Dort stand die 4. Armee der Wehrmacht. 48.000 Mann gegen eine Viertelmillion sowjetischer Soldaten.

Bis zuletzt hatte Gauleiter Koch Flucht zum Verrat an Führer und Vaterland erklärt, jetzt saßen die Königsberger in der Falle, auch die Familie des Pfarrers Helmut Hildebrandt von der Ponarther Kirche. Fliehen, jetzt noch, oder tapfer auf das Ende warten? Fragen wie diese kann man nur gemeinsam entscheiden, doch der Pfarrer war an der Front. Also blickte Mutter Erna auf ihren Sohn Herbert, das älteste der drei Kinder, als sei er das Mundstück Gottes. Seinem Ratschluss würde sie folgen. Der Neunjährige spürte das Schicksal der ganzen Familie auf seinen schmalen Jungenschultern. Er  konnte die Last der Entscheidung nur mit einem teilen: mit dem Herrn selber. Und er sprach, mit seiner festeten Stimme: Wir gehen!

Als im April die Schlacht um Königsberg begann, waren noch immer 130 000 Zivilisten in der Stadt. Die Mutter, Herbert, Johannes, Jörg und ein blinder Organist aber zogen durch die eisige Januarkälte des Jahres 1945. Sie hatten nur eine Hoffnung: das Flüchtlingsschiff in Gotenhafen. Das würde sie retten. Wenn sie es nur noch erreichten, wenn sie rechtzeitig in Gotenhafen wären. Und dann die unendliche Erleichterung, als die den großen Dampfer im Hafen erblickten, die "Wilhelm Gustloff". Der Platz davor war schwarz vor Menschen, und alle hatten nur ein Ziel: Auch noch über diese schmale Brücke an Bord zu gelangen, in Sicherheit. Und sie rückten voran, Stunde um Stunde. Schließlich waren nur noch zehn, zwanzig Menschen vor ihnen. Längst wurden die Passagiere der "Wilhelm Gustloff" nicht mehr registriert. 7.956 Menschen wurden erfasst, doch dann drängten noch ungefähr 2.500 weitere nach. Bis heute kennt niemand die genauen Zahlen. Herbert Hildebrandt und seine Geschwister werden nie vergessen, was dann geschah. Plötzlich kam niemand mehr an Bord, unmittelbar vor ihnen war Schluss, die "Wilhelm Gustloff" legte ab. Es war der 30. Januar 1945.

Durfte er noch immer singen "Nun danket alle Gott"?

Wie konnte Gott das zulassen? Fast schon gerettet und doch zurückgewiesen im letzten Augenblick. Oder sollte man richtiger sagen: Zurückgewiesen im letzten Augenblick und doch fast schon gerettet? Die "Wilhelm Gustloff" sank am Abend des gleichen Tages mit mehr als 10.000 Menschen an Bord, getroffen von drei sowjetischen Torpedos. Die wenigsten konnten gerettet werden. Dies, nicht der Untergang der "Titanic" war das größte Schiffsunglück der Menschheitsgeschichte.

Wie soll das Bewusstsein eines Neunjährigen das begreifen? Durfte er noch immer singen "Nun danket alle Gott!", diese Ergebungs- und Huldigungslieder, die seine Kindheit durchklangen? Die Hildebrandts waren eine Familie, gewiss, aber waren sie nicht zugleich ein Chor, ein kleines Orchester? Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, hat Friedrich Nietzsche gesagt. Herbert Hildebrandt wird es nie anders denken können.

Gott spricht durch seine Taten, durch seine Worte? Gewiss, das auch. Aber für ihn sprach er schon damals vor allem durch Noten. Ist ein Bach-Choral denn nicht ein gespielter Unsterblichkeits-Beweis?

"Nun danket alle Gott!" Viel später, nur zwei Monate nach dem Bau der Berliner Mauer, die den Dom plötzlich vom größten Teil seines Chores trennen sollte, wird er eben diesen Choral anstimmen lassen, die Mendelssohn-Vertonung. Ein die Situation etwas verkennendes Liedgut, dürfte man meinen. Aber Hildebrandt und seine Sänger sehen das anders: Wir überstehen! Welche Mauer teilt einen Bach- oder Mendelssohn-Choral?  

Es dauerte lange, bis sie in Berlin ankamen, fünf Jahre, bis der Junge wieder richtig zur Schule ging. Umso erschrockener waren seine Eltern, als er ihnen erklärte, er könne den Besuch dieser notenfernen Institution leider nicht fortsetzen. Er müsse nach Halle, dort werde er Kirchenmusik studieren, sein Beschluss sei unumkehrbar.

Ist der Mensch nicht selbst ein Grenzfall?

Auch der Vater hatte überlebt. Der einstige Pfarrer der Ponarther Kirche von Königsberg predigte nun auf nicht minder verlorenem Posten, nämlich direkt auf der Sektorengrenze an der Bernauer Straße. Dort stand die Versöhnungskirche. Als Hildebrandt aus Halle zurückkam, wurde er Organist und Kantor an der Kirche seines Vaters. Die Lage der Versöhnungskirche schien ihm überaus passend für ein Gotteshaus. Ist der Mensch nicht selbst ein Grenzfall, ein Wesen zwischen Himmel und Hölle, alle Möglichkeiten des Höchsten und des Niedersten in sich tragend? Kein Zweifel, die Versöhnungskirche stand - symbolisch - genau richtig. Doch nach dem 13. August 1961 ergab sich eine schwerwiegende irdische Komplikation: Das Gotteshaus war nun nicht länger zugänglich, es stand im Todesstreifen.

Nicht allein die Versöhnungskirche traf der Mauerbau schwer. Der schwer zerstörte Berliner Dom befand sich im Osten, der Staats- und Domchor aber im Westen. Metaphysisch obdachlos war der 26jährige Kantor und Organist Herbert Hildebrandt noch nie, aber jäh getrennt von seiner Orgel, seiner Kirche, fühlte er doch etwas Vergleichbares. Wie wohl auch die Westberliner Organistin des Domes Ute Fischer. Ein Stück Weltpolitik aus Beton stand fortan zwischen ihr und ihrem Instrument. Der Dom besaß nicht nur keinen Chor mehr, auch seine Orgel war verwaist. Hildebrandt erklärte sich umgehend für zuständig. Und der Chor? 

Er war kein Auftrittsmensch, niemand, der gern vor anderen stand statt unter ihnen. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er rief alle verwaisten Choristen im Osten der Stadt zusammen, und da sangen sie, nur wenige Wochen nach dem Mauerbau diesen merkwürdig kontrafaktischen Choral: "Nun danket alle Gott!" Es war der 16. Oktober 1961 im Jugendraum des weitgehend zerstörten Domes. Und es war der Anfang einer einzigartigen Institution, der Berliner Domkantorei.

Ein höchst anspruchsvoller akustischer Raum

40 Jahre lang würde Herbert Hildebrandt sie leiten. Die Imperative dieser Tätigkeit ließen sich vielleicht so formulieren: Wir singen nicht für uns, und schon gar nicht, weil wir so schöne Stimmen haben. Wir singen nicht für den Beifall oder dass man uns bewundere! Wir singen nicht einmal fürs Publikum. Ein Publikum passt in keine Kirche. Wir singen mit Hilfe des Heiligen Geistes direkt in Gottes Ohr. Und der wiederum hört ausschließlich durch die Ohren derer, die unser Gesang ergreift. Das ist ein komplizierter und höchst anspruchsvoller akustischer Raum.

Und der schuf sich seinen Mann. Natürlich war die Domkantorei ein Chor von lauter Laien, aber dieser Umstand verlieh ihnen noch lange kein Recht, wie Laien zu singen. Zumindest nicht in den Augen, nein, Ohren Hildebrandts. Jeder Chorleiter ist eine Art Wiedergänger Gottes, er teilt mit ihm sogar dessen Attribute. Er ist allwissend, schließlich hatte Hildebrandt die Partituren meist selbst abgeschrieben, niemand kannte sie besser. Er ist allmächtig, er duldete keine anderen Götter neben der Musik, zumindest nicht während der Chorprobe. "Schauen Sie doch nur einmal zu mir, liebe Soprane! Das macht mich nicht verlegen, ich bin beruflich hier." Seine Blicke konnten strafen, seine Worte auch: "Wenn Sie diesen Ton nicht ansummen können, gehen Sie in den Alt oder in den Malzirkel." Doch diese Strenge, diese Allmacht täuschten nicht über die Allgüte des Chorleiters. Konnte sich jemand mehr freuen als er über einen richtig getroffenen und gehaltenen Ton?

Herbert Hildebrandt verdiente gerade in den Anfangsjahren fast kein Geld, aber das störte ihn nicht: Ich brauche doch fast nichts!, sagte er. Seine Frau seufzte. Anfangs wurden immerhin noch Eintrittskarten für die Konzerte verkauft, aber als Hildebrandt 1967 eigene Telemann-Tage der Domkantorei veranstaltete, sah der Staat sein Gedenkmonopol grob und vorsätzlich missachtet. Was glaubte dieser obskurantische Kirchenchor wohl, wer er ist? Künftig durfte er keine Plakatwerbung mehr machen und musste ausschließlich für die Kollekte am Ausgang singen.

Herbert Hildebrandts Frau war Ärztin und ertrug die DDR nur schwer, die sie als Gefängnis empfand, aber mit ihrem Mann konnte sie über diese Dinge kaum vernünftig sprechen. Er lebte nicht in der DDR, er lebte in der Musik. Und wie heißt es doch in Bachs Johannespassion: "Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen." 

Wenn wir doch einen Unfall hätten!

Ein Chor, jeder Chorsänger weiß das, ist nicht ganz von dieser Welt. Genau dieser ortlose Ort war der einzige, an dem Herbert Hildebrandt sich wirklich aufhielt. Auch seine drei Söhne sollten hier Heimatrechte erwerben, jeder lernte ein Instrument. Der Jüngste lernte Geige. Er fürchtete sich vor jeder Geigenstunde, er gehörte nie zu den Guten. Alle Jungen aus seiner Klasse, für die die Mädchen sich interessierten, spielten Fußball, nicht Geige. An seine letzte Geigenstunde kann sich Stephan Hildebrandt noch sehr gut erinnern: Wenn wir doch einen Unfall hätten!, wünschte der Sohn auf dem Rücksitz des Wagens seiner Eltern, dann müsste ich da nicht hin. Sie hatten den Unfall, zwei Querstraßen vor der Musikschule. Der fehlbare Violinschüler gestand seine ideelle Mitschuld an diesem Vorkommnis. Kantor Herbert Hildebrandt, nun doppelt erschüttert, begann zu ahnen, dass der Herr seinen Sohn nicht zum Geigenspiel berufen hatte. Es war der Beginn einer beachtlichen Fußballlaufbahn. Und Herbert Hildebrandt würde sich immer Mühe geben, sich die aktuelle Tor- und Punktezahl des Vereins seines Sohnes zu merken und sogar die Spielregeln.

Man sollte niemandem immer die gleichen Lieder vorsingen. Auch darum versuchte Herbert Hildebrandt stets, den Herrn zu überraschen. Tagelang saß er in der Staatsbibiothek und kopierte per Hand seltene Noten, in kalligraphischer Genauigkeit. Er trieb ausgedehnte Studien zum Genfer Psalter, den er gerade wegen seiner Einfachheit liebte. Bach liebte er mehr wegen seiner Kompliziertheit. Aber ausrechenbar war er nie: "Hier auf Erden ist das Schönste Bach. Aber im Himmel spielen sie Mozart!", lautete eine seiner Gewissheiten. Der Kantor, seit 1974 Kirchenmusikdirektor,  komponierte auch selber, wehrte sich aber entschieden, wenn jemand versuchte, ihn als Komponisten zu bezeichnen. Er kannte den Unterschied genau: "Ein richtiger Komponist wacht nachts von einem musikalischen Einfall auf und hält diesen notfalls mit einem Bleistiftstummel auf Klopapier fest. Das tue ich nicht."

Seine Frau und seine Kinder akzeptierten, dass ihre große kircheneigene Wohnung in der Schönhauser Allee eigentlich eine Notenvervielfältigungswerkstatt war. Fotokopierer kannte noch niemand, und Noten für einen ganzen Chor waren unbezahlbar. Es kostete unendliche Mühe, per Hand die Matrizen für das Ormeg-Gerät herzustellen, aber durfte er darum, wegen allzu irdischer Bequemlichkeit, Partituren mehrchöriger Werke meiden?

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Die Domkantorei unter Herbert Hildebrandt: Für viele wurde sie zu dem Ort, an dem sie den tieferen Grund  ihrer Anwesenheit auf Erden begriffen. In manchen Augenblicken, gerade beim Singen, schien ihnen das Dasein plötzlich gerechtfertigt. Ein Chor als Heimat. Und das änderte sich auch nicht, als die Wende kam.

Noch in den 80er Jahren hatte die DDR die Versöhnungskirche im Mauerstreifen sprengen lassen. Aber jetzt! Anbruch des Reiches der Freiheit? Für Hildebrandt war es mehr ein Gestaltwandel der Gottesferne. Und er musste nun immer öfter auf eine seiner besten Chorsängerinnen verzichten. Sein Bruder Jörg und dessen Frau Regine hatten von Anfang an mitgesungen, aber was sollte die Brandenburgische Arbeits- und Sozialministerin bei Terminabsprachen sagen: "Da kann ich nicht, da habe ich Chorprobe"?

Im Jahr 2003, nach 42 Jahren gab er die Leitung der Domkantorei ab, er spielte fortan in kleineren Kirchen Orgel und leitete Chöre. Zuletzt am dritten Advent des vorigen Jahres in der Dorfkirche von Ihlow, Brandenburg. Freunde erlebten die wohlvertraute Verwandlung eines sehr zurückhaltenden Menschen in eine vulkanische Existenzform. Seine Prostata-Operation lag kaum zwei Wochen zurück, wahrscheinlich hatte er ihr überhaupt nur um der Musik willen zugestimmt. Damit die Orgeln ihren Organisten nicht verlören, und die Chöre nicht ihren Leiter.       

Er wohnte nun bei seinem jüngsten Sohn, dem Fußballer, nunmehr Manager beim  HSV. "Kopf hoch, August!", sagten sie zueinander an nicht ganz so leichten Tagen. Mit einem "Kopf hoch, August!", hatte der Sohn soeben das Zimmer seines Vaters verlassen, als er einen dumpfen Sturz hörte. Der Kantor lag reglos am Boden. Es war ein Schlaganfall. Tage später umstanden Sänger der Domkantorei ein Bett auf der Intensivstation des Krankenhauses Marzahn. Wahrscheinlich kam dem medizinischen Personal das Liedgut etwas deplatziert vor, sie sangen: "Ich lag in tiefster Todesnacht" von Paul Gerhardt. Sie wussten, er würde es noch hören, irgendwie, und es würde ihn trösten. Die Musik ist die Kunst der Tröstung schlechthin, vielleicht ist sie nichts anderes.

Über die Einrichtung des Himmels weiß man noch immer sehr wenig, nur eins gilt allen Sachverständigen als zweifelsfrei: Er ist die Heimat aller Chöre.

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