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Henrik Jordan Foto: Halina Schramm
© Halina Schramm

Nachruf auf Henrik Jordan Was tun im Leben?

Schon früh hatte er wie Dorian Gray einen einfachen Geschmack: nur das Beste, beim Essen, beim Trinken, in der Liebe. Doch welcher Traum währt schon für immer?

Es ist die Geschichte von Dorian Gray, des größten aller Dandys, der sein Leben so leichtsinnig, so unbeschwert lebte, als gäbe es nie einen Tag des Gerichts. Dieser letzte Gang vor den Spiegel, die Frage an sich selbst, die keiner der Freunde ihm zu stellen gewagt hatte: Was ist nur aus dir geworden?

Es ist Henriks Geschichte, der ein Liebling aller war, in der Wiege von der Glücksfee geküsst, und auch diese Geschichte geht traurig aus, nicht, weil er ein schlechter Mensch war, sondern ein selbstvergessener, ein Kind bis zuletzt, verspielt, ängstlich, voll Liebe und immer auf ein gutes Ende hoffend.

Sein Vater hatte das auch, dieses Verspielte, damit trieb er seine Familie in den Ruin, als er drei Mietshäuser beim Pokern verzockte. Das Vermögen war dahin, die Mutter litt schwer darunter, sie hatte ein so frohes unbekümmertes Wesen, aber das schwand, je größer die Sorgen wurden, die Liebe zu ihrem Mann hingegen, die schwand nie. Rosemarie und Horst, die Anwältin und der Antiquitätenhändler, eine ungleiche Paarung, die anfangs so glücklich schien.

In den 70er Jahren zogen die beiden aus Berlin weg und kauften einen Bauernhof in der Lüneburger Heide, ein Leben, ruhig in der Natur. Horst fuhr viel über Land, suchte die Bauernhöfe nach verborgenen Schätzen ab und trug eine der größten Sammlungen alten Spielzeugs in Deutschland zusammen. In Lüneburg sollte dafür eigens ein Museum entstehen, aber der Plan zerschlug sich, und so war es bald wieder vorbei mit dem kleinen Bullerbüglück. Das für Henrik ohnehin gar keins gewesen war, denn er hatte das Dorfleben von Anfang an gehasst. Er war ein Stadtkind und überglücklich, als die Familie nach Berlin zurückkehrte und das große alte Haus in der Nähe des Mexikoplatzes bezog, seine Villa Kunterbunt. Die Großeltern mütterlicherseits zogen mit ein, später noch zwei Tanten, Onkel Klaus, die Chihuahuas Donald und Daisy und die Schäferhündin Asta. Hinten im Garten standen die Hasenställe, und davor patrouillierte die Katze Pussy.

Das Kino - Schule des Lebens

Der kleine Prinz, von der Mutter „Goldhase“ genannt, Henrik also, hatte im Souterrain des Hauses sein Reich, mit separatem Eingang, den die Großeltern nicht allzu oft benutzten, denn sie scheuten vor den nackten Frauen an den Wänden zurück. Henrik hatte sie aus der Zeitschrift „Konkret“ ausgeschnitten, weil er ausgezogene Frauen noch viel schöner fand als angezogene.

Die Eltern feierten Feste bei jedem Anlass, und Henrik lernte früh, wie sich aus der riesigen Plattensammlung immer genau die Scheiben herausfinden ließen, die alle zum Tanzen brachten. Der Vater hortete Kunstschätze aus aller Herren Länder, Aladins Höhle, aus der die Mutter Henrik bereits in jungen Jahren ins Kino entführte, das für ihn die eigentliche Schule des Lebens wurde. Im Delphi-Filmpalast traf er Lawrence von Arabien, der ihm die Augen öffnete für den Zauber des großen Auftritts. Den eleganteren, weil besser sitzenden Anzug allerdings trug schon damals ein anderer, ein Gentleman und Abenteurer, der fortan ganz allein Henriks Erziehung übernehmen sollte: ein gewisser Mr. Bond, James Bond.

Henrik sah im Laufe der Jahre all seine Filme, wieder und wieder, er hat eine Collectors Edition der Soundtracks angelegt, eigene Cover zu jedem Stück entworfen, er hat mit Freunden nächtelang die wechselnden Hauptdarsteller diskutiert, die besten Bond-Girls prämiert, er hat den Tod Roger Moores beweint und mehr noch den von Sean Connery. Und er hat nie, niemals geduldet, das diese Liebe zum Agenten seiner Majestät durch Ironie in Frage gestellt wird.

So früh im Leben einen so starken Freund zu gewinnen, hat ihm lebenslang Rückhalt verliehen und eine Selbstsicherheit, die selten überheblich wirkte, weil sie angeboren schien. Henrik war verwöhnt, ein wenig verzogen, unglaublich lässig, und er hatte wie Dorian Gray schon in jungen Jahren einen ganz einfachen Geschmack: nur das Beste, beim Essen, beim Trinken, in der Liebe.

Das Schicksal zeigt seine kalte Schulter

Der Selbstmord eines Schulfreundes riß ihn früh aus diesem Traum ewigen Glücks. Das Schicksal zeigte erstmals seine kalte Schulter. Bis dahin hatte noch nie jemand gewagt, Henrik Widerworte zu geben. Die Eltern hielten Erziehung für überflüssig, angesichts der Liebe, die sie für ihn empfanden. Die Lehrer waren für ihn unschön gekleidete Angestellte einer pädagogischen Anstalt, die er mehr als Begegnungstätte denn als Fortbildungsinstitut wahrnahm. Niemand hatte ihm bis dahin Angst gemacht, nun war da plötzlich der Schatten des Todes, den selbst ein Glückskind wie er nicht einfach so mit lässiger Handbewegung beseite wischen konnte.

Was tun im Leben? Für Arbeit ist es eindeutig zu kurz, fürs Vergnügen, wenn man es geschickt anstellt, in etwa ausreichend. Henrik hatte viele Talente, und er empfand keineswegs die Qual, sich entscheiden zu müssen. Er schrieb sich zunächst an der Hochschule der Künste ein, was ihm auf Dauer zu verpflichtend erschien. Er ließ sich im Berliner Lette Verein zum Fotografen ausbilden, aber nur solange, wie es ihm nötig schien, genau die Kunst zu machen, die er liebte. Er konnte wunderbar fotografieren, und er hatte sehr schöne Kameras, aber vor allem hatte er einen Blick dafür, was er sich in Zukunft an Begegnungen erhoffte.

Er ging alles ganz unbeschwert an. Geld war ja da, zunächst, die Familie besaß noch die Häuser, in einem davon richtete sich Henrik eine Atelierwohung ein. Aus der er dann vertrieben wurde, als sein Vater beim Kartenspiel alles verlor, die Häuser, das Vermögen, und vor allem den Respekt seines Sohnes. Sinnlos, dieser Ruin, so sinnlos, dass allein der Gedanke daran wahnsinnig machen konnte. Der Vater zog sich später nach Görlitz zurück, die beiden kamen nicht mehr zueinander, aber Henriks Bild stand bis zuletzt in seinem Zimmer. Die Mutter begann nach dem Ruin zu kränkeln, starb viel zu jung, ein Tod, der Henrik das Herz brach, weil er sich vom Leben eine solche Enttäuschung niemals erwartet hätte.

Dieser Schmerz blieb, auch wenn er ihn nur sehr wenige Menschen spüren ließ. Denn das Leben sollte ein Fest sein, so wie seine Mutter es gern gefeiert hätte, und Henrik wurde der Gastgeber, den sie sich immer gewünscht hatte. Er bezog eine große Wohnung, in der jedes Stück ein wenig von dem Zauber ausstrahlte, der einst Aladins Höhle erleuchtet hatte. Nur musste er seine Schätze nicht für teuer Geld erkaufen, er fand sie, wo immer er langging, auf dem Trödel oder achtlos abgelegt in den Straßen.

„Keine Termine und leicht einen sitzen.“

Im blutroten Salon versammelte er regelmäßig seine Freunde, silbernes Besteck, altes Porzellan, feine Speisen und ausreichend Getränke, denn er mochte es sehr, wenn der kleine Schwips zu regen Gesprächen animierte. Nichts hilft leichter über die Stolperstufen des Schicksals hinweg und färbt den Sonnenaufgang schöner als ein Gläschen Rosé. Er pokerte gern, in den Nächten, aber nie um größere Beträge, vor allem aber legte er Wert darauf, den Tag nicht allzu früh zu beginnen, um von den Göttern nicht für übermäßigen Ehrgeiz gestraft zu werden. Und so blieb er bis zum Mittag meist im Morgenmantel, wartete bei Espresso, Croissant und Zeitung, ob der neue Tag sich gut anfühlte und prostete ihm dann zu. „Meine Definition von Glück?“ Die hatte er sich bei Harald Juhnke geborgt: „Keine Termine und leicht einen sitzen.“

Wenn er dann abends ausging, achtete er sorgsam darauf, dass die Sonnenbrille akkurat saß, denn seine blauen Augen machten andere sehr schnell sentimental, insbesondere Frauen. Seine großen, weichen Lippen ließen Männer wie Frauen sofort ans Küssen denken, seine schönen Hände verlangten nach Berührung, immerfort, und der Spielzeugflamingo, den er zuweilen unter dem Arm trug, erinnerte daran, dass im Leben vor allem eins wichtig war: Party. All night long.

Er war der beste DJ der Stadt, und selbst wenn es bessere geben mochte, die Stimmung, die er auf die Tanzfläche zauberte, konnte kaum euphorischer sein, denn sie packte alle. Weil er keinen Unterschied machte. Alle waren seine Gäste. Alle sollten glücklich sein. Und wenn einer ankam auf der Schlussparty der Berlinale und bat: „Spiel doch mal ’ne Bob Dylan Nummer“, dann spielte er die, wenn auch nichts im Wind Säuselndes, sondern „Like a Rolling Stone“.

Last night a D. J. saved my life!

Das sprach sich herum, dieser Groove ohne Attitüde, und die Fee erinnerte sich wieder seiner, und erfüllte ihm einen ihrer und seiner schönsten Träume, er durfte für Martin Gore auflegen, bei dessen Geburtstagsparty, Depeche Mode, die Band, bespielt von ihm als DJ. Und weiter ging es in den „Schleusenkrug“ als „DJ Doctor Plesman“, und wenn die Nächte so lang wurden und der Reichtum der Zeit so unerschöpflich, dann war das Universum ganz universal Musik, und ganz nah waren ihm alle, die sonst einsam als Trabanten durchs kalte All des Alltags trudelten: Last night a D. J. saved my life!

Mit ihm musste man nicht verreisen. Er war die Reise. Peter Pan lud nach Neverland. Das lief sehr lange sehr gut. Jeder Tag brachte Geschenke, warum also nicht von Tag zu Tag leben. Zumal die Miete monatlich abgerechnet wird – was er hin und wieder vergaß, unglücklicherweise ein Mal zu oft. So verlor er seine schöne große Wohnung. Mehrfach wechselte er ab da seine Unterkunft, wohnte bei Freunden, teilte sich eine Wohnung mit einem Freund, war Untermieter, hütete die Katzen von Bekannten, die verreist waren. Er fand immer sofort eine Beziehung zu den Tieren, schenkte ihnen gern Aufmerksamkeit.

Bei Frauen gab er sich nicht ganz so viel Mühe, was das Flirten anging schon, aber nicht, was die Festigung der Beziehung betraf. Serielle Amouren aller Art, von strapaziös bis belanglos, von nett bis herzzerreißend. Aber es ist nicht unbedingt hilfreich für die Liebe, wenn man zu viele Frauen liebt. Mehr als zwei Jahre dauerte das Glück selten, denn wenn er wirklich gebraucht wurde, war er auf gar keinen Fall da. Was so natürlich nicht ganz stimmen kann, aber doch wahr ist, denn die letzte Verbindlichkeit scheute er, zumindest bei Frauen.

Seine Familie waren seine Freunde, er wollte keine Kinder, er wollte keine Verantwortung, er wollte der sein, der er war, der Liebling aller. So viele Menschen bezeichnen ihn als ihren Freund, und das Seltsame: Es ist nicht gelogen. Er gab jedem das Gefühl, besonders zu sein, ließ viele wohltuend nah an sich heran, weil er herzlich war, und die Herzlichkeit bei anderen mochte. Sich selbst verlor er dabei ein wenig aus dem Blick. Und dann kam Corona, die böse Fee, Schlimmeres hätte sie sich nicht ausdenken können. Das Volk der Feiernden wurde in einen komatösen Dornröschenschlaf versetzt, und kein Prinz weit und breit brachte Rettung.

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Henrik begann zu frösteln. Plötzlich spürte er die Kälte um sich herum. Er war allein unter vielen. Kein schönes Erwachen. Die Liebe aller ersetzt nicht die Liebe des einen Menschen, der dich auffängt, noch bevor du fällst. Da half es auch nicht mehr, stundenlang in der Badewanne zu liegen und die Badeente zum Plantschduell herauszufordern. Er wurde krank. Die dicken Beine, ach, die kommen vom vielen Baden, wiegelte er ab. Der Husten, das Fieber, die Abgeschlagenheit, ein kleiner Schnupfen: ist ohne Arzt nach sieben Tag vorbei und mit Arzt nach einer Woche.

Er hatte große Angst vor Ärzten, und mehr noch vor ihren Rechnungen, denn er war nicht versichert. Wozu auch, was er als Treibstoff brauchte, gab es ohnehin nicht auf Rezept. „Der Morgen stirbt nie“, es war noch immer gut gegangen, aber diesmal ging es zu Ende. Plötzlich war sie da, die Zeit zu sterben, sehr ungelegen kam der Tod. „No Time to Die“, der neue Bond, die Premiere war wieder und wieder verschoben worden. Das konnte selbst die böse Fee sich nicht gewünscht haben, dass er diesen Filmstart verpassen würde. Die Enttäuschung ließ sein Herz noch wilder pochen.

Die Freunde waren da, als es zu Ende ging, sie brachten ihn ins Krankenhaus. Es war ihm sehr wichtig, gut angezogen zu sein, also haben sie ihm ins Sakko geholfen. Er wollte seinen Schal umwerfen und seinen Mantel bei sich tragen. Kurz noch den Schreibtisch ordnen und den Computer ausschalten. Eine letzte Nachricht senden: „Danke euch allen!!!!! Ihr habt alles richtig gemacht und ich bin leider ein sturer alter Idiot. Ihr seid super! Big Love!“ Am Silvestermorgen war er tot.

Im Grab seiner Mutter wird er bestattet. So viel Applaus von Freunden für ein Leben wird es selten gegeben haben. So viel Trauer. So viel Freude über seine Ankunft im elysischen Astra-Filmpalast. Ein himmlisches Quantum Trost. Premiere des neuen Bonds. Miss Moneypenny dirigiert den Chor der gebrochenen Herzen, und das Solo zur Begrüßung, das singt keine andere als Nancy Sinatra: „You only live twice.“

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