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Helmuth Hanle Foto: privat
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Nachruf auf Helmuth Hanle Jeder Tag ein Geschenk

Er grub die Urne seines Freundes aus, holte sie nach Berlin und dachte, er würde auch bald sterben. Doch er starb nicht.

Der Mann war ein drogenabhängiger Obdachloser, einer von vielen am Kottbusser Tor. Helmuth nahm ihn mit, setzte ihn in die Badewanne, gab ihm zu essen und ließ ihn bei sich schlafen, viele Nächte lang. Er redete mit ihm über die Drogen und kümmerte sich sogar um einen Therapieplatz. Doch dann war der Mann verschwunden. War Helmuth enttäuscht? Bestimmt. Hörte er auf zu helfen? Nein.

Da war der Junge aus einem Land in Afrika, dessen Ziehvaterschaft er übernommen hatte. Helmuth besuchte ihn im Heim, unternahm Ausflüge, versuchte zu helfen, auch finanziell. Oder der junge Mann aus Syrien, den er bei der Aufenthaltsgenehmigung half. Dann hörte er von den vergessenen Schwulen, die im KZ Ravensbrück eingesperrt, gefoltert und getötet worden waren. Helmuth tat sich mit anderen zusammen, sie sammelten und veröffentlichten die Lebensgeschichten dieser Männer, organisierten Gedenkaktionen.

Dass er schwul war, hat Helmuth lange vor seinem Vater geheim gehalten. Als er es ihm sagte, weinte der Vater, enttäuscht. Das Verhältnis war für Jahrzehnte zerrüttet. Erst ganz zuletzt, als der Vater dement wurde, löste sich seine Härte. Sie feierten Silvester miteinander, Helmuth war an seiner Seite als der Vater starb.

Schuhfabrikant war er gewesen. Besaß einen alten Mercedes für den Ort und einen Jaguar für die Autobahn. Schwieberdingen, Schwabenland, Haus mit Garten, drei Geschwister und eine liebevolle Mutter. Grundsätzlich war es eine gute Kindheit, mit Swimmingpool und eigenem Pony. Wenn der Vater seine erzieherischen Ansprachen hielt, schaute Helmuth auf ein Wandbild mit einem See und träumte sich hinfort. Aber die Familie war wichtig, er rief an, Weihnachten war er immer da, besuchte seine alte Tante, wurde Pate von zwei Nichten.

Die Insel erwies sich als die weite Welt

Er leistete Zivildienst mit schwierigen Jugendlichen, die sich ihm anvertrauten. Trotzdem entschied er sich für ein Architekturstudium, die Vergabestelle sandte ihn nach Berlin. Die Insel erwies sich als die weite Welt: Ausstellungen, Konzerte, Clubs, die Lust und die Liebe! Helmuth war neugierig und unerschrocken. Interessierte ihn jemand, sprach er ihn an. Seine Freunde fand er im Studium, in der Szene, in der Nachbarschaft. Häufig blieben sie Freunde fürs Leben. Mark, ein Steward aus Schottland, war Helmuths erste große Liebe.

Beide infizierten sich mit HIV. Bei Mark brach die Krankheit aus, bei Helmuth nicht. Er blieb an Marks Seite. Am Ende, lange vor Corona, lag Mark im Krankenhaus, in Quarantäne, keiner durfte zu ihm, die Pfleger trugen Masken. Anfang der 1990er war das, so ging man damals mit der Krankheit um. Als Mark starb, holte ihn seine Familie nach Schottland zurück. Zur Beerdigung war Helmuth nicht eingeladen. Er fuhr trotzdem hin, schaute aus der Ferne zu und grub in der Nacht die Urne aus. In Berlin beerdigte er den Geliebten ein zweites Mal, gestaltete das Grab mit Baum, Vogeltränke und Grabstein. Ein Grab für Mark und für sich selbst, wenn er dann auch bald sterben würde.

Doch Helmuth starb nicht. Mehr noch, jeder Tag war ein Geschenk, eine Möglichkeit, die genutzt werden musste. Für seine Abschlussarbeit entwarf er das Modell eines buddhistischen Klosters. Schlicht, funktional und ohne Schnörkel. Er reiste nach Japan, lernte und arbeitete dort, war fasziniert davon, wie freundlich und perfekt dort alles schien. In Berlin war er an einem Projekt von Daniel Libeskind beteiligt. Doch mit solchen Stars zusammen zu arbeiten, große Aufträge heranzuziehen, das war schwierig. Dazu war er viel zu unangepasst. Sich zur richtigen Zeit bei den richtigen Leuten ins Spiel zu bringen, das lag ihm auch nicht.

Irgendwann gründete er mit einem Partner ein eigenes Büro, einer seiner Schwerpunkte: ausgefallenen Inneneinrichtungen. Seine eigene Wohnung in Kreuzberg gibt es noch, ein einziger riesengroßer Raum im Erdgeschoss, ganz am Ende ein kleiner Bauwagen fürs Bett, daneben ein Häuschen mit Fenstern und Tür, das Bad. In einer Ecke die offene Küche mit einem langen Tisch, hier kochte er auf zwei Herdplatten für seine vielen Freunde. In der anderen Ecke stehen die hohen Regale, überall liegen Bücher, viele aufgeschlagen.

Nach Lychen fuhr er, wenn er sich nach Wasser sehnte. Dort paddelte er herum, allein, so liebte er es. Er hatte dort eine kleine Wohnung und sein Boot, ein altes Ding, das nie das machte, was er wollte, über das er ständig schimpfte, das er aber nie verkaufte. Für seine Freunde organisierte er einmal im Jahr eine Paddeltour die Elbe entlang, immer einen Abschnitt weiter. Mal waren zehn Leute dabei, mal zwanzig. Und Helmuth sorgte dafür, dass es allen gut ging, dass auch die Paddel-Neulinge sicher in ihren Booten saßen, dass alle ins Gespräch miteinander kamen.

Piotr war seine zweite große Liebe. Helmuth entdeckte ihn bei einer Performance und pustete ihm in den Nacken. Piotr, ein bekannter bildender Künstler, drehte sich um und dachte: „Der sieht ja lecker aus.“ Doch erst einmal war es „ein Tanz“, so erinnert sich Piotr, denn Helmuth zierte sich, wollte Piotr nicht allzu nah an sich heranlassen. Bis er es dann doch tat.

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Sie maßen sich aneinander, sie führten hitzige Debatten über nichts weniger als die Wahrheit. Dutzende Male trennten sie sich. „Ihr seid ja wie zwei Teenager“, sagten ihre Freunde. Doch die beiden brauchten einander. „Bequem war es mit ihm nie. Er hat viel gefordert, doch an ihm bin ich gewachsen. Durch ihn habe ich gelernt, Dinge einfach zu tun. Jetzt fehlt eine Hälfte von mir. Deswegen gehe ich immer wieder in seine Wohnung, lese seine Bücher, spüre seine Anwesenheit“, sagt Piotr. 22 Jahre waren sie ein Paar. Viele Jahre davon kümmerten sie sich zusammen um die Nichte von Piotr, die bei ihm einzog, als sie 13 war. Bald wollten die beiden heiraten, einen Termin beim Standesamt hatten sie schon.

Helmuth bekam Krebs, zweimal. Im Liegen, im Sitzen, im Stehen, immer hatte er Schmerzen, konnte nächtelang nicht schlafen. Ganz allein entschied er sich. Niemandem sagte er Bescheid. Manche seiner Freunde sahen ihn noch kurz zuvor, mit einem war er im Kino, der Film war so schlecht, sagt der. In einem Brief schrieb Helmuth: „An meine Freunde: Lasst mich gehen – ich gehe auch gerne. Ich habe versucht so lang wie möglich durchzuhalten. Das ‚Licht’ wurde langsam immer weniger.“

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