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Die beiden Jahre im Gefängnis holte Helga Scharf ausgiebig nach. Foto: privat
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Nachruf auf Helga Scharf Morsezeichen auf den Heizungsrohren

Zwei Jahre hatte ihr die Stasi geraubt. So etwas lässt sich aufholen. Nachruf auf eine, die den Neuanfang beherrschte.

Was blieb, war die Erinnerung an die Kälte. Daran, wie man ihre Zelle flutete, sie auf einer schmalen Planke kauernd einschlief und vom Sturz ins eisige Wasser geweckt wurde. Daran, wie sie den Sommerrock auch im Winter tragen musste bei den ewigen Runden im Innenhof. Wenn sie ihn wusch, musste sie nackt warten, bis er getrocknet war.

Daran, wie sie im feuchten Bunker landete, weil bei den Verhören nichts herausgekommen war, wie sie sich dort auf einen ihrer Schuhe setzte, die Füße auf dem anderen.

Zwei Jahre ihres Lebens hatte die Stasi ihr genommen, so würde es Helga Scharf später immer wieder formulieren. Aber zwei Jahre kann man aufholen, wenn man Kälte durch Wärme ersetzt.

Boykotthetze und Spionage

Mit 17 hatte sie ein paarmal Flugblätter transportiert, die zum Widerstand gegen die neu gegründete DDR aufriefen. Sie wollten nicht von einer Diktatur in die nächste geraten, argumentierten Studenten, Lehrlinge und Schüler der „Werderaner Gruppe“, die Helga beim Theaterspielen kennengelernt hatte.

Als Helga Scharf noch Koebcke hieß und in Kontakt mit der Widerstandbewegung kam. Foto: privat Vergrößern
Als Helga Scharf noch Koebcke hieß und in Kontakt mit der Widerstandbewegung kam. © privat

Ein letztes Paket, das sie transportieren sollte, entdeckte ihr Vater. Zusammen versenkten sie es in der Havel und hofften, die Sache sei damit erledigt. Helga begann eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin am Kloster Lehnin.

Die Stasi schlug dann aber doch noch zu; man brachte sie in die Potsdamer Untersuchungshaftanstalt Lindenstraße. Ihre Eltern wussten lange nicht, wo sie war. Nach einem Jahr verurteilte sie ein sowjetisches Militärtribunal zu drei Jahren Zuchthaus in Cottbus für „Boykotthetze und Spionage“. Andere, die mit ihr angeklagt waren, bekamen das Todesurteil.

Kindheit von Warschau bis Basel

Im Gefängnis dachte Helga oft an die wechselvollen Jahre zuvor. An das prunkvolle Haus mit eigenem Bootssteg, Tiefgarage und Dienstmädchen in Wildpark-West, von wo die Familie Anfang der 40er Jahre erst nach Lemberg, dann nach Warschau gezogen war.

Helgas Vater leitete dort als Nazi-Wirtschaftsführer Banken. Als er begann, jüdische Mitarbeiter zu retten, flog er auf, kam acht Monate ins Konzentrationslager, seine Frau floh mit den vier Kindern zurück nach Deutschland.

Während der Berliner Luftbrücke schickten die Eltern Helga für sieben Monate nach Basel zu Verwandten. Die nahmen sie auf wie eine Tochter: Eine der schönen Erinnerungen, von denen sie im Zuchthaus zehrte, wo sie neben Mörderinnen auf der Pritsche saß.

Der Vater, ein Nazi

Sie lernte Gerda kennen, die sollte ihre beste Freundin werden. Der Vater schickte Pakete mit Leberwurst und Socken gegen die Kälte. Nach knapp zwei Jahren holte er sie raus, wie genau, erfuhr sie nie. So wie sie auch nie mit ihm besprach, dass er ein Nazi gewesen war.

Die Eltern halfen Helga dabei, die verlorenen Jahre nachzuholen. Sie verbaten ihr den Kontakt mit den Freunden aus der Widerstandsgruppe, auch mit Siegfried, den sie einst vor dem Kino in Werder kennengelernt, in der U-Haft an der Stimme zwei Zellen weiter erkannt und mit dem sie dann über Morsezeichen auf den Heizungsrohren und Flüstern durch die Türritzen Kontakt gehalten hatte.

Erneut schickten die Eltern Helga weg, zu ihrem Besten, diesmal nach England, Cornwall, wo sie in einem Landhotel Tische deckte, Betten machte und nachts aus dem Fenster kletterte, um ein paar Dörfer weiter tanzen zu gehen. Drei innige Freundschaften blieben ihr aus dieser Zeit sowie eine lebenslange Vorliebe für Tee mit Milch.

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Die Eltern konnten nicht verhindern, dass Helga und Siegfried sich sehnsüchtige Briefe schrieben und schließlich 1956 entschieden, die verschwendeten Jahre – er hatte anderthalb in der U-Haft zugebracht – gemeinsam nachzuholen. Aus Helga Koebcke wurde Helga Scharf.

Und aus Kälte wurde Wärme. Denn was sind schon zwei verlorene Jahre gegen Partys im Wohnzimmer am Mexikoplatz mit den Freunden? Teppich beiseite, Swingmusik an, Chips, Bier.

1956 heirateten Helga und Siegfried - zuvor hatten sie zusammen in U-Haft gesessen. Foto: privat Vergrößern
1956 heirateten Helga und Siegfried - zuvor hatten sie zusammen in U-Haft gesessen. © privat
Helga Scharf und ihre Schwester Dorit, die nach dem Krieg nach Südafrika ausgewandert war. Foto: privat Vergrößern
Helga Scharf und ihre Schwester Dorit, die nach dem Krieg nach Südafrika ausgewandert war. © privat

Gegen Kreuzfahrtschiffsreisen nach Alaska und insgesamt 37 Südafrikabesuche; dort wohnte Helgas Schwester. Was sind Monate der Kälte also gegen Löwen, Erdmännchen und Elefanten, gegen die Garden Route und den Krüger-Nationalpark.

Gegen zwei Kinder, denen sie das Fernweh vererbt hat: Die Tochter wurde Flugbegleiterin, der Sohn Reisejournalist.

Rückkehr der Erinnerungen

Manchmal, natürlich, kamen die Erinnerungen an die Kälte zurück. Wenn die Glocken der Potsdamer Garnisonkirche in den Jahren nach ihrer Entlassung läuteten, musste Helga Scharf stets weinen.

Der Klang hatte sie auf ihren kalten Gängen über den Gefängnishof begleitet. Um den Erinnerungen zu begegnen, berichtete sie Jahrzehnte später in Reportagen von ihrer Haft und engagierte sich in der Gedenkstätte Lindenstraße.

Und sie fuhr weiter in die Sonne, auch als ihr Mann Siegfried 1997 zu früh starb. Whatsapp mit den Enkeln, lange Recherchen auf Wikipedia, Spaziergänge zum Sohn nach Kleinmachnow und viele Fahrten mit der BVG, einen Führerschein hatte sie nie gemacht, Ausflüge auf den Fernsehturm und immer wieder Südafrika, bis zum Schluss. Was bleibt, ist die Erinnerung an sehr viel Wärme.

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