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Heiner Gimmler Foto: privat
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Nachruf auf Heiner Gimmler Ein bisschen wie ein Eremit

Ein Theatermann im roten Porsche und mit Rolex am Arm. Aber eitel? Er war der ruhende Pol zwischen den Exzentrikern

Es war beschlossen, Heiner würde seine Eltern, seine zwei Schwestern, sein Heimatstädtchen verlassen und nach Marburg gehen. Die Germanistik zog ihn, was sicher auch mit seiner Deutschlehrerin zu tun hatte. Sie war noch jung und sehr attraktiv. Noch attraktiver war ihr Unterricht: Weg mit den vermoderten Methoden, sie schickte die Schüler ins Theater und ins Kino, betrieb mit ihnen Filmanalyse und Szenenkritik. Zu lesen gab sie ihnen Jean-Paul Sartre und Max Frisch. Heiner las und las und hörte zeitlebens nicht mehr damit auf.

Ein ehemaliger Rittmeister bot ein Doppelzimmer zur Miete für Heiner und seinen Schulfreund Walter, der ebenfalls nach Marburg gezogen war, und forderte einen strengen Verhaltenskodex: keine Damenbesuche, kein Rauchen, mäßiger Alkoholkonsum und vor allem keine Zugehörigkeit zu einer Studentenverbindung. „Nehmen wir“, bestimmte Heiner. Auf dem Balkon zündete er heimlich seine Kippen an, die Asche kam in ein Marmeladenglas mit Schraubverschluss.

An der Uni warb ein Herr um die Jungs: Es gäbe da diese Burschenschaft, ein bisschen fechten, ein wenig trinken, etwas Vaterlandstreue und Kameradschaft. Anschauen könne man sich das mal, fand Heiner, nur so zum Spaß. Viele Biere später standen die beiden in der feinen Verbindungsvilla am Pinkelbecken. Und Heiner schlug vor: „Jetzt treten wir bei. Und morgen treten wir wieder aus. Die werden gucken.“

Am häufigsten sah Walter ihn an seinem Schreibtisch sitzen, über die germanistische Fachliteratur gebeugt, lesend, rauchend. Ein bisschen wie ein Eremit, fand Walter.

Viele Jahre später, 1990. Die Mauer war gefallen, die Freie Volksbühne holte Heiner ins Haus. „Wir waren alle glücklich darüber“, erinnert sich Thierry, damals ein junger Regieassistent. Heiner galt als einer der renommiertesten Dramaturgen im deutschsprachigen Raum. Einer, der mit den wichtigsten Regisseuren an den größten Theatern zusammengearbeitet hatte, am Wiener Burgtheater, am Frankfurter Schauspielhaus. Als „der schöne Heiner“ galt er, weil er seine Haare halblang trug, mit seinem roten Porsche vorgefahren kam, edle Kleidung anhatte und eine Rolex am Arm trug.

War er eitel? „Im Gegenteil“, sagt Thierry. Heiner war der ruhige Pol zwischen den exzentrischen Künstlern. Wenn er argumentierte, dann mit fundierter Textkenntnis. Wenn er kritisierte, dann knapp und empathisch. „Er hatte etwas Väterliches, Fürsorgliches“, sagt Thierry. Für die Regisseure und Schauspieler stellte er kleine, individuelle Mappen zum Stück zusammen, historischer Hintergrund, Einordnung in die Jetztzeit, sprachliche Besonderheiten, „wie eine kleine Forschungsarbeit“.

Er konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen

Ans Theater war Heiner über Umwege gekommen. Erst wechselte er zur Skandinavistik, studierte in Oslo und Stockholm, las Ibsen und Strindberg. Ihre Dramen neu zu übersetzen, wurde sein Lebenswerk. Nicht in der alten Sprache der Ibsenzeit, sondern modern, mit einem Gespür für Klang und Rhythmus. Dafür sprach er seine Übersetzungen in ein Aufnahmegerät, prüfte Wort für Wort, spulte zurück, hörte es sich noch einmal an. „Mit dem Feuer spielen“ von Strindberg war seine erste Übersetzung, die schnell ihren Weg auf die Bühne fand. Die Bänder, auf denen Heiner mit seiner klaren, tiefen Stimme die Dialoge liest, gibt es noch.

Eigentlich waren sie zur Besprechung verabredet, doch Heiner tauchte nicht auf. Thierry rief ihn an, niemand ging ran. Er fuhr hin und klingelte, niemand machte auf. Er rief die Polizei, sie fanden Heiner auf dem Boden. Ein Schlaganfall. Heiner konnte sich nicht bewegen und nicht sprechen. Erst kam er auf die Intensivstation, dann in die Reha. Heiners Gehirn war scharf wie eh, der Rest funktionierte nicht mehr. Er war 49 Jahre alt.

Und kämpfte. Er wollte zurück in dieses Leben, wieder sprechen, wieder laufen, zurück ans Theater! Es dauerte Monate, bis die Worte wieder über seine Zunge kamen. Doch so sehr er sich auch mühte, sie blieben undeutlich und verwaschen. Für eine Unterhaltung mit ihm brauchte man Geduld, die nicht jeder aufbrachte. Als Dramaturg konnte er nicht mehr arbeiten. „Gerade er verlor das Sprechen, das im Theater so wichtig ist“, sagt Thierry. „Aber er hat nie geklagt. Auch nicht, als sich immer weniger Kollegen bei ihm meldeten.“ Heiner konnte abschließen, was vorbei war, war vorbei, darüber zu reden lohnte sich nicht. So war das auch mit seiner Ehefrau, mit der Freundin, mit Geliebten.

Als Thierry seine ersten eigenen Stücke inszenierte, reiste Heiner an, auch wenn es ihn viel Kraft kostete. Natürlich residierte er dann im besten Hotel, schaute sich tagsüber die Proben an, abends trafen sie sich zur Generalkritik. Szene für Szene gingen sie durch, auch wenn es lange dauerte. „Das war grauenhaft!“ „Das war überflüssig.“ Aber auch: „Großartig, großartig!“ Heiner machte das fürs Theater und für Thierry, und Thierry vertraute Heiners Urteil.

2001. Eigentlich war René nur Heiners Ergotherapeut. Doch da war etwas an diesem Heiner, der da mit seinem Rollator in die Praxis kam, das René faszinierte. Seine Offenheit, seine Lust, ins Gespräch zu kommen, und wie er über Kunst und Kultur redete: begeistert, interessant und nie von oben herab. Sie wurden gute Freunde.

Heiner hatte eine große Wohnung in Charlottenburg. In der Küche las er morgens zwei Zeitungen. Den Tag verbrachte er am Computer im Arbeitszimmer. Die Ibsen-Dramen wollte er noch einmal übersetzen und in einer Gesamtausgabe herausbringen. 2006 erschien sie, 1400 Seiten. Mit einem „Schau mal, ich bin fertig“ überreichte er Freunden Exemplare.

Abends wechselte er in sein Fernsehzimmer, gemütliche Couch, rechts das Weinglas, vor ihm die Fernbedienungen für die Videorekorder. Er sichtete seine Aufnahmen, Langweiliges spulte er weiter. Ein riesiger Filmschatz auf VHS ist so zusammengekommen. Noch größer war seine Büchersammlung: Fachliteratur, Programmhefte, Biografien, viele Originalausgaben, Kunstbände und Kataloge. „Eigentlich war Heiner ein einsamer Mensch. Er hat das aber nicht so gesehen, weil er immer zu tun hatte. Er konnte sich beschäftigen. Und er war mit sich zufrieden“, sagt René.

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René fand heraus, dass Heiners Lieblingsfarbe Rot war. Roter Porsche, rotes Sofa, roter Schal, rote Handtücher, rote Tasse. Wenn er etwas Rotes trug, kommentierte Heiner das. Als Heiner stürzte, es ihm körperlich schlechter ging und als eine leichte Demenz einsetzte, fragte er René, ob er zu seinem rechtlichen Betreuer werden würde. René überlegte lange und sagte schließlich zu.

2014. Christoph war einer von Heiners Pflegern. Auch er mochte Heiner, bei ihm gab es guten Kaffee, gute Gespräche und immer etwas zu lachen. „Dieser trockene Humor gefiel mir. Immer wieder fragte er mich, was das Burgtheater mache, und ob es schon einen neuen Direktor gebe“, erzählt Christoph. Solange Heiner konnte, rollte er noch selbst durch die Wohnung. Draußen ließ er sich schieben, durchs Regierungsviertel, am Bundeskanzleramt vorbei, einen Abstecher in den Biergarten, dann zum Bundespräsidentenschloss. Mit der Pflegemannschaft ging er um wie mit einem Theaterensemble, lobte hier, kritisierte sanft dort, schimpfte nie, wurde nie persönlich. Nur seinen Computer verfluchte er wieder und wieder, vielleicht lag es auch weniger am Computer und mehr an ihm, er kam einfach nicht mehr weiter, verlor sich in Gedanken, die Strindberg-Gesamtausgabe wurde und wurde nicht fertig.

An einem seiner letzten Abende saß Heiner in seiner Küche, las sich noch einmal durch alle Zeitungen, trank noch einen Rotwein. Christoph, sein Pfleger, der längst Feierabend hatte, wartete im anderen Zimmer, bis Heiner genug hatte, dann brachte er ihn ins Bett.

In seinen letzten Momenten waren René und Walter an seiner Seite. Heiner richtete sich auf, sah die beiden an, fragte sie: „Und nu?“ Dann starb er. Es war der 1. Januar.

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