Hartmut Schulz Foto: privat
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Nachruf auf Hartmut Schulz Erkundungsgänge ins Abseitige

In den Bürozeiten arbeitete er als Betriebswirt, in den freien Stunden war er Künstler, Spurensucher, Dokumentarist und Sammler.

„Auf einem Foto vom Sommer ’40 steht mein Vater in Badehose, neben sich den deutschen Schäferhund, am Strand von Biarritz. Er lächelt freundlich: Er hat Frankreich erobert.“ Das notierte Hartmut Schulz in einem Bildband, den er herausgab. Der Vater war ein treuer „Soldat des Führers“, SS-Sturmbannführer an vielen Fronten, auch an Orten, wo grausame Kriegsverbrechen geschahen. Vor Moskau ist er gefallen, was die Ehefrau dem „Führer“ zeit ihres Lebens verzieh, der Sohn hingegen nie. Er verstand weder den Wahnsinn des Krieges, noch den fatalen Gehorsam seines Vaters, auf Befehl zu morden.

Hartmut wurde auf dem Land groß, Stadtoldendorf, dorthin war die Familie nach dem Krieg geflohen, zur Verwandtschaft, von dort war es nicht leicht, wieder wegzukommen. Ein Zirkusdirektor, Freund der Mutter, guter Onkel den Kindern, wies den Weg hinaus in die Welt. So ein Wanderzirkus war eine Verheißung für einen, der auf die Handelsschule in Holzminden geschickt wurde. Hartmut durfte kein Abitur machen, obwohl er die Tage lieber mit Büchern als mit Menschen verbrachte, aber die Mutter wollte ihn so schnell wie möglich in soliden Verhältnissen wissen. Er tat ihr den Gefallen, verliebte sich jung, heiratete früh, wurde Vater, und hätte ein auskömmliches Leben als Exportkaufmann führen können, wäre da nicht diese Unruhe gewesen, diese Sehnsucht, die ihn erst nach Hannover führte und dann nach Berlin. Das Leben wurde zum Experimentierfeld in den späten 60ern, und Hartmut stellte die Familie vor die Wahl, die letztlich keine war, an seiner Selbstverwirklichung teilzuhaben, oder es sein zu lassen. Selbst den Kindern wurde es zu bunt zuweilen, wenn im Wohnzimmer Woche für Woche die Verhältnisse zum Tanzen gebracht wurden, mal mit, mal ohne Musik. Wenn Diskussionen mit Freunden und Genossen im Streit endeten und der Streit wieder neue Diskussionen befeuerte.

Fließend kaltes Wasser und direkter Zugang zur Kreuzberger Bohème

Hartmut wollte die Fesseln des Bürgerlichen lockern, was zunächst hieß, dass er die eheliche Treue als hinfällige Tugend abtat. Seine Frau sah das anders, so kam es zur Trennung, unter der alle litten. Zwei Töchter blieben bei der Mutter, ein Sohn und eine Tochter folgten dem Vater in seine Fabriketage in der Genthiner Straße mit fließend kaltem Wasser und direktem Zugang zur Kreuzberger Bohème. In den Bürozeiten arbeitete er als Betriebswirt, in den freien Stunden war er Künstler, Spurensucher, fotografischer Dokumentarist.

Die Welt damals war nicht so froh und bunt, wie sie in der Erinnerung zuweilen scheint. In Kreuzberg ohnehin nicht, wo sich Brache an Abrisshaus reihte, aber auch nicht in Rom oder Paris, wo die dunklen Gassen sich hinter den wenigen Prachtboulevards verzweigten. Hartmut zog es in dieses Dickicht der Städte, dorthin, wo es rauer ist, wo Besucher nicht gern gesehen sind, schon gar nicht solche mit Kamera. Das war kein Flanieren, das waren Erkundungsgänge ins Abseitige, Abgründige, die ihn zuweilen in brenzlige Situationen brachten, bis er wieder aus den verlorenen Gegenden den Weg hinaus auf die Piazza fand. Dort dann im Café sitzen, wenn im Aschenbecher die Zigarette neben dem Kaffee verglomm, und der Bistrotisch als Sonnenuhr diente für einen niemals endenden Tag. In diesen Stunden des Glücks war er zur Stelle. Er suchte und fand sie immer wieder, auch in Berlin, wo er Tag für Tag ins Café ging, weil er schrieb, weil er beobachtete, weil er das Augenspiel und den Flirt liebte. Sein Lächeln war immer Einladung, nie Spott. Es gibt dieses Bild von ihm, die Kaffeetasse halb gehoben, lässig, den Blick sanft aber unverwandt auf den Betrachter gerichtet, mit einem zwinkernden Auge und einem Auge im Halbdunkel.

Hartmut fand eine neue Liebe, wurde Vater einer weiteren Tochter und mühte sich auf seine Weise, es allen Frauen und Kindern recht zu machen. „Wie das Zusammenleben überhaupt funktioniert, bleibt ein Geheimnis“, notierte er nicht ohne Resignation. Mit den Töchtern raufte er sich immer wieder liebevoll zusammen, der Sohn hingegen kam ihm abhanden, er starb früh.

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„Inkommensurabel“ ist ein bevorzugtes Wort Goethes für all das im Leben, was nicht ohne Weiteres einsichtig ist, weil es den Verstand übersteigt. Hartmut verehrte Goethe seit Jugendtagen, von ihm ließ er sich mehr sagen als von jedem anderen, und vor allem hielt er sich an die Maxime, der Welt zugewandt zu bleiben, ganz gleich, was auch Schreckliches geschieht. Er hat die Trauer über den Tod seines Kindes aufleben lassen in neuen Vorhaben. Er hat skizziert, gemalt, fotografiert, seine Lebenswelt, die der Künstler im Varieté, die der Kinder auf der Straße. Es zog ihn hinaus in die Natur, auf friedliche Jagden, von denen er stets kleine Trophäen mitbrachte, Dinge, die ihm zur Anschauung dienten, ob Blatt, Blume oder Stein. „Intensiv Insekten beobachtet, je länger man einen Fleck Erde betrachtet, desto vielfältiger wird das Leben darauf.“ „Nachsehen“ nannte Hartmut Schulz seinen einzigen zu Lebzeiten erschienenen Bildband, und er wählte genau jenes Muster für den Umschlag, das schon das Erinnerungsbuch seines Vaters geziert hatte.

„Unmerklich wachsen Sammlungen“, und sie wuchsen ihm über den Kopf. Seine Wohnung quoll über, Bücher, Schriftstücke, Bilder, Gefundenes, Erworbenes türmte sich, dazwischen schmale Trampelpfade, auf denen er sich durch das Labyrinth der Erinnerungen wand, die zu ordnen ihm nicht genug Zeit blieb. Das Leben ging ja weiter, und er musste dieser Überfülle Herr werden und aller Eindrücke habhaft, denn das Schöne zu sehen und zu begreifen blieb ja seine Pflicht. „Täglich an der Bewältigung des Angesammelten, kaum Fortschritte.“ Was ihn nicht wirklich verwundern konnte. Denn er wollte die Tür zu diesem Archiv des Erlebten ja niemals hinter sich schließen, er wollte sie öffnen für viele andere.

Es gab den stillschweigenden Auftrag an seine elf weiblichen Nachkommen und den einen Urenkel: Sortiert ihr das alles, bewahrt es, tragt Sorge für mein Werk! Weniger des Ruhms willen, als vielmehr in der Hoffnung, wieder da zu sein, mit ihnen zu sein, wann immer sie etwas zur Hand nehmen würden, was bereits durch seine Hände gegangen war. Abgelegtes, das längst verloren geglaubte Erinnerungen wachruft an all das Schöne, das er für sie gesehen und gefunden hat. „So vergesse ich dich, und so denke ich plötzlich an dich.“

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