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Günter Rost Foto: privat
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Nachruf auf Günter Rost (1935-2020) 100 Liebesknochen

Bäcker konnte er nicht bleiben. Da ging er eben zur BVG. Nachruf auf einen, der es nahm, wie es kam.

Sie war sich nicht sicher. Meinte es dieser Günter wirklich ernst mit ihr, oder war er wie die anderen, die nur mal probieren wollten? Außerdem: Ursula verkaufte in der Bäckerei Hillmann; Günter war dort Bäcker, Fahrer und Helfer, und wo kommt man denn als Familie hin, wenn beide in aller Herrgottsfrühe aufstehen müssen?

Doch Günter wollte nicht nur probieren. Günter war schwer verliebt. Ein Jahr lud er sie hierhin ein und dorthin, machte ihr schöne Augen und schöne Komplimente. Dann, es war Winter, es war kalt, sie waren gerade im Kino gewesen, standen sie in einem Park. Günter nahm ihre Hand und fragte: „Willst du meine Frau werden?“

Eigentlich wollte sie sagen: „Ich überlege es mir.“ Doch es platzte ein „Ja“ über ihre Lippen. Bereut hat sie es nie. Dass sie jetzt alleine ist, ohne ihren Günter, das macht ihr zu schaffen. Hochzeit feierten sie in der kleinen Dorfkirche in Lichterfelde. Danach gingen sie ins Restaurant am Lilienthal-Denkmal. Pasteten gab es, gefüllt mit Hühnerfrikassee. Die Eltern waren da und der Bruder, eine kleine Feier. Die silberne, die goldene, die diamantene, all diese Hochzeiten feierten sie in dieser kleinen Kirche. Jedes Mal kamen mehr Menschen, zuletzt war sie krachend voll.

Günter hatte gerade seinen Meister geschafft; jetzt wollte er eine eigene Bäckerei aufmachen, so wie sein Vater damals. Doch Günter fing an zu niesen, zu husten, hatte Atemnot. Diagnose: Mehlstauballergie auch Bäcker-Asthma genannt. Aus der Traum. Wie er sich da gefühlt hat? Verzweifelt, niedergeschlagen? Höchstens ein bisschen. Denn Günter nahm es, wie es kam. Dann arbeitete er eben woanders. Und: „Er war für mich da und für die Kinder. Man konnte sich auf ihn verlassen.“ Sie teilten sich den Haushalt – weshalb es Ursula erst möglich war, noch eine Erzieherinnenausbildung im Waldorfkindergarten zu machen. Wenn die Kinder am nächsten Tag eine Feier hatten, stand Günter abends in der kleinen Küche und buk 100 Liebesknochen. Zu Weihnachten kaufte er 200 Schokoladenherzen, die er mit den Namen seiner Freunde und Verwandten verzierte. Einige schickte er in die USA und nach Kanada.

Die Badewanne war doch frei

Günter ging zur BVG. Erst verkaufte er Fahrscheine in der Straßenbahn, damals gab es noch diese Taschen mit dem Wechselgeld, sogenannte Galoppwechsler, da konnte man die Pfennige rausdrücken. Dann wurde er Busfahrer. Ob Doppeldecker, ob lang oder kurz, Günter fuhr in allen Bezirken von West-Berlin. Natürlich auch in Steglitz, seine Kinder wussten, wann er an ihrer Schule vorbeifuhr. „Ein echter Berliner Busfahrer war er aber nicht. Keine Berliner Schnauze, keine Unfreundlichkeit. Im Gegenteil“, sagt Susanna, eine seiner Töchter. 1972 gehörte er zu denen, die die Berliner Busse nach München zu den Olympischen Spielen fuhren. Dort brauchten sie Unterstützung. Günter liebte seine Busse, er liebte die Bowling-Abende mit den Kollegen, er liebte aber auch die Vier-Wochen-Kuren in Bad Reichenhall, zu denen die BVG ihn immer wieder schickte.

65 Quadratmeter, drei Zimmer, gegenüber der Grundschule, das war ihre Wohnung. Die zwei Mädchen hatten ein Zimmer, die beiden Jungs das andere. Ursula und Günter klappten abends die Couch im Wohnzimmer aus. Umso mehr liebte Günter den Morgen, wenn noch alles still war. Er liebte es aber auch, wenn die Bude noch voller wurde, wenn die Verwandten zu Besuch kamen, die aus Salzburg zum Beispiel. Selbstverständlich schliefen die bei ihnen, die Badewanne war doch frei. Und all die Geburtstage! Günter buk die Torten und die Plundern, und dann stand er an der Tür und umarmte jeden, der hereinkam.

Überhaupt liebte Günter das Umarmen. Er tanzte mit Ursula Square Dance, jede Woche, jahrzehntelang, bei den „Rubber Dollies“. Da gibt es den Caller, der die nächsten Tanzfiguren ansagt, und es gibt eine Figur, „Squeeze“, bei der sich die Tänzer fest in den Arm nehmen. Irgendwann rief der Caller nicht mehr „Squeeze“, sondern nur noch: „Und jetzt den Günter!“

Zweimal in der Woche setzte er sich hin und schrieb einen Brief an seinen besten Freund Arnold. Seit der Berufsschule kannten sie sich, Arnold hatte es zurück in den Osten verschlagen. Tausende Briefe wurden zu einer Art Tagebuch, das nun im Keller liegt. Als die DDR die Einreise- Bestimmungen lockerte, besuchte Günter seinen Freund oft und schmuggelte Briefmarkenzeitungen und Asterix-Hefte an den Grenzern vorbei.

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Günter liebte seinen Garten, 600 Quadratmeter am Teltowkanal. Hierhin wichen sie aus, wenn ihnen die Wohnung zu eng wurde. Hier baute er Gemüse an, kümmerte sich um die Blumen, um die Hühner und Kaninchen, baute einen Grill aus Stein. Und er liebte den Fußball. Anfangs ging er für die freiwillige Polizeireserve ins Stadion und achtete mehr auf die Fans als auf das Spiel. Dann ging er auch ohne Aufgabe hin; zu „Tennis Borussia“ sogar noch, als sie nicht mehr in der Bundesliga spielten.

Und Günter liebte den Urlaub. In Jugoslawien haben sie zum ersten Mal das Meer gesehen. Als seine Kinder groß waren, nahm Günter einen Kredit auf und flog mit ihnen in die USA. Sie mieteten sich ein Auto und fuhren von New York nach San Francisco. Aufregend war das, dieses weite Land, die dicken Schlitten. Die Kinder übernahmen das Englischreden, die Eltern das Staunen.

Seit 10, 20 Jahren saßen die Kinder wieder sonntags in der kleinen Wohnung. Wo früher ihre Eltern geschlafen hatten, zogen sie den Tisch aus und aßen zusammen Mittag, Sonntag für Sonntag. Eine Tradition, bei der Günter nun fehlen wird.

Ein Rückenleiden, eine Demenz und dann der Krebs. „Es war hart, den Vater im Krankenhaus lassen zu müssen, ihm zu erklären, warum er nicht nach Hause kann, aber zu wissen, dass er es nicht mehr versteht“, sagt die Tochter. Am 30. Januar 2020 ist er gestorben. Zu seiner Beerdigung kamen sie alle noch einmal zusammen, die Familie und sein Freund Arnold und dessen Familie und die vielen anderen Freunde und Verwandten, die Busfahrerkollegen und die Square-Dancer.

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