Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Gisela Simmat Foto: privat
© privat

Nachruf auf Gisela Simmat "Was für eine Aufregung!"

Die Universität zählte sie zu den "sonstigen Mitarbeitern". Sie verbat sich das. Sie war "nichtwissenschaftliche Mitarbeiterin"!

Da sitzt sie, in einem flachen 50er-Jahre-Sessel mit Wiener Geflecht, um ihren Hals Perlen, die ihr vorsichtig schimmerndes Echo an den Ohren finden; an ihrem Handgelenk eine Uhr, die auch ein Mann tragen könnte. Da sitzt sie, eine bald 86-Jährige, und spricht, als lese sie einen vorgefertigten Text, zweieinhalb Stunden lang, ein einziges Mal ist sie etwas unsicher, nennt eine Jahreszahl, überlegt kurz, nennt eine neue Zahl, jetzt sicher, spricht weiter, reiht konzentriert historische Ereignisse, Anekdoten, Namen aneinander. Es ist der 10. Februar 2020; sie nimmt Teil am Projekt „Erlebte Geschichte“ der Freien Universität. Darin sprechen ehemalige und noch aktive FU-Mitarbeiter über ihr Leben und über die Universität. Gisela Simmat arbeitete in der Verwaltung der Wirtschaftswissenschaftler.

Ihr Bericht beginnt in Mariendorf. Sie war Einzelkind, denn ihr Vater hatte ein schwaches Herz. Sie wurde oft zur Großmutter in ein Brandenburger Dorf geschickt, weil in der Berliner Wohnung Stille zu herrschen hatte. Geschwister kamen gar nicht infrage. 1943 starb der Vater.

Das Kriegsende verbrachten Mutter und Tochter auf dem Land, dann ging es zurück nach Berlin. 1953 Abitur. Im Anschluss eine Ausbildung zur Buchhändlerin. 1962 Tod der Mutter. 1963 Hochzeit mit Gerhard.

Dann entdeckte sie ein Inserat: „Bibliotheksangestellte gesucht“. Bewerbung, Bewerbungsgespräch, Zusage für die Betriebswirtschaftliche Bibliothek der Freien Universität.

Ja, sie las gern, sie hatte davor im Buchladen gearbeitet, sie hatte weiterhin mit Büchern zu tun. Aber jetzt kam nicht ein kluges Kind oder ein zerstreutes Fräulein oder ein gemütlicher Rentner, jetzt umgaben sie Dekane und Professoren. Zunächst verhielt sie sich noch ein wenig scheu im Angesicht der gesammelten Geisteskraft. Sie gehörte zu den „sonstigen Mitarbeitern“, ein Wort, das sie später, mit gestiegenem Selbstbewusstsein, ablehnte: „Wir sind nichtwissenschaftliche Mitarbeiter!“

Sie arbeitete in der Ausleihe, in der Bestellung, in der Katalogabteilung. Und begann, sich in diesem neuen, politisierten Umfeld zu engagieren, nahm an Gremiensitzungen teil, ließ sich in den Fachbereichsrat wählen. Besuchte eineinhalb Jahre einen Kurs an der Verwaltungsschule, stieg 1973 in die Fachbereichsverwaltung, Gebiet Personal und Personalwirtschaft, auf, zu einer Zeit, in der die hochschulpolitischen Auseinandersetzungen in Fahrt kamen. Es ging um die Demokratisierung der Universität. Schluss damit, dass Wissenschaftler nur per Beziehung Professorenposten erlangten. Her mit öffentlichen Diskussionen bei Ausschreibungen, bei Entscheidungen jeder Art.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte der Autorin, Tatjana Wulfert, lesen Sie hier]

„Was war das für eine Aufregung!“, sagt Gisela Simmat. Die Debatten der Professoren, die Studentenstreiks, die Studentenwahlen. Ihr fällt eine Anekdote ein: Als die Verwaltungsleiterin die Urne nach einer Wahl sicherheitshalber mit ins Büro nahm, Studenten hinter ihr herliefen, sie sich schützend auf die Urne setzte, die der argwöhnische Trupp samt Wahlzetteln aus dem Fenster werfen wollte. Gisela Simmat lacht, spricht weiter von ihren Mitgliedschaften im akademischen Senat, im Personalrat, im Konzil. „Ich kam da als Unpolitische an.“ Politik habe zu Hause keine Rolle gespielt. Und dann erzählt sie von dem Blumenaquarell, das hinter ihr an der Wand hängt. Gemalt hat es Walther Buch, der Vater von Eva-Maria Buch, Widerstandskämpferin in der „Roten Kapelle“, hingerichtet am 5. August 1943. Giselas Mutter hatte die Familie flüchtig gekannt und das Ehepaar Buch nach dem Krieg wieder getroffen: „Beide waren schneeweiß geworden.“ Gisela schaut einen Moment vor sich hin, sagt: „Wie weit wäre man selbst bereit, die eigene Freiheit, das eigene Leben zu opfern?“

Die Zeiten, über die sie spricht, erforderten solche Erwägungen nicht. 1981 war der Verwaltungsleiter versetzt worden, die Stelle also frei. Gisela und eine Kollegin, zwei Frauen ohne Studium, aber mit enormem Einblick in die Vorgänge, sollten die Leitung übernehmen! Das hatte es noch nie gegeben, Nichtakademikerinnen in einer solchen Position. Seit dem Jahr 1981 gab es das. Was sie betont: Das Verhältnis zu den Professoren war stets auf Augenhöhe, kein bisschen Hierarchiegehabe.

Die Arbeitstage waren lang, aber sie mochte das, immer mittendrin. Gerhard, ihr Mann, früher pensioniert, holte sie oft ab. „Der arme Kerl trabte vier Tage in der Woche in den Gängen des Fachbereichs rum, weil ich um fünf eben nicht fertig war.“ Sie lacht.

Und dann lacht sie nicht mehr. Gerhard wurde schwer krank, starb 1997. Die Reisen, die Tanzabende, die gemeinsamen Philharmoniebesuche, alles vorbei. Die Arbeit, die Freundschaften an der Uni halfen ihr, doch 1999 war Schluss, sie musste in Rente gehen. „Da saß ich nun also zu Hause und hatte nichts zu tun.“

Da entdeckte sie wieder ein Inserat, „Ehrenamtliche Mitarbeiterin in Seniorenfreizeitstätte gesucht“, und zögerte nicht einen Augenblick. „Der Wechsel von der Universität in eine Seniorenfreizeitstätte war schon sehr überraschend.“ Ein Leben ohne Aufgabe kam ja nicht infrage, trotz gesundheitlicher Beschwerlichkeiten, die sie verbarg. „Ich habe an der Uni viele Jahre der Unruhe erlebt. Heute, denke ich, geht dort alles ganz ruhig und langweilig vor sich.“ So erzählt sie vor der Kamera, sitzt da, hochkonzentriert, geistesgegenwärtig. 17 Tage später stirbt sie. Ein Schlaganfall.

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de.
Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite