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Gertrud Rombach Foto: privat
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Nachruf auf Gertrud Rombach Beruf: "Hausfrau". Aber war da nicht mehr?

Hans Rombach

So gern wäre sie in die Ferne gezogen, fort vom Vater, raus aus dem Dorf. Doch der große Schritt gelingt ihr erst, nachdem ihr Mann gestorben ist.

Ihr Vater hatte im Ersten Weltkrieg im Schützengraben von Verdun gelegen. Streng war er und ungerecht. Gertruds jüngere Schwestern verschonte er; sie hat er geprägt. Es blieb eine gewisse Härte sich selbst und auch anderen gegenüber.

In Wyhlen, einem Dorf am Rhein tief im Süden, an der Grenze zur Schweiz ist sie aufgewachsen. Sie arbeitete in der Bäckerei des Vaters. Wenn die feinen Leute aus dem Nachbardorf anriefen und bestellten, machte sich die kleine Gertrud noch abends auf den Weg, um 20 Gramm frische Hefe an der drei Kilometer entfernten Haustür abzuliefern, natürlich mit einem Knicks.

Die Freizeit war knapp bemessen, im Sommer badete sie mit Gleichaltrigen im Altrhein, als Jugendliche entfloh sie dem streng reglementierten Alltag ins Dorfkino, in eine Traumwelt mit Heinz Rühmann, Zarah Leander, Hans Albers.

Dann der Zweite Weltkrieg. Ein Einschnitt, der ein weiteres Stück der kärglichen Jugend raubt. Noch 1945 wird sie im dichten Prager Wald als Luftwaffenhelferin eingesetzt. Die einzige Stelle, an der die Luftwaffenmädels sich aufgehoben fühlen, ist eine kleine Apotheke in der Nähe ihres Stützpunktes. Der Apotheker, ein netter älterer Tscheche, hat Verständnis für Ihre Nöte, spricht fließend deutsch. Bei ihm kaufen sie Kleinigkeiten ein, schütten ihr Herz aus. Die Front rückt näher, der Kommandant entscheidet eigenmächtig: Die Luftwaffenhelferinnen haben sofort die Heimreise anzutreten. Er drückt ihnen den Marschbefehl in die Hand, mehr kann er nicht tun. Sie verabschieden sich hastig von ihrem Apotheker, dieser überreicht ihnen einen Plan, darauf eine sichere Route durch den dichten Wald, dazu ein tschechischer Passierschein für den Partisanenposten. Der nette ältere Herr war der örtliche Partisanenführer.

Sie weiß, sie ist wieder daheim

Nach zwei Wochen Gewaltmärschen und Tieffliegerangriffen ist Gertrud zurück in ihrer Heimat. Nicht alle haben es geschafft. Der kurze Ausflug in eine andere Welt und das Erlebte lassen sie mutiger werden: Sie widersetzt sich einer Anordnung ihres Vaters. Es setzt eine Tracht Prügel, einen Tag nach ihrer Rückkehr. Sie weiß, sie ist wieder daheim.

1949 lernt sie Adolf, von allen Dolf genannt, kennen und lieben. Ein charmanter, hübscher Mann, sehr beliebt im ganzen Dorf, auch bei den Frauen. Er wird ein Leben lang in der Ehe der ruhige, ausgeglichene Part sein, Gertrud die vitale, entscheidungsfreudige, an den Kämpfen mit ihrem Vater gewachsene Ehefrau. 1950 wird geheiratet, in einer evangelischen Kirche. Dolfs Eltern sitzen derweil in ihrer katholischen und beten für das Seelenheil des Sohnes. Zur Hochzeitsfeier kommen sie nicht.

Die Frage nach ihrem Beruf beantwortet Gertrud mit: „Hausfrau“. Aber war da nicht mehr? Dolf ist Zahntechniker, Anfang der 1950er sucht Südafrika Fachkräfte wie ihn. Trudi ist Feuer und Flamme, besorgt alle Unterlagen, telefoniert mit der Botschaft, will weg aus dem Dorf, fort vom Vater, fort von der Bäckerei.

Dolf traut sich nicht, der Krieg hat ihn gebrochen. Weil er sich einem Offizier widersetzt hatte, war er in einer Strafkompanie gelandet. Die Dorfgemeinschaft und der Gesangsverein „Frohsinn 1848“ geben ihm Halt. Sie bleiben in Wyhlen.

Im Dorf ist Gertrud die erste Frau, die einen Führerschein erwirbt. Mitte der 50er Jahre ist das hier eine Sensation. Täglich liefert sie mit dem Auto Backwaren aus, bis hoch in den tiefen Wald des Rührbergs, auf steilen Straßen mit engen Kurven, auch im tiefen Winter bei Eisesglätte.

1952 bringt sie ihren Sohn zur Welt, er wird im großen Familienverband aufgezogen, zusammen mit seinen zwei Cousinen und dem Cousin. Alles gruppiert sich um die Bäckerei, bis Gertruds Vater diese 1970 schließt.

Eine neue Zeit für Gertrud, mehr Zeit für Dolf, sie unternehmen jetzt sogar gemeinsame Reisen. Jede Woche geht es nach Basel zum Einkaufen. Ihre selbst gebackenen Tarts sind sehr begehrt, dazu ein frisch gebrühter Kaffee, die Bohnen aus der Schweiz. Gerne bekocht sie ihre Gäste.

Ein neues Leben

1999 erblindet Dolf, nun ist sie wieder an das Haus gebunden, die Fahrten in die Stadt finden nur noch selten statt. 2003 stirbt Dolf. Zwei Jahre darauf, mit 79, kerngesund und absolut selbstständig, zieht Gertrud nach Berlin, denn dort lebt ihr Sohn mit der Schwiegertochter. Gertruds Neugierde ist groß, Bus, U- und S-Bahn sind ihr gleich vertraut, sie ist oft on tour. Gern geht sie ins KaDeWe, der Enkel und die Neffen und Nichten dürfen sie begleiten. Das endet dann regelmäßig in der Feinschmeckerabteilung.

Doch es gibt Momente, da sehnt sie sich zurück in die ferne Heimat. Viermal steigt sie ins Flugzeug und besucht ihre Freundinnen. Es werden immer weniger. Auch das Dorf verändert sich, junge Menschen, neue Straßen, neues Leben. Übrig bleibt die Erinnerung.

Ihre kleine Berliner Wohnung befindet sich im fünften Stock, kein Problem für sie, die leichten Einkäufe trägt sie selbst nach oben. Sie ist 92, als sie schwer stürzt. Unsicherheit bleibt, sie entscheidet sich für ein Heim. Dort lebt sie noch mal auf und hält Sohn und Schwiegertochter auf Trab. Besorgen sie ihr Anziehsachen, planen sie die Umtauschaktion gleich ein; auch die Entscheidung für den richtigen Schuh will wohl abgewogen sein. Wöchentliche Bestellungen aus der Markthalle, „vom Franzos“, sind üblich.

Mit der Heimat hält sie Kontakt, das Dorfblättchen bekommt sie zugeschickt, die Tageszeitung wird studiert. Sie ist auf dem Laufenden. Hilfsangebote des Pflegepersonals lehnt sie strikt ab.

An den Tod denkt sie jetzt oft; sie will zu Dolf. Den hat sie 2006 in ihre neue Heimat nachgeholt. Als sie mit ihrer Nichte sein Grab bepflanzt, vergießt sie einen Eimer Wasser zu viel und winkt ab: „Er war ä guede Schwimmer.“ Sieben Tage vor Ihrem 96. Geburtstag macht sie sich auf den Weg zu ihm.

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