Georg Röring (1948-2017) Foto: privat
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Nachruf auf Georg Röring (Geb. 1948) Einer muss sich ja um die Gerechtigkeit kümmern

Paul Hildebrandt
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Die Jugend verbrachte er im kirchlichen Internat. Als Erwachsener wurde Georg Röring Kommunist und setzte sich für Behinderte ein.

Um vom Alkohol wegzukommen, fährt Georg Röring im Sommer 2014 jeden Morgen mit dem Fahrrad in die Klinik. Anstatt jedoch zur Krankengymnastik zu gehen, ernennt er sich zum Patientenvertreter. Selbst hier, als es mal um seine Krise gehen soll, kümmert sich Georg Röring erstmal um die der anderen.

Als er deswegen Ärger bekommt, sagt er: „Danke, das war’s“, bricht die Therapie ab und therapiert sich selbst. Er hat das ein Leben lang so gemacht, nicht aus Mitleid oder aus einer Träumerei heraus, sondern weil er findet, dass es gerecht zugehen soll, und darum muss sich schließlich jemand kümmern.

Wegen der schwachen Gesundheit der Mutter landete Georg in den fünfziger Jahren auf einem Jesuiten-Internat bei Bonn. Um Liebe ging es dort nicht, um Gehorsam umso mehr.

Wenn der Knabe nicht gehorchte, musste er zur Strafe nächtelang barfuß auf dem kalten Marmorboden stehen, bis die Sohlen brannten. Davon ließ er sich nicht brechen, er baute sich ein Radio, hörte heimlich Jazz und wurde Kommunist. Alles würde er später anders machen als die Altvorderen, das schwor er sich.

Nach dem Abitur zog er nach Köln. Studenten-WG, Theaterwissenschaften, lange Haare, Pilotenbrille. Als die Kommunisten an die Werkbank riefen, ging Georg Röring zu Ford ans Fließband. Für die Sache. Um der Bundeswehr zu entgehen, zog er nach Berlin, schrieb sich für Soziologie ein und kämpfte dort gegen die Mächtigen.

Abends diskutiert er mit Genossen die richtige Linie, morgens verteilte er Flyer vor Fabriktoren. Dass die Arbeiter nichts vom Kommunismus wissen wollten, merkte er schnell. Aber was soll’s, es ging ja noch immer um die Sache.

An einem warmen Sommermorgen verliebte er sich vorm Werkstor in eine Genossin mit kurzem Kleid. Nachdem beide ihr Diplom in der Tasche hatten, heirateten sie ganz bürgerlich. Die Revolutionslieder auf der Hochzeitsfeier im Wedding erinnerten noch an die bewegten Studienjahre.

Das junge Paar zog in eine kleine Spandauer Wohnung, und als der erste Sohn geboren wurde, verbrachte Georg Röring seine Abende im Kinderzimmer, um auch als Vater alles anders zu machen als sein Vater.

Als bei der Lebenshilfe für geistig Behinderte ein gut bezahlter Job frei wird, übernimmt er ihn. Eine pragmatische Entscheidung, die sein Leben verändern soll. Denn von nun an wird Georg Röring wirklich gebraucht. Die Menschen, denen er begegnet, bezeichnet die Gesellschaft als behindert, sie haben keine Lobby.

Ende der siebziger Jahre ist die Behindertenbewegung noch jung. In Frankfurt ketten sich Rollstuhlfahrer an Tram-Gleise, um zu protestieren, Georg Röring setzt sich in Berlin für die Selbstorganisation von Eltern mit behinderten Kindern ein. „Was ist denn schon normal?“, fragt er. Normalität, findet er, ist ein „Scheißkonzept“.

Im Auto setzt er sich eine rote Nase auf und zieht Grimassen, wenn jemand auf der Autobahn drängelt, er fährt Motorrad mit T-Shirt und bunter Krawatte und meint: „Die Welt braucht Verrückte.“ Jeden Samstag geht er mit seinen Söhnen zum Behindertenschwimmen.

Er hat hohe Ansprüche an sich selbst und auch an andere. So eckt er in seinem Job an, zieht weiter, begehrt wieder auf. Er legt offen, dass Behinderte sterilisiert werden, er akzeptiert die Bequemlichkeit der Mitarbeiter nicht, akzeptiert seine eigene Machtlosigkeit nicht. Er spottet, schimpft – und beginnt etwas Neues. Er führt ein Wohnprojekt für Behinderte, lehrt, leitet eine Behindertenwerkstatt. Röring ist einer, der nach vorne schaut, nicht zurück. Dass er Erfolge hat, Menschen helfen kann, bemerkt er oft nicht.

Als stellvertretender Leiter einer Behinderteneinrichtung in Cottbus hält er es nur drei Monate aus. Er ist genervt vom Chef und wütend darüber, dass sich nichts ändert. „Behinderte werden behindert gemacht!“ „Der Fisch stinkt vom Kopf her!“ In dieser Zeit wird der Alkohol immer wichtiger in seinem Leben.

Georg Röring macht sich selbstständig: Er berät Behindertenvereine und bildet Lehrer aus. Seine Söhne sind längst ausgezogen, er wohnt allein und trinkt immer mehr. Irgendwann fangen die Hände an zu zittern, und er stürzt beim Motorradfahren. Als es nicht mehr geht, geht er in Therapie. Drei Monate hält er es dort aus. Dann hört er einfach so auf zu trinken, ganz von selbst.

So unerwartet wie der Alkohol Besitz von ihm ergriffen hat, verliert er ihn auch wieder. Ganz zum Schluss, als er schon den Krebs im Körper hat, wird Georg Röring ruhig. Er resigniert nicht, er lässt los. Einmal in der Woche liest er nun für Schulkinder und bekocht seine alte Nachbarin. Er hat sich nicht brechen lassen, bis zum Schluss nicht.

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