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Friedegund Weidemann Foto: privat
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Nachruf auf Friedegund Weidemann Nähe und Distanz

Mehr aus sich zu machen als das Vorhersehbare, das hatte ihr die Mutter vorgelebt. Darum ging es auch ihr. Nachruf auf eine, die die Zufriedenheit spät fand

Friedegund, über den Namen lächelten viele, wie altbacken, aber der Vater hatte es todernst gemeint mit seinem Kampf für den Frieden, den die Tochter fortführen sollte. Gundel hieß sie für ihre Freunde, Oma Fiete für ihre Enkel, Dr. Weidemann im Umgang mit Kollegen, die an ihrer Kompetenz als Kunsthistorikerin zu zweifeln wagten.

Friedegund, geboren in Königsberg, der Vater Wilhelm Sozialdemokrat, Lehrer, Abgeordneter, 20 Jahre älter als die Mutter, die seine Bildung bewunderte, aber seine Unerbittlichkeit fürchtete. Dass er die Gestapohaft überlebte, war ein Wunder, ein zweites, dass er nicht an Bord der Gustloff ging, die mit Tausenden Flüchtlingen und Verwundeten an Bord in der Ostsee versank. Seine Frau, die beiden Kinder, Wilhelm und Friedegund, der Großvater und die Großmutter, waren bereits nach Sachsen umgesiedelt worden. Elstertrebnitz, bei Leipzig, wo die vielen Flüchtlinge wenig willkommen waren. Als auch der Vater endlich eintraf, war das dritte Kind, Angelika, bereits geboren.

Schon am 1. Mai 1945 hielt Wilhelm vor dem Rathaus Pegau eine Befreiungsrede unter dem Schutz der amerikanischen Soldaten, Wochen später dann stand er unter der Aufsicht der russischen Besatzer. Er selbst hoffte auf ein großes sozialistisches Erwachen, die einheimischen Bauern hingegen sehnten sich in die gute alte Zeit zurück. Die Zugezogenen, das waren „Rote“, „Packzeug“, das im Dorf nichts verloren hatte. Aber die Kinder, die hatten ihr Paradies, denn die Welt war voller Träume und fremder Laute.

Es fehlte an allem, nur nicht an Nähe

„Mei Mann, der Bürchermeester, hat mir dieses scheene Kleid gekooft.“ „Mei Mann, der Keenich, hat mir eenen Kaninchenpelzmantel geschenkt.“ „Mei Mann ist der Oberschte der Welt, ihm gehert alles und ich kriesche alles, was ich will.“ „Aber mei Mann ist der Alleralleroberschte der ganzen Welt!“ Ein Spiel, zwei sehr wohlhabende, sächselnde Damen übertrumpfen sich täglich im Plausch, ein Spiel, das Angelika und Friedegund immer wieder spielten, denn es fehlte an allem, nur nicht an Nähe.

Die Wohnverhältnisse waren eng und karg, die Kälte kroch in die Körper, der Hunger hielt nächtelang wach. Aber schlimmer waren die Träume, das Gewitter der Bomben, die Bilder am Wegesrand der Flucht. Was half, waren Haarkränze aus Gänseblümchen, waren die Geschichten der Großmutter, die feiertäglichen Leibgerichte auf dem Herdfeuer. Pfingsten gab es meist die neuen Sommerkleider, zu ihren Geburtstagen im November und Dezember die Winterkleider. In die Schuhe wurde vorn so lange Papier oder Watte hineingesteckt, bis sie in die richtige Größe hineingewachsen waren.

Den Eltern fiel es nicht schwer, das Dorf zu verlassen, als der Vater im Herbst 1950 eine Stelle als Schulleiter in Berlin angeboten bekam. Für die Kinder war es die Vertreibung aus dem Paradies. Zumal der Vater in der Hauptstadt nie glücklich wurde. Er verzweifelte am bürokratischen Sozialismus, hochgeehrt, aber verbittert zog er sich die letzten Jahre vollends in sich selbst zurück.

„Nähe und Distanz“, das wurde Friedegunds Lebensthema, in der Kunst wie im Leben. Sie wollte unbedingt ein Kind, aber keineswegs den Mann dazu, denn er sollte nicht werden wie ihr Vater. Sie suchte die Nähe zu ihrer Mutter und blieb bis zuletzt in Friedrichshagen, kein Vergleich zum Dorf der Kindheit, aber im Grünen gelegen, am Müggelsee, und Oma Hedwig nur zehn Fußminuten entfernt. Auch ihr Sohn sollte sein kleines Paradies haben, denn er durchlitt von Mumps bis Meningitis alle Kinderkrankheiten, was auf wenig Verständnis bei Friedegunds Vorgesetzten stieß.

"Immer ganz doll hübsch“

Bis tief in die Nacht hinein schrieb sie an der Dissertation, wenn der Sohn endlich schlief. Morgens dann ging es wieder sehr früh raus mit der S-Bahn „in die Stadt“. Mehr aus sich zu machen als das Vorhersehbare, das hatte die Mutter vorgelebt, was das Aufhübschen angeht, aber vor allem die Ausbildung. Friedegund „war immer ganz doll hübsch“, wie ihre Enkel noch im Alter stolz applaudierten, und vor allem war sie ruhelos, weil ihre Neugier auf das Schöne nie erlahmte.

Nach dem Studium der Kunstgeschichte wurde sie Kustodin und Kuratorin in der Nationalgalerie und fühlte sich als solche von Amtswegen nicht sonderlich geschätzt, trotz ihrer vielen Publikationen. Nach der Wende würde alles anders werden, dachte sie und irrte, denn viele Stellen wurden rasch mit dem Kürzel „kw“ gebrandmarkt, „künftig wegfallend“. Ihr Gehalt blieb niedrig, die Verträge wurden kurzfristig verlängert, immer wieder musste sie sich neu beweisen, aber sie blieb zäh und fand schließlich eine feste Anstellung im Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof. Das kostete Nerven, viele Zigaretten, und nicht selten stieß sie andere mit ihrem Kampfeswillen vor den Kopf. Zugleich war sie rührend fürsorglich in ihrer Aufmerksamkeit für Kollegen und Freunde. Vom eigenen Kummer erzählte sie nie, sie erblindete auf einem Auge, lebte in der ständigen Angst auch das andere zu verlieren. Was sie nicht davon abhielt, jeden Tag ein Buch zu lesen, nachdem sie dann doch ein wenig früher als vorgesehen in Rente ging, aus gesundheitlichen Gründen.

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Lange hatte sie nicht gewusst, was es heißt, inneren Frieden zu finden, aber sie lernte auch das. Norbert half ihr dabei, er nahm sie so, wie sie war, was sie ihm auf ihre Weise dankte, indem sie ihn heiratete. Sie ging viel auf Reisen, suchte die Orte ihrer Kindheit wieder auf und fand eine neue Heimat, dort, wo auch ihr Sohn sein Zuhause gefunden hatte, auf der Insel La Palma. In den Wintermonaten zog sie zu ihm, kochte den Enkeln ihre Lieblingsgerichte und staunte, dass sie selbst zuweilen ganz zufrieden und entspannt in die Sonne blinzeln konnte: „Ich hab mein Leben gelebt.“

Dass sie schwächer wurde, ein Infekt sie plagte, darüber schwieg sie so lange, bis es zu spät war.

Aber das kleine Paradies, das blieb für sie das kleine Paradies. Den Vulkanausbruch erlebte sie nicht mehr. Der Lavastrom zerstörte viel von dem, was Friedegund an der Insel geliebt hatte. Die Straße zum Strandcafé, wo sie auf die Geburt ihres ersten Enkels angestoßen hatten. Das Restaurant, wo sie an Weihnachten alle gemeinsam „Feliz navidad“ sangen. Wie so oft hatte sie ihren Sohn auch auf dieser Feier ermahnt, mit dem so gern von ihr wiederholten Satz, für den man nur so lange belächelt wird, bis der Tod ihn beglaubigt: „Genieße die Zeit im Kreise deiner Liebsten.“

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