Franz Ehmke (1928-2018) Foto: privat
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Nachruf auf Franz Ehmke (Geb. 1928) Wie geschmackvoll!

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Er hatte Berufsverbot. Arbeitslos durfte er jedoch nicht sein. Also begann er Gärten zu gestalten.

Ein Seidenwirkerlehrling namens Heinrich Wohler sollte sich 1834 im perspektivischen Zeichnen vervollkommnen. Also nahm er Block, Stift und Aquarellkasten und machte sich auf den Weg in die Dörfer, die heute zu Berlin gehören, und zeichnete und tuschte alle Feldsteinkirchen. Die recht naiven Abbildungen wurden zu einem Büchlein zusammengestellt. Und gerieten irgendwann in Vergessenheit. Bis sie, 150 Jahre später, wiederentdeckt und neu verlegt wurden.

Ein Schatz, ein fotografisches Gedächtnis ohne Fotografien. Denn die Kirchen hatten sich in der Zwischenzeit verändert, Brände, Kriegsschäden, hier ein neuer Anbau, dort ein gotischer Fensterbogen, der einst romanisch gerundet war. Ohne Heinrich Wohlers Dokumentation könnten wir uns heute kein Bild von den ursprünglichen Bauten machen.

Anfang der 90er Jahre fiel das Wohler-Buch Franz Ehmke in die Hände. In einer Zeit des Schwankens. „Man muss am Tage etwas Sinnvolles machen“, sagte er stets, aber das Sinnvolle zeigte sich jetzt, nach dem Wendepunkt des Mauerfalls, für ihn, Franz Ehmke, nur spärlich. Hatte er sich in den letzten Jahren der DDR doch endlich entfaltet, gesellschaftlich, künstlerisch.

Zwei Jahre Bautzen, Berufsverbot, Zigaretten

Gesellschaftlich war es in seinen frühen Jahren nicht so gut gelaufen. Mit 15 stand er Unter den Linden an einem Flakgeschütz. Mit 17 wurde er Gärtner, was ihn aber langweilte. Ende der Fünfziger gingen seine Eltern nach West-Berlin, er blieb in der Pankower Wohnung und arbeitete in einem staatlichen Entwurfsbüro für Parkanlagen. Nach dem Mauerbau wollte er seinen Eltern in den Westen folgen, schaffte es auf eine Fähre Richtung Dänemark, wurde aber verhaftet. Zwei Jahre Bautzen, danach kaum je ein Wort über seine Erlebnisse im Knast. Entlassung aus dem Entwurfsbüro, Berufsverbot, Zigaretten, viele Zigaretten.

Arbeitslosigkeit war untersagt im Staat der Arbeiter und Bauern. Er fand Kleindarstellerjobs bei der DEFA in Potsdam. Dort fand er auch den Mann, den er liebte. Er hatte viel Zeit, also renovierte er das Pankower Haus und gestaltete den Garten. Und während er renovierte und gestaltete, sah er diese Männer, die stumm an Straßenecken herumstanden, ihn nicht aus den Augen ließen und dann doch mit einer Frage an ihn herantraten: „Warum gehen Sie keiner geregelten Arbeit nach?“ Er hätte antworten können: „Weil es mir Ihre Vorgesetzten untersagt haben. Es liegt offensichtlich eine Informationslücke bei Ihnen vor.“ Aber er vermied den Konflikt, so wie er prinzipiell, auch im Privaten, Konflikte vermied. Er wollte zeichnen, malen, allein spazieren gehen. Machte sich manchmal für eine Woche allein auf den Weg, streifte durch die Brandenburgischen Felder und Wälder, um irgendeine seltene Pflanze zu finden.

Er begann, Ratgeberbücher zu schreiben

Der Umschwung kam auf geradezu satirische Weise. Sein Haus befand sich gleich um die Ecke vom Majakowskiring, wo es sich DDR-Funktionäre in ihren für DDR-Verhältnisse schicken Villen gemütlich gemacht hatten. Gärten umgaben die Villen. Gärten mit langweiligem Rasen und ein paar Büschen. „Wie geschmackvoll es bei Ihnen aussieht“, sagte eines Tages ein hoher Funktionär zu Franz Ehmke über den Zaun hinweg. „Könnten Sie nicht auch an meinem Garten etwas machen?“

Ein erster Auftrag also, vorbei am Berufsverbot, schwarz bezahlt – und weitere Aufträge folgten, weil die anderen Bonzen auch so schöne Gärten wollten. Irgendwann plante er nur noch, führte selbst nicht mehr aus, das machten andere. Vom Berufsverbot war schließlich keine Rede mehr. Gesellschaftlicher Aufstieg.

Franz Ehmke begann, Ratgeberbücher zu schreiben. Denn die DDR-Bürger liebten ihre Datschen, doch nicht jeder Datschenbesitzer hatte einen grünen Daumen. „Der Garten am Haus“ und „Der Wochenendgarten“ wurden Bestseller. Bis zur Wende. Dann kam eine Weile nichts. Dann kamen die Kirchen.

Künstlerisch gesehen war seine Entwicklung hingegen eine stetig voranschreitende. Am Anfang entwarf er nur Pläne; für seine Bücher fotografierte er und zeichnete in Schwarzweiß; für die Brandenburgischen Kirchen benutzte er farbige Pastellkreiden und war bald so geübt darin, dass die Bilder aussahen wie Aquarelle. Da ihm zufällig dieses Buch des Seidenwirkerlehrlings Heinrich Wohler in die Hände gefallen war, schuf er eine Dokumentation der Feldsteinkirchen im Umland Berlins.

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Er hätte die Blätter einzeln verkaufen können, aber das wollte er nicht. Die Kirchenbilder sollten beieinander bleiben, für eine Ausstellung womöglich oder für ein Buch. Bisher ist es nicht dazu gekommen.

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