Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Elke Bredendiek Foto: privat
© privat

Nachruf auf Elke Bredendiek Da ist ja Schwester Elke!

Ihr konnte nicht viel geholfen werden. Umso mehr war sie für alle anderen da.

Otto wartet auf Elke. Er sitzt vor einem Lokal und schaut die Hufelandstraße hinunter, sie wollen zusammen essen. Am Nachbartisch sitzen Leute, Patienten der Arztpraxis gleich nebenan, in der Elke als Krankenschwester arbeitet. Dann kommt sie. Direkt vor ihr läuft Axel Prahl. Einer der Patienten vom Nachbartisch reckt sich ein wenig und ruft: „Guckt mal, da ist ja …“ Axel Prahl zeigt sein zufriedenes Ich-werde-überall-erkannt-Gesicht. Und der Patient vervollständigt seinen Satz: „… Schwester Elke!“

Der Künstler Harf Zimmermann fotografierte zwischen 1986 und 1987 die Menschen und Häuser in der Hufelandstraße. Für die Zeitschrift „GEO“ kommt er 20 Jahre nach dem Mauerfall noch einmal zurück. Was hat sich verändert? Das „Hally Gally“, eine Kneipe in der Straße, scheint ihm der richtige Ort, um Leute zu finden, die ihm ein bisschen was über ehemalige Bewohner erzählen könnten. „Wissen Sie, was aus dem geworden ist?“ Harf Zimmermann zeigt auf ein Foto. – „Nee.“ – „Und der?“ – Wieder Schulterzucken. So geht das eine Weile. Bis jemand sagt: „Da müssen Sie Otto fragen.“ Also macht Zimmermann Otto ausfindig. Die Fragerei geht von neuem los. Bis Otto sagt: „Da müssen Sie Elke fragen.“ Elke kennt fast jeden, und jeder kennt Elke.

Die meisten haben sich von ihr schon mal den Blutdruck messen oder Blut abnehmen lassen. Sie besuchte die Leute, wenn es nicht anders ging, zu Hause, auch nach der Arbeit und am Wochenende. Sie notierte sich alle Geburtstage und schrieb Glückwunschkarten. Brauchte jemand Trost, legte sie Tulpen und Freesien vor die Tür. Blumen und Porto waren ein fester Posten in ihrer Haushaltskasse. Sie sorgte sich eben. Um alle. Judith, ihre Tochter, erzählt: „Ich habe einmal zu ihr gesagt: Nein, Mama, du musst kein Essen zu uns tragen, wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen!“

Wie es ihr selbst ging, interessierte Elke weniger. Als sie einmal, beim Werkeln in der Wohnung, von der Leiter gefallen war und sich den Fuß gebrochen hatte, humpelte sie fröhlich mit Krücken zum Dienst. Und als es im letzten Jahr schon hoffnungslos schlimm um sie stand, brachte sie einer kranken Freundin einen prächtigen Herbststrauß.

Und dann war’s wieder vorbei mit der Besinnlichkeit

Sie mochte das Schöne. Ein Sonnenblumenfeld auf dem Weg in die Uckermark. „Halt mal an“, sagte sie, Otto hielt, sie stieg aus, verschwand zwischen den gelben Blüten und tauchte nach einigen Minuten wieder aus ihnen auf, mit einem dicken Bündel Blumen im Arm.

Da, wo sie herkam, aus Möllen, einem Dorf in der Niederlausitz, hatte ihr das Schöne gefehlt. Keine Landidylle, immer nur Schufterei. Die Eltern arbeiteten in der LPG, Elke kümmerte sich um die beiden jüngeren Brüder. Außerdem mussten die Hühner und Enten und Schweine versorgt werden. Die Küche mit dem antiquierten Herd lag im Stall, das Plumpsklo am Ende des Hofs. An Heiligabend, wenn andere Familien schon unterm Weihnachtsbaum saßen, reparierte der Vater noch rasch einen Zaun, und die Mutter fütterte die Tiere, man hockte sich für ein, zwei Stündchen zusammen, und dann war’s wieder vorbei mit der Besinnlichkeit. Wenn Elke später ihre Eltern besuchte, kam sie rein, hängte ohne lange Begrüßung ihre Jacke an den Haken, zog eine Kittelschürze über und begann, Kartoffeln zu schälen, Eimer zu schleppen, irgendwas zu putzen.

Sie wollte da früh raus. Ein bisschen mehr Weite. Aber das Rauskommen erwies sich in der DDR als schwierig. Denn politisch zeigte sich Elke nicht ganz auf Linie. Sie war, als Einzige in ihrer Klasse, nicht in der FDJ. Ging nicht zur Jugendweihe, sondern ließ sich konfirmieren. Woraufhin ihr Vater, LPG-Vorsitzender, „augenblicklich abgesägt wurde“, wie Otto sagt. Das Abitur konnte sie sich ohnehin abschminken. Aber der Pfarrer der Gegend machte ihr Mut, sie solle es auf der Halbinsel Hermannswerder in Potsdam versuchen, dort gebe es ein evangelisches Gymnasium. Allerdings könne man mit dem Abschluss nur Theologie studieren. Elke absolvierte die Schule, für das Studium entschied sie sich jedoch nicht, zwar lag ihr viel an der Kirche, an der wissenschaftlichen Seite der Sache aber weniger. Das wäre auch ihren Eltern fremd gewesen. Als einer ihrer Brüder Bibliothekar wurde, fanden sie: „Das ist doch keine richtige Arbeit.“

Krankenschwester dagegen war eine richtige Arbeit. Während ihrer Ausbildung in Berlin lernte Elke Peter kennen. Sie bekam ihren ersten Sohn, Jakob, und zu dritt zogen sie wieder nach Möllen, auf den Hof der Eltern, zurück in die Enge. Die Ehe ging in die Brüche, und dann tauchte Otto auf. Otto studierte Theologie und sollte zum diakonischen Praktikum in ein Altenheim in Beeskow. Wo Elke arbeitete. Ein paar Tage vorher rief er dort an, um sich den Weg beschreiben zu lassen. Elke nahm den Hörer ab. Otto verliebte sich in ihre Stimme. Und schließlich in den Rest. Die raspelkurzen Haare, die lebendigen Augen, ihre Lebendigkeit überhaupt. Irgendwann sagte er in gespielt harmlosem Tonfall zur Chefin des Heims: „Ich übernehme gern die Nachtschichten, das macht mir gar nichts aus.“

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte der Autorin, Tatjana Wulfert, lesen Sie hier]

Von Peter ließ sich Elke scheiden, 1989 kam Judith zur Welt und ein Jahr später Simon. Sie lebten jetzt in Berlin, Otto schmiss das Theologiestudium und arbeitete auf dem Bau, sie zogen in die Hufelandstraße, Elke fand die Stelle in der Arztpraxis, in die später auch Otto als Mann am Empfang wechselte.

Sie fuhren gern weg. „Nicht nach Südamerika“, sagt Otto, „eher in die Uckermark und an die Ostsee, in eine gemütliche Fewo.“

Im Sommer 2020 dann die Diagnose: Darmkrebs. Die Therapie schlägt nicht an, Metastasen kriechen in Lunge und Leber. Otto stellt Elkes Bett unters Fenster im Wohnzimmer.

Am 28. November 2021, vier Tage vor ihrem Tod, steht Elke noch einmal auf und setzt sich aufs Sofa. Otto hat Andrej Hermlin gebeten, für Elke zu swingen. Vier Musiker bauen ihre Instrumente auf, dann geht es los, Rachel, Andrej Hermlins Tochter, singt, in ihrem Haar steckt eine rote Blume. Freunde, die vorbeigekommen sind, wagen kleine Tanzschritte, Elke bewegt vorsichtig ihren Kopf im Takt. Nach einer Stunde bauen die Musiker ihre Instrumente wieder ab. Rachel bleibt noch ein wenig: „Weil es so schön bei dir ist.“

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite