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Elisabeth Schulze (1923-2019 Foto: privat
© privat

Nachruf auf Elisabeth Schulze (* 18. Februar 1923) Hier und jetzt und die Familie

Einen eigenen Beruf ergreifen, aus sich was machen, nach etwas streben, auf solche Gedanken kam sie nicht, es war auch nicht die Zeit dafür.

Familie war für sie alles. Natürlich musste den Eltern auf dem Hof geholfen werden. Und natürlich stand sie an der Seite ihres Mannes und erledigte zu Hause alles, was zu erledigen war. Und die Söhne und Enkel? Die sollten so nah wie nur irgendwie möglich bei ihr wohnen bleiben.

Als Elisabeths Mutter aber krank wurde und starb, konnte sie nicht bei ihr sein. Ein paar hundert Meter trennten sie, Elisabeth in Gatow, Berlin-West, und ihre Mutter in Seeburg, Bezirk Potsdam, DDR. 1965 war das, zwischen ihnen stand die Mauer. Da blieb Elisabeth nichts anderes übrig, als zu dieser Mauer zu gehen, so dicht ran wie möglich, um den Glocken der Seeburger Kirche zu lauschen, die die Beisetzung ihrer Mutter verkündeten. Lauschend und weinend, so stand sie da.

Elisabeth Schulze, geborene Gerlach aus Masuren. Ihr Vater war ein Schmied, ihre Mutter organisierte den Hof, die Familie mit den fünf Kindern. Elisabeth erlebte eine sorglose Landkindheit mit manchmal strengen, vor allem aber liebevollen Eltern. Im Winter kurvte sie mit Schlittschuhen auf den zugefrorenen Seen, im Sommer schwamm sie im Fluss hinter der Schmiede. Sie spielte Mundharmonika und Ziehharmonika, beides sehr gut. Anpacken musste sie auch: Brennnesseln für die Schweine schneiden, vom Bauern mit der Kanne die Milch holen. Ein Foto zeigt ein Mädchen mit blonden Haaren, mit weißem Kleid und nackten Füßen, mit Wanderstock in der Hand und schönem Lächeln im Gesicht. Im Hintergrund der Wald und die Seen.

Elisabeth Schulz (1923-2019) Foto: privat Vergrößern
Elisabeth Schulz (1923-2019) © privat

Manchmal stritt sie sich mit ihren Eltern. Denn Elisabeth hatte in der Schule gelernt, dass Adolf Hitler ein guter Mann sei. Beim BDM gefiel es ihr, die Tänze, die Freundschaften und die Fahrten, so erzählte sie es. Ihre Eltern sahen das anders und sagten ihr das auch. Der Krieg kam, die Brüder mussten an die Front, die Schwester ging ins Lazarett, die Freundinnen wurden in die Munitionsfabriken abkommandiert. Elisabeth half dem Vater in der Schmiede und der Mutter im Hof. Einen eigenen Beruf ergreifen, aus sich was machen, nach etwas streben, auf solche Gedanken kam sie nicht, es war auch nicht die Zeit dafür. Hier und jetzt und die Familie, das war, was zählte.

Die Flucht, der Neuanfang, zehn Jahre später: Elisabeth kehrt aus der Schweiz zurück. Drei Jahre war sie dort Haushälterin gewesen, dann kam die Sehnsucht nach den Eltern, den Geschwistern, die alle schon geheiratet hatten. Sie lebten jetzt am Rand von Berlin. Und auch ihn sah sie wieder, Albert, einen Jungbauern aus Gatow. Jahre zuvor waren sie schon einmal aufeinandergestoßen, hatten sich umkreist, ein bisschen Tanzen, ein bisschen Kino, einmal die Hand auf ihrem Bein. Liebe auf den ersten Blick war es bei Elisabeth nicht. Doch was soll’s, man wird ja nicht jünger. 1957 heirateten sie.

Gatow, gerade noch West-Berlin, ein Bauernhof mit 6000 Quadratmeter Garten, drei Jungs, und Elisabeth war in ihrem Element, war Ehefrau, zog die Kinder groß, kümmerte sich um Haus und Hof. Dem Mann brachte sie mit dem Henkelmann das Essen aufs Feld, war voller Energie und guter Laune. Ging sie mit den Kindern spazieren, rief sie: „Dauerlauf, Dauerlauf macht Vergnügen, wer nicht mitkommt, der bleibt liegen.“

Die Jungs erinnern sich daran, wie fantastisch es war, nach vollbrachter Getreideernte mit dem Vater auf den Kornsäcken zu sitzen und das Essen, das sie ihnen gemacht hatte, zu vertilgen. Die Jungs hatten alle Freiheiten, die Eltern waren ja beschäftigt. Zusammen mit ihrem Mann kümmerte Elisabeth sich um den Garten und die Blumen. Kochte ein, was es einzukochen gab, Gemüse, Obst, Beeren, machte Apfelsaft, wurde geliebt für ihren Kuchen und ihre Eintöpfe. Einmal im Jahr trug sie alle Teppiche des Hauses nach draußen und klopfte sie über der Teppichstange so lange aus, bis kein Staubkorn mehr herausfiel.

Doch da war die Mauer, die Elisabeth von ihren Eltern und Geschwistern trennte. Die Schwester starb, und sie war nicht dabei. Die Mutter starb, und sie war nicht dabei. Der Vater starb, und sie war nicht dabei. Schließlich gab es die Passierscheine, und Elisabeth durfte wenigstens noch Martin besuchen, ihren jüngsten Bruder. Mit ihm erkundete sie die Seen der Umgebung, fuhr Rad und schwamm, fast so wie früher in Masuren.

Als Albert krank wurde, ertrug sie seine Launen. Er wollte es überall dunkel haben, drehte alle Lichter aus. Sie liebte das Helle und machte die Lichter wieder an. Und sie pflegte ihn jahrelang, bis er starb. Als sie selber immer älter wurde, machte sie Gymnastik, fuhr immer mit dem Rad einkaufen und freute sich, dass ihre drei Söhne bei ihr geblieben waren. Sie hatten den riesigen Garten aufgeteilt, Häuser draufgestellt, und so konnte Elisabeth sie immer sehen, sie und ihre Enkel. Die Familie war zusammen, und das war das Wichtigste, selbstverständlich neben ihrem Gottesglauben. Am 3. März 2019 starb sie zu Hause in ihrem Bett, mit dem Blick nach draußen.

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