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Eberhard Baschien Foto: Get Stoned
© Get Stoned

Nachruf auf Eberhard Baschien Am Rand hinterm Piano

Fehlte ein Klavier, fehlte die Inspiration, riefen sie ihn, und er sagte: Ja. An Bodenhaftung allerdings mangelte es ihm zuweilen.

Eine dicke schwarze Spinne lebte an der Decke seines Musikzimmers. Ab und an seilte sie sich herab, bis sie genau über dem E-Piano von Eberhard schwebte, regungslos, als ob sie ihm zusehen wollte, wie er auf die weißen und schwarzen Tasten drückte, die Kopfhörer über die Ohren geklemmt. Was er spielte, war nicht zu hören, weder für die Spinne noch für Eberhards Mitbewohner. Es war nur dieses stundenlange Klappern, mal langsam, dann wieder schnell, auch mitten in der Nacht. Klar durfte die Spinne bleiben und hier ihre Kinder bekommen. Eberhard putzte um ihr Netz herum.

Er hatte etwas Zartes. Klein, dünn, schmächtige Schultern. Freundlich schaute er durch die runden Gläser seiner Brille, die auf seiner etwas spitzen Nase ruhte. Dann war da noch sein Gang, leicht federnd, fast hüpfend. Wenn er mit den anderen Musikern auf der Bühne stand, machte er nie die große Show. Er hatte seinen Platz am Rand hinter seinem Piano, mehr der Beobachter. Was das Publikum nicht wusste: Eberhard hatte die Musik arrangiert, hatte die Struktur reingebracht.

Es war ein Sonntagmorgen, alle trudelten nach und nach in den Proberaum. Eberhard saß schon da und spielte Bach, leise, zärtlich. Die anderen hörten zu und fühlten sich richtig sonntäglich. Da wechselte Eberhard zum Ragtime, die Füße tippten, die Köpfe wippten. Sich in Musik verlieren, die Wege der Melodien zu Ende gehen, das war sein Leben.

Eberhard war bekannt in der Kreuzberger Musikszene. Fehlte ein Piano, fehlte Inspiration, fehlte einer, der die Musiker-Ideen und Melodien einmal ordnete, war Eberhard der Richtige. Man brauchte ihn nur zu fragen, er sagte fast immer „Ja“ und spielte sich durch die Kreuzberger Bands, Kneipen und Clubs und Jahrzehnte. Mehrmals die Gneisenaustraße rauf und runter.

Krankenkasse? Steuererklärung? Es gab doch die Musik!

Bei „Get Stoned“ war er dabei, eine „Rolling Stones“-Cover-Band, bei der „Schwarzen-Risse- Band“, bei der „Sallie-Sallmann-Band“ und der „All-Blue-Band“. Manche sind längst vergessen, von anderen existieren noch Kassetten. Traf man Eberhard auf der Bergmannstraße oder in der Wiener Straße, war er unterwegs zur nächsten Probe, zum nächsten Auftritt oder zu einem Musikschüler. Von den Bands konnte er nicht leben. Nach dem Auftritt gab’s mal einen Hunni auf die Hand plus Benzingeld und Freibier.

Mit dem Geld war das bei Eberhard eh so eine Sache. Diese Notwendigkeit, welches zu besitzen – eine lästige Erinnerung daran, dass es im Leben nicht nur die Musik gab. Krankenkasse? Hatte er nicht. Steuererklärung? Brauchte er nicht. Selbst als Inhaber einer Musikschule. Erst hatte er dort als Lehrer gearbeitet, dann hatte er sie übernommen. Er war beliebt mit seiner ruhigen, geduldigen Art, an den richtigen Stellen aber auch fordernd. Wer wirklich was lernen wollte, war bei ihm richtig. Nur an der Bürokratie scheiterte er. Das war wie eine Blockade, wie eine Verweigerung. Man sah das ja schon an seinem Gang: leicht federnd, fast gelöst vom Boden der Tatsachen.

Hilfe wollte er aber auch nicht annehmen. Es gab genug Menschen, die ihn so mochten, dass sie all den Pflichtkram übernommen hätten. Eberhard lehnte ab. Und fuhr die Musikschule an die Wand. Räume gekündigt, Schulden am Hacken, Eberhard verschwand. Mit seiner Freundin lebte er für ein paar Jahre in einer Laube in Britz.

Dann gab es noch die Phasen, in denen es ihm wirklich nicht gut ging. Niedergeschlagen war er, in sich gekehrt, man kam nicht an ihn ran. Wochen konnte das so gehen, manchmal Monate. Irgendwann tauchte er wieder auf, als ob nichts geschehen wäre, Proben, Musik, Auftritte.

Stundenlang konnte man mit ihm in den Kneipen sitzen, Musikergeschichten erzählen, Musikwitze machen, man konnte ihm auch Liebeskummer anvertrauen. Eberhard hörte zu. Was ihn trieb, was ihn quälte, erzählte er nicht.

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Aufgewachsen war er in Frohnau, Haus, Garten, drei Geschwister, strenge Eltern. Vor allem sein Vater machte Druck, hatte hohe Anforderungen an die Kinder – und so eine Art, ihr Selbstbewusstsein kleinzuhauen. Jedes sollte ein Instrument lernen, die Eltern spielten auch, wie schon die Großeltern. Eberhard wählte das Klavier. Er bewarb sich an der Universität der Künste, wurde angenommen, fing aber nie dort an. Die Regeln und Anforderungen waren nichts für ihn.

Eberhard liebte es, Vögel zu beobachten, ihrem Gesang zu lauschen, rauszuhören, in welcher Tonart sie trällern. Das hatte er von seinen Eltern, die ihn und seine Geschwister manchmal geweckt hatten, um mit ihnen zu dieser Ecke zu fahren, an der ein Vogel so zauberhaft sang. Später, längst erwachsen, schickte ihm seine Schwester die Aufnahmen von Vögeln aus ihrem Garten. Eberhard erriet sie immer.

Im vorletzten Sommer hatte er Bauchschmerzen. Wird schon nichts Großes sein, sagte er dem Mitbewohner. Zum Arzt ging er nicht, hatte ja auch keine Krankenkasse. Es wurde besser, er konnte wieder üben, seine Radtouren nach Brandenburg unternehmen und mit den anderen Mietern seines Hauses darum kämpfen, dass ihre Wohnungen nicht verkauft wurden. Dann kamen die Schmerzen wieder, schlimme Schmerzen. Geht schon, sagte er, als er nur noch Joghurt hinunterbekam. Irgendwann kam doch der Krankenwagen. Darmkrebs. Jetzt konnte er sich nicht mehr wehren, jetzt konnten ihm seine Geschwister helfen. Beantragten Harz IV, kümmerten sich um die Krankenkasse. Doch es war zu spät.

Alte Schulfreunde kamen ins Krankenhaus, die erste Band, seine Musikerkollegen. Sie musizierten für ihn, und auch Eberhard drückte noch ein-, zweimal seine Tasten. Froh wirkte er. Was das alles mit ihm machte, darüber schwieg er weiter. Eberhard blieb Eberhard. Die Musik war seine Sprache. Im Februar starb er.

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